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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Ja6rp.26

Nr.3

Von Ha1ls Wafdau

Sie wollte nicht warten, bis das sogenannte Schicksal an sie
herantrat.
Das lag ihr nicht, dazu war sie einfach nicht geschaffen.
Senta hatte gestern seidene Strümpfe geschenkt bekommen, Anita war mit ihrem Verehrer in einer Loge des kleinen,
pikanten Theaters im Westen gewesen, Ellen brauchte nur den
Mund zu einer Bitte aufzutun . . . .
Und sie, die hübsche Ruth? Die so glänzende schwarze
Haare hatte, deren Beine so gerade und schlank waren, deren
~ugen so unergründlich leuchten konnten? Was konnte sie
an Erfolgen aufzählen? Nichts.
Ein paar junge Leute, schön;
aber Erlebnisse, Erfolge, Abenteuer?
Man hielt sie für zu jung,
behandelte sie zu anständig
und ahnte nicht, wie grenzenlos das alles Ruth langweilte.
Herrgott, die Liebe ist doch
nicht für ältere Leute ge·
schaffen, und man kann doch
schließlich mit J 6 Jahren schon
genau so empfinden, wie mit
20 oder 30, kann genau so lieben und dasselbe Verlangen
haben . . .
Axel Braun war der Erste,
der sie leichter nahm. Vom
e ..sten Tage ab schon so, als
gehörte sie ihm und als sei sie
von ihm abhängig. Das gefiel
ihr, stachelte auf und löste
sinnliche Gedanken aus.
Und am vierten Tage Axel Braun brauchte nicht erst
zu fragen, er wußte, daß sie
kommen würde - sagte er zu
ihr:
"Morgen machen wir einen
großen Bummel, hörst du?
Mach' dich so fein wie möglich. Nimm den Bibermantel und
das Gelbseidene und den Schmuck . . . wie zu einem Fest.
Denn wir wollen ein Fest feiern, ja, Kleille? Morgen Abend'?"
Den ganzen Tag war Ruth in Erregung. Sie wählte ihre
Kleidung mit der größten Sorgfalt; immer wieder stand sie
vor dem Spiegel, bedachte jede Einzelheit, bis auf die kleinsten
wichtigen Nichtigkeiten. "Ein Fest", hatte er gesagt; und es
sollte ihnen wirklich ein Fest werden, die Stunde, die ihren
Wünschen Erfüllung bringen sollte. Aber nicht in Hast sollte
es geschehen, sondern langsam, gleichsam jeden Nerv einzeln
erregend, jeden Zoll einzeln enthüllend, bis das aufs
Aeußerste gesteigerte Verlangen überfloß in Rausch und Vergessen. Bevor sie das seidene Kleid anzog, sah sie noch einmal in den SpiegeL "So werde ich heute abend vor ihm
stehen, und er wird mich in die Arme nehmen und die Schleifen hier lösen, und dann diese hier; dann wird er die zarten
Spitzen küssen, dann die blasse Haut, die oberhalb des
Strumpfes durchschimmert." Und dann wird sie ihm beschämt
sagen, daß er das Licht löschen soll. , ,
Aber vielleicht ist es noch besser, nicht die Gedanken zu
verlieren. Ist der Genuß nicht größer, wenn man bewußt
genießt? Kann es nicht interessant sein, zu beobachten, oh

2

die vielen Dinge wirklich wahr sind, von denen die Freundinnen immer erzählen? Man ist doeh schließlich mehr als
ein Mädchen, das sich nur nehmen läßt,
Und dann am Morgen ... ja, wie wird es am Morgen sein?
Er wird ihr etwas schenken, vielleicht neue Wäsche oder einen
Halsschmuck . . .
Als sie sich am Abend trafen, sagte Axel Braun:
"Im Astoria habe ich zwei Zimmer bestellt."
Ruths Hüften wiegten sich lebendig, als sie durch das Tor
des kleinen Hotels traten, Nun
fängt es an, dachte sie. Morgen kann ich Anita erzählen,
daß ich in einem Hotel gewesen bin . , . Aber sie besann
sich und flüsterte nur leise
schamvoll: "Axel, was denkst
du von mir?"
Er dachte gar nichts, sondern
bestellte eine Flasche Wein.
Nach einer halben Stunde sagte
er: "Nun komm" und öffnete
die Tür zu dem Schlafzimmer.
Aber bevor sie eintraten, entkleidete er sie, nahm sie dann
auf die Arme und legte sie auf
das Bett.
"Warte einen Augenblick. ich
komme gleich."
Ging hinaus.
Mit heißen Augen lag Ruth in
den fremden Kissen. Sie hatte
ih: Haar aufgelöst und wartete.
A ber Axel kam nicht. Schließlich stand Ruth auf, ging zur
Nebentür, tra.t ein ....
Leer!
Erstaunt, plötzlich mit jähem
Schrecken blieben ihre Augen
auf dem Sofa haften, auf das sie ihre Kleider gelegt hatte.
Leer. - Ihr Schmuck fort, Wäsche, Klei<.ler, Pelz, Schuhe Fort. -

Der Kellner mußte am anderen Tage mehrmals an die
Türe klopfen, bevor er ein zaghaftes "Herein". hörte. Und es
dauerte lange, sehr lange, bis er von dem Mädel, das mit
rotgeweinten Augen in dem Gitterbett lag, erfuhr, Warum es
nicht aufstehen konnte. Er lächelte, aber er versprach zu
helfen. Unten am Büfett war eine Schwester von ihm beschäftigt, die konnte aushelfen.
Als er gegen Mittag wieder an die Tür klopfte, lagen wohl
die fremden Kleider neben dem Bett auf einem Stuhl, aber
Ruth war noch immer nicht aufgestanden. Sie hatte inzwischen darüber nachgedacht, was für Mühe sie sich für den
ganzen Abend gemacht hatte . . .
Und sie lächelte dem Kellner zu:
.. Ich bin Ihnen Dank schuldig für Ihre Liebenswürdigkeit!"
"Bitte", sagte er, "das hat durchaus nichts zu sagen." -
        
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