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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

JaArg, IU )

Nr.,J

Von Her6erf Hirsdi6eru
Seit mehr als zwanzig Jahren habe ich meinen netten, behaglichen Haushalt und genau so lange hege ich den sicher
nicht wunderlichen Wunsch, eine Teepuppe zu besitzen - eine Teepuppe, die mir - graziös angezogen und aufgesetzt - in holder Fürsorge
meinen Tee, dies unentbehrliche Getränk
der geistigen Sekte, unter ihrer hütenden
Hülle heißhaIten sollte ...
0, . wie oft schon haben freundliche
Frauen mir eine liebliche Teepuppe versprochen, deren künftiges Bild ich einer
huldreichen Märchenfee gleichstellte . . .
Aber keine von all den Schönen hat das
leicht hingegebene Wort auch wahr gemacht! Immer blieb es beim bloßenWollen.
Nicht Mascha
mit dem Vergißmeinnichts blick nicht
Emmely, die schwarze
Tollkirsche - - nicht
das rot gelockte Kätehen, der Tizianstochter lockendes Ebenbild - - - nicht
. Alice, die zarte pfir~ichwangige
Lothringerin - - - nicht
Anna von der Waterkant, die braungoldene Kühle mit den
treuen Rehaugen - ja nicht einmal Tante
Maly 111 Selbst nicht
meine liebe schwarze
Schwester Erna; und
- nun schlägt's dreizehnl - weder meine
gleich gelockte Schwägerin Lilly, noch meines Bruders gutmütige
Schwiegermutter elotilde (nicht einmal
eine eigene Schwieger_
mutter besitze ich)
- - alle haben sie
mich wie Verschworene um mein Glück
betrogen - um dies
bescheidene
Glück,
eine zierliche Tcepuppe mein Eigen nennen zu dürfen und nachts beim späten Heimkommen dank
i~rer Treue noch Trost im Trunke zu finden - auch wenn
sie eben nur einen warmen Schluck labenden Tees schenken
sollte ...
Schmählich sah ich mich von. jeder einzelnen meiner holden Hoffnung beraubt, immer wieder grausam .entzaub~rtlll .sogar ~atja, die rassige
RUSSIn, verrtet mich!
Sie, die ich stets
mein 'blaues Wunder' nannte, hat mich sogar besonders schnöde gekränkt; denn diese
feurige Asiatin hatte bereits ein weites
Drahtgestell mit dazugehörigem Wachskopf
besorgt, so daß meine Phantasie (von dem
Gaukelspiel ihrer schönen Hände sichergemacht) weitschweifig zu schwelgen begann. Ich träumte ~bwechselnd
von einer lIüßen Ninon de
I'Enclos im aparten glockenrunden Rokokoröckchen mit
Volants, Spitzen und Falbeln,
von einer bezaubernden Jettehen Gebert im trichterförmigen Reifrock aus Sammet mit
seidenem Handbesatz der Biedermeierzeit, von einer entzückenden Paulette Leclerc im
stumpfen Barock des Directoire,

von einer stolzen Josephine Bonaparte im brokatstrotzend~n
Krönungsornat des Empire, von einer herbkeuschen Marla
Walewska in echt polnischer Nationaltracht, von einer schalk.
haft lächelnden Colombine im gestreiften
Schwarzweiß der Pierette... Aber,
Schmerz laß nachl Als Kat jas Handarbeit
soweit war, endlich ihren Beruf auch ausfüllen
zu können - - war es zwischen uns längst
aus. Und ich natürlich leer ausgegangen,
obwohl sie mir· seiner Zeit feierlich gel~bt
hatte, die mir geweihte Dame nach Fertlgstellu·ng auf jeden Fall ihrem Zwecke zuzuführen, was immer indessen geschehen
möge! Es ist wie ein böse~ Fluch. ~ Ich
soll mich eben keiner Puppe erfreuen durfen.
macht
"Vielleicht
mir Micaela, die heißblütige Ungarin,
eine?" hoffte ich im
Stille~nz wehmütig,
und wär's auch eine
garstige Spreewälderin ich nähme sie
da~kbar, obwohl ich
für 110 ein 'Talent im
Stillen' wenig übrig
hilbe (des Symboles,
wegen). Aber auch '
diese letzte Regung
führte zur Niete!
- "Blendwerk der
Hölle!" So verwünschte ich endlich meine
ungestillte Begierde,
als ich durch die Mitteilung eines jungen
Freundes schwer erschüttert wurde, er
habe von PatientinJien
bereits drei Teepuppen erhalten! 11 I.h
war über soviel Ungerechtigkeit in der
Welt platt.
Da sah ich kürzlich
bei Bekannten in der
Nachbarschaft
statt
einer Teepuppe eine
hohe
Bischofsmütze
aus Seide (ganz echt
in lila und weiß), wie
für eine Prozession geboren, als Teetischzierde sonderer Artl
Sofort wurde ich an meine zerstörten Illusionen schmerzhaft
gemahnt.
"Sie Glückliche!" sagte ich dann zu der Dame des Hauses
und erzählte schließlich von meiner unerfüllten Sehnsucht nach
der mir hundertfach versprochenen und
ebensooft gebrochenen stummen Tafelfreude.
"b . h
' .
"Aber, Herr Professor , unt.er rtC t sie
mich ernst, "Sie si&d doch em sonst so
feinsinniger Aesthet. - I.c~ versteh.e Ihren
Wunsch in dieser Intensltat .gar Dicht.
Wie kann jemand von Geist und Geschmack denn überhaupt Tee genießen,
wenn ihn irgendein Frauenzi~er stundenlang unter ihren Rocken gehabt
hatl Mir wäre der Gedanke
schon eine Qual, abgesehen
von dem Widerwillen!"
Alle lachten übcr den burlesken
Einfall.
Ich
allein
schwieg. Denn ich dachte an
"Dessous" und so. weiter. Und
darum konnte ich beim besten
.Willen meiner Gastgeberin auf
Ihren absurden Gedankengän.
gen nicht folgen . . .

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