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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jünrg. 26

Nr. 3

Von Ca/nerina Godwin
Eine junge Frau ging manchmal zu einem jungen Manne,
denn sie liebte ihn •..
Sie liebte ihn sehr Jedoch sie trafen sich nur etwa aUe acht Tage für ein paar
Stunden, er hatte nämlich sehr viel zu tun, sehr viel gesellschaftliche Verpflichtungen und Rücksichten gegen seine Familie zu nehmen.
Eigentlich lebte sie nur noch für den Moment, wo sie bei
ihm sein durfte, in der Zwischenzeit wartete sie Ich bin sehr glücklich - dachte sie oft und weinte dabei.
Ihr Glück konzentrierte sich hauptsächlich in einer Ecke
seines großen Ateliers, wo auf breiter Ottomane viele weiche,
seidene, bunte Kissen gegen die türkische Verkleidung der
Mauer ruhten.
Da sagte er oft flüsternd schöne kurze Sätze zu ihr, z. B.
" . . . Nur du . . . Besondere . . . . . Wenn du fort bist,
atme ich sehnsuchtsvoll den Duft deines Körpers aus diesen
Kissen . . . . wir gehören zusammen. . . . . Meine Welt bist
du . . . . "
Es la g ein seltener Klang von \Vahrheit und Uebe rzeugung
in seiner Stimme.
Und sie glaubte ihm Einmal, als sie von ihm kam, bemerkte sie, daß ihr Perlenhalsband fehlte. Sie ging sogleich wieder zurück und schellte
- aber es machte niemand auf.
Dann läutete sie bei der Hausmeisterin, die das Aufräumen
seiner Wohnung besorgte.
Die Hausmeisterin hörte mit diskret - verständnisinnigem
Kopfnicken zu und geleitete die Dame hinauf in seine WohtllUng.

D ie breite Ottomane wurde zur Seite geschoben, der türkische Teppich ausgeschüttelt - die vielen bunten, weichen
Seidenkissen durchstöbert.
Es fand sich aber nichts.
Nur ganz versteckt unter den untersten Kissen lagen zwei
Haarnadeln.
Die eine war solch glatte, schwarze Stahlnadel, wie die
junge Frau sie immer trug, die andere war eine etwas größere
mit einem gewellten Einbug in der Mitte, wie die junge Frau
sie niemals trug - - -

r

12

Darauf vergaß sie plötzlich ihr Perlenkollier, gab der diskret-verständnisinnigen Hausincisterin 100 Mark, die: - aber
nein doch, aber nein doch - sagte und das Geld einsteckte,
während die junge Frau, - die beiden Haarnadeln krampfhaft in der Hand haltend - mit bebenden Knien die Treppen
hinabschritt.
\Vährend sechs Tagen saß sie fast immer bei der fremden
Haarnadel.
Saß still trauernd davor, wie vor einem Grabe.
Hörte das Grammophon seiner Worte dauernd in ihrem
Hirn: " ... Nur du ..• . Besondere . . . . wenn du fort bist,
atme ich den Duft deines Körpers . . . . ."
Es ist die große Lüge - fühlte sie. - - Es ist nun alles
ande rs - alles aus - - Ich werde nie mehr zu ihm
gehen. Ich werde nie mehr auf ihn warten - - nie mehr
- ich werde - nie mehr - seiner Lüge lauschen - - Es ist
nun alles tot Aber am siebenten Tage kam ein Brief von ihm, darin
stand: "Ich erwarte Dich heute Abend 8~ Uhr, Du Einzige
- P .S. -Dein Perlenkollier hat sich hier gefunden."
Sie zerriß das Schreiben. Ging zum Schreibtisch - las
nochmals seine vielen Briefe und verbrannte sie.
Ihr schien, als versänke ihr Leben ohne Ziel und Zweck.
- Es ist nun alles aus, wiederholte sie matt.
Doch als es langsam dunkelte - dachte sie in plötzlichem
Schrecken: Wieso ist denn alles aus? Warum? Was ist aus?
und was ist anders? - es hat sich ja nichts geändert - nichts
- - es war aus - schon zuvor - vielleicht schon lan ge zuvor - vielleicht schon immer - nur wußte ich es nicht.
Es ist ja alles wie bisher! - - es kann alles bleiben wie bisher! t - ich brauche ihn jetzt nicht zu verlieren, denn ich
habe ihn ja längst verloren - - - er darf nur nicht ahnen,
daß ich es weiß.
Sie kleidete sich in hastiger Erregung an, kämmte sich sehr
schön und befestigte die fremde gewellte Haarnadel in ihrer
eigenen Frisur.
Später beim matten Scheine der Ampel schob sie heimlich
die fremde Nadel wieder unter das unterste Seidenkissen der
breiten Ottomane.
        
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