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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.3

Immer wieder ging er denselben langen Vi eg, den hoffnungslosen, einsamen Weg, hlieb vor dem vornehmen, weißen Hause
stehen und blickte zu den Fenstern hinauf, bis die Leute auf
ihn aufmerksam wurden oder ein Regen ihn verscheuchte.
Dann schlich er in sein Zimmer, stützte den Kopf in die
Hände und sann nach . . . .
Wenn er sie nie gesehen hätte, wäre er froher, sorgloser.
Die Gedanken würdcn ihn
nicht quälen, warum sie eine
so schöne und stolze. ihm unerreichbare Dame und er nur
ein armer Student ist, der nicht
einmal 'seinen klaren Verstand
mehr hat. Denn den hatte er
verloren, als er die "Prinzessin",
wie er sie in seincn Gedanken
nannte, zum crsten Male gesehen h atte. In einem Kaufhaus war es, - obwohl er nicht
mehr erklären konnte, was ihn
zuerst gefesselt hatte, war er
wie angewurzelt stehen geblieben, als die Gestalt an ihm vorüberging. Dann hatte cr sich
umgedreht und war gefolgt. Mit
leichten, hochmütigen Schritten ging die Dame vor ihm
her, stieg in einen Wagen. der
rasch davonfuhr. Ohne Ueberlegen folgte ihr Heinz mit dem
nächsten Gefährt, aber ihr Gesicht bekam er nicht mehr zu
sehen. Es gelang ihm gerade
noch. das Haus zu erspähen. in
dem die Unbekannte abgestiegen war.
Zu Hause begann es ac er
erst: Da wurde ihm so recht
bewußt, wie tief sich dc r Eindruck des Nachmittags in sein
Empfinden ge bohrt hatte. Das
seltsame schöne Gesicht mit
den hellen Locken, die sich unter dem Pelz barett hervordrängten, der vornehm geschnittene Mund, der leise wiegende, selbstbewußte Gang . . . hundert andere Einzelheiten
saßen in ihm fest und ließen seine Gedanken nicht zur Ruhe
kommen. Einmal lachte er über sich: Ein verliebter Student,
was weiter? Dann stand wieder der Trotz in seinen Augen:
Verliebt? Gab es für ihn, den Einsamen, der nichts von den
Tändeleien und Liebschaften der Freude kannte, ein Verliebtsein, das wie eine Laune kam und wieder ging? Er wußte mit
trauriger Bestimmtheit, daß er an die Frau gebunden war, die
er heute zum ersten Male gesehen hatte.

Wisscn, wc r sic ist -. Sie einm al sprechcn können -.
Und dann ging er täglich hin aus in seinen freien Stund"n,
blieb vor d em Hause stchen. Einmal mußte sie doch herauskommen.
Aber dann? Sie gehörte dem Hause nach zu iner der vornehmsten Familien der Stadt. Sie würde ihn iellcicht mit
Verachtung ansehen, träte er näher; oder über ihn lachen.
Vielleicht drehte sie sich zu
ihrcm Gatten um: "Du. schaff
mir den lästi~en Bur 'ehen da
vom Halse!" Aber Cl' stand
und wartete und wußte chließ..
lich gar nicht mehr. warum er
da stand.
Einmal trat si
aus dem
Hause, in d mselhen weiten
Pelzmllntel. in dem er ie zuerst
gesehen batt.
nd (\1 sie
schon längst ver bwunden
war. stand er noch immer wie
gcbannt und schaute ihr nach.
Dann wartete er, duB sie zurückkäme.
Aber es wurde
spät, sehr spät, und sie kam
nicht. ..Sie wird 'Iuf einem
Fcst sein", ducht er traurig.
Und einmal d s Heu
stand ihm fast still - trat die
hoffnungslos erehrt uU' dem
Hause. ein pilar Pakete in der
Hand. kam ohne . Zügern auf
ihn zu und sagte lächelnd:
.,Ich beobachte Sie schon seit
cincr Stunde. Auf wen wllr·
tcn Sie denn?"
"Ich " arte nuf . . . nicmancl
... gniidigt's Fräulein .•. gnii
dige Frau . .. "
"Ach. Unsinn. Können Sie
dann vielleicht so li 'benswürdig sein und mir meine Pakete
tragen helfen?"
Es dauertc lange, bis sich die Lähmung in dem verliebten
Jungen gelegt hatte. Dann griff er mit überntltürlichem Eifer
zu. "Sie machen mich glücklich, Gnädigste ..."
"Ich hatte schon A ngst, daß Sie weggelaufen wÄren", plauderte sie weiter. "Dann hätte ich ganz allein die Sachen nach
Hause tragen müssen."
"Nach Hause? Wohnen Sie denn nicht hi r?"
"Aber im Gegenteil. Ich bin doch hier nur al Stenotypistin beschäftigt. Das heißt, heute zum letzten Male. Der
Alte bezahlt ja zu wenig, . , ..

--~--

Ausg[e iCh
Ein 'Fr~m(ür ridJtet an ein~ Malld
vor dem Postamt einille Worte:
.Ihr habt aber so verwundert er sü»,
.kleine Briej'kasten hier im Orte r
H
,

.Mau seilt: erwidert lac6end darauj'
das ketRsU Mr Datftlespmsur,
.Daj'ür aber" - das lJ(eidJt SI(/) aus .um so I1röß~n Kamm er!ensterl"

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