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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Janrg.26

Nr.4

Die (etzte Nacht
Von MUCR

Es war in der Namt vor unserem Absmied. Wie
ein krankes, weidwundes Tier hatte im mim aus meinem
Zimmer gesmlimen, und nun hockte, kauerte im vor
deiner Sm welle, aus der eine Scheidewand geworden
war,einAbgrund,ein unüberbrückbares: » Vor
bei!« Zitternd und fie=
berheiß war mein Kör ..
per i meine Hände brei:
teten sich vergeblich aus,
deine weißen Lenden
zu liebkosen I und die
sehnsüchtigen, begeh",
renden, aufgerissenen
Augen starrten in das
fürmterlime Dunkel um
mich her. Sie weinten
ihre Tränen nach innendahin, wo bei manchen
Menschen die Seele zu
sitzen pflegt. Die Seele,
deren bitterste Zeit es
ist, wenn sie bei vollem
Bewußtsein zu sterben
beginnt. Vor ein paar
Stunden nom, da hatte
ich meinem neuen, ein ..
samen Leben die ein e
Aufgabe gesetzt, dim
hassen zu lernenund wußte dom jetzt,
daß ich zu schwam dazu
sein würde, viel zu
schwach. Meine Zähne
klapperten, und ein tot:
gehetztes, winselndes
Schluchzen legte sich
zwischen meine heißen Lippen. Und plötzlim lodert die
Angst in mir auf, du könntest meine Nähe spüren, mein
Stöhnen hören. Ich glaube, du hättest mim totgesmlagen
dafür. Die Zeit verwirrt ja so leimt der Männer Be",
griffe, und, was ein Liebender als »rührende Treue« an:
spricht, das nennt ein Hassender ein: »unbegreifliches
sich einem Menschen an den Hals werfen!« Ein ganz
klein bißchen mußte ich nun doch lachen und eine kleine
Hundegeschimte aus »Minna von Barnhelm« riel mir ein,
wo so ein armes dummes Vieh sich durch keine Prügel
vom Bette seines Herrn vertreiben läßt. V ielleicht hast
p

4

du sie längst vergessen, nicht wahr? Dumme Sentimentalitäten, Romantik, Hirngespinste! Und doch gab es
eine Zeit, in der selbst du dimten konntest
noch gar ni mt lange vergangen ist sie.
Regelmäßig, sorglos,
gewissensrein klangen
deine schlummernden
Atemzüge zu mir ich hörte dein ge=
legentliches Räuspern,
Hüsteln, das Anknip.=
sen der Namttisch",
lampe, das Aufsprin.
gen deines Uhrdeckels.
Und ich sah dich mit ge...
schlossenen Lidern und
durch das Holz der
Tür hindurch vor mir.
Bis zum Halse hinauf
hämmerte mir das Herz
- die Pulse jagten ohnmächtig fast sank
im in meiner Ecke zu=
samm~n.
»Mam auf,
du!« sang das rasende
Ich werde
Blut es nie, nie begreifen
können, wie man es
mamen muß, um dim
hassen zu können.
Am anderen Mol'.
gen, als dann unser
letzter Tag begann, da
hattest du wohl schon
den Hörer deines nie
rastenden
Telephons
in der Hand, ein paar teilnehmende Worte für mein
übernächtigtes Aussehen; und ich log dir etwas vor
von »schlecht gesrnlafen haben !«; und du sagtest zwischen
ein paar geschäftlimen Donnerwettern ein: »das tut mir
aber leid! « zu mir.
Dann bramtest du mich auf den Bahnhof.
Vielleimt wirst du nie etwas von der letzten Nacht
im Leben unserer Gemeinsamkeit erfahren.Jener Nacht, auf deren Altar ich dir meine Jugend
geopfert habe.
        
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