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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.3

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Grctcl, wenn ich sO un dich denke . . . .
Mädelehen, dann klingen mir ein paur \Vortc auf . . . .
Die heißen: Weißt - du - noch - ....
Ein Märchen steigt IIUS irgendeiner traumhaften Stimmung
- kommt irgendwoher - Ist ein froher Lenztug. Dein llild hube ich noch, eine billige verblichene Photo!ll'll phie.
.
'
Auf der du lan~e nicht ~o hub!lch au~slehst. als du warst.
Kleines, Junges, Frischcs, - du warst emer der großen Propheten uuter den Fruuen, die ich liebte..
..
Und nun komm, iruendwoher, steh 1fI demselben duftigen
Sommerkleidehen vor mir, in dem ich dich kcnnenlerntc.
Setze dich neben mich - laß mich den Arm um deine
Schultern legen.
Weißt - du - noch Du weißt duß ich eine schI' uestrenge Frau Tante hattc. die
es neben d~r Zubereitung guten Essens für ihren kinderlosen
Herrn c.;emuhl sich zur Pflicht machte. über mein sittliches
Wohl zu wachen.
Und um so mißtl'uuiseher~, 1l1s ich Küns tler werden
wollte und mich der leichten Dame Musik verschrie ben hlltte.
Kün~t1er sind ehen für sogcnanntc gute Bürgerfamilien
zweierlei.
Als Sproß der Fllmilic nennt man ihn ,,(;cnie", "Riese mit
göttlichem Leichtsinn", "Aushängeschild" und nicht zuletzt
(wenn :lUeh zuwei len gern gesehen) "Verschwender".
Stammt er aber irgend woher, wird er nur dllnn eingelIIden.
wenn er einen Namen hat und im Gei~te über dem Strichpunkt
der andern Geistei' ~tcht.
Dem Künstler ist es langweilig, dem Spießer interessant.
Desh,dh legt er Iluch alle ungekonntcn Gefühle in die Seele
des Künstlers, stülpt tlber vorsichtig einen Gitterkorb über
/l.Cinen Schildei, der die Aufschrift trägt: Vorsicht I Diese Tiere
beißen und kratzen I
Nein. sie beißen nicht.
Aber den Spießer beißt das eiQene Ungeziefer ungekonntel'
Empfindungen, beißt ihn so. daß er sich zuweilen kratzt. Aller.
dings immer an der unrechten Stelle, nicht dort. wo er sollte,
- am Geldbeutel -.
Also - meine Tante fand sich bei meiner Wirtin ein und
hatte dus Glück, mich nach einer durchtobtcn Nacht anzutreffen.
Ich schlief. Will' verstört. hatte ein hartes Gefühl in den Gliedern, und Ihr erstes Wort war: Junge, du siehst schlecht aus!
Er!!riff sofort die nützlichsten Maßnahmen, kochte einen Hektoliter Lindt:nhlütentec, und ich schwitzte unu dampfte dcn
!,lanzen Nachmittag unter ihrer Obhut.
Dabei floß und plätscherte unaufhörlich ein Rede-. Ermahnungs- und Ratschlagsbiichleln.
Das war ein Grund, die Tunte künftig zu meiden. Sie abel'
mochte es meinen Eltern geschrieben haben.
Meine Mutter kam unerwartet. Mit vereinten Kräften wurde
noahmuls festgestellt, daß ich wirklich schlecht aussiihe. Und
ob ieh wollte od.er nicht, ich wurde zu einem Arzt geschleppt.
Zwei Brillenglaser funkelten mich an. und eine müde Stimme
sagte: "lim, hml" Dann begehrte diese Stimme meine J'v1utter
allein zu sprechen.
.
Ich saß geduldig und tCllnahmslos im Warteraum.
In dem Gesicht stand verhaltenes Schluchzen. Ein lanllsamer Schreck kroch in .mich, machte mich unrllstig.
Ich klopf tc un die Tur deM Sprechzimmers und stand vor
dem Arzt.
"Herr Doktor, bitte, was ist mit mir los?"
Der schüttelte langsam d~~ Kopf.
"Bitte, ich will es wisscn I
"Ihre Lunge ist . . . . " Er unterbrllch sich. "Machen Sie
sich auf etwllM Schlimmes gcfaß t .... "
Ich erschrak und ging. Stand mit der Mutter am Bahnhof.
Ein weißes Tuch flatterte ,IUS einem Abteil. Ich war allein.
Saß in der Stadtbahn.
Zwei Bilder standen vor mir. In das einc waren alle Bunthelten gebannt. die ich von meinem Leben erträumte.
Ehrenkränze und rote Lippen ....
In dem anderen aber stand ein gelblaekierter Sarg und betäubende Düfte von Blumen -

10

Wie hießen die Blumen doch .... '? Ich gr übelte über den
::-Jamen.
Tuberosen .. . .
Eme Stimme äffte aus dem taktmäßigen Rattern der Räder:
Tuberose - Tuberkulose - Tuberose - Tuberkulose . ...
Ich riß J'!lieh. doch los, blickte auf und sah zwei blaue A ugen.
Irgend\\'0 In tiJe Ferne genchtet. Die trugen den matten Glanz,
der auf den Flügeln eines Schmetterlings liegt, waren Tra umaUlle ll - waren Märchenaugen - von goldblondem Gelock
gekront. das schelmisch unter einem kleinen schiefen Hut hervorlugte. - Ein zllrtes Figürlein war mit dem leichten Stoff eines Somm~r~leidchens zu elfenhafter Leichtigkeit verwohen, ein frisches
<.~es\Chtc1 lachte auf, und kleine Füßchen wippten in neckischer
unrast.
Ja, Cretel, so habe ich dein Bild, das erste Bild _ _ .
" ' nd nun komm, erzähle mir."
\V eißt du noch. daß ich an der gleichen Haltestelle ausstieg
wie du?
Dir folgte - Dich ansprach - Du hattest einen erfrorenen Blick für mich - vom Kopf bis
wm Fuß.
.J a, C; retel ....
Und ieh stund da .. . und ... lachte bitter.
Ich Lungenpfeifer - ich Schwindsuchtskandidat was
wollte ich vom Leben?
Und sah dich doch wieder.
An einem hellen Sonntag. weit vor dcr Stadt lag ich im
Gras\:.
Da girrte ein Lachen, irgendwoher, versteckt.
Sah wieder zwei blaue Augen, sah dich ganz allein.
Sprung auf.
Und du antwortetest mir.
Deine Eltern saßen dort drüben in dem kleinen Gartenrestaurant.
Ich aber verslink in deiner Schönheit und hatte den Wunsch,
du möchtest dich zum Bache neigen, mit den hohlen Händen
Wasser schöpfen und es in langen Perlenketten zurückfallen
lassen.
In eine solche Märchenstimmung zaubertest du mich.
Sah uie zarte Ründe, deine Bewegungen und vernahm deine
junge Stimme neben mir.
Unter unseren Füßen aber blühten Himmelschlüssel, gelbe
und weiße Blumen.
Konnte nicht wehren.
Lcgte den Arm um dich ..
"Neinl Was denken Siel"
Ja, was dachte ich . . . . ?
Ich dachte an deine roten Lippen.
War dann eine Schnecke, zog vorsichtig meine Fühler ein
und sagte : Uebermorgen ist mein Geburtstag, ich will mit
meinen Freunden ein kleines Fest feiern, wir wollen musizieren
UFlU plaudern. Es beginnt um 8 Uhr, und ich wohne in der
X-straße 48 III, I.
Du wußtest nicht, ob du zürnen oder schamhaft tun solltest,
und ließest mich allein.
Am Gcburtstagsabend wartete ich voller Unrast, hatte Blumen, hatte Freunde, tobte mich auf den Tasten meines Klaviers
IlUS und wartete.
Ging, raste durch einige Straßen.
Kam zurück.
?
. Die Freunde waren da - und du.
"Hat niemand nach mir gefragt?"
Nein.
Das klang 80 frostig.
Da, da hörte ich wieder ein Lachen, ein leises klingendes
Lachen. Das kam hinter den großen geblümten Fenstervorhängen vor.
"Du fU
JI1, du warNt doch gekommen.
Weißt du noch. daß wir an diesem Abend an reichen Landhäusern vorbeigingen? Fliedersträucher blühten, dufteten über
unserem ersten Kuß - eine blaue Lenznacht umarmte uns
kosend.
        
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