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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.2

Jobrg.26

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DUSSELDORF

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Die Knöpfstiefel
der Madame O.
Von

Paul Friedrich

Malcel de Poiore, ein eleganter Junggeselle von etwa 30 Jahren, schwärmte für kostbare Büche r, Briefmarke n und - elegante Damenstiefcl, sonderbarerweise aber nur solche zum
Knöpfen. Er besaß in seiner chic möblierten \Vohnung in der
Rue de Lilie eine herrliche Bibliothek in den teuersten Maroquin- und Elzevierbänden, daneben dann noch etwa hundert in
Schweinsleder, seC'hs in Krokodillcder und zwci in Menschcnhaut gebundene Bücher. Namentlich die galante Literatur dcs
dix-huiticme war fast vollzählig vertreten. Lesen tat cr nur
selten und wenig. Es strengte ihn unnütz an und seine Hauptsorge war, sich jung und verführerisch zu erhalten. Er liebte
die Bücher nur, weil sie sehr teuer waren und schön aussahen.
Auch war es ein Genuß, die schönen Bände mit den Händen
zu liebkosen. Denn Marcel de Poiore war nicht nur ein typischer "beau", . sondern auch ein sensibler Mensch und ein
Aesthet. Seine Briefmarkensammlung tröstete ihn über unvermeidliche leere Abende, besonders nach vorhergegangenen
Liebesabenteuern, wo der Mensch bekanntlich leer und abgespannt zu sein pflegt. Dann blätterte er in den reich beklebten
Seiten, freute sich fast kindlich an den buntcn Farben und
stellte sich eine Reihe von seltenen Marken zusammen, die er
bei seinem nächsten Besuch beim größten H iindler, bei dem
er Habitue war, seiner Sammlung einzuverleiben gedachte.
Dazu rauchte er als geborener Schlemmer und Gou rm and ein e
teure Zigarette und trank Sch luck um Schluck süßen Curac;ao.
Seine Hauptleidenschaft aber waren hochschäftige, guttalonierte Damen-Knöpfstiefel mit spitzem Vorderblatt; womöglich
Lack, aber auch Stoffstiefel mit geschmackvollen graucn oder
beigefarbcnen Einsätzen fanden bei seinen häufigen Promenaden, denn sein Vermögen erlaubte ihm ein arbeitsloses Dasein
des 'chönen Müßiggangs, Gnade vor seinen suchenden Kenneraugen. Er konnte oft viertelstundenlang auf dem feudalen
Boulevard Saint Germain vor den Schaufenstern der dortigen
ersten Schuhmacher stehenbleiben und sich verzückt in den
Anblick der auf Leisten stehenden Stiefeletten vertiefen.

Immer aber blieb diese Bewunderun-g platonisch. Denn es fehlte
der nötige kleine Fuß und das wohlgeformte, schlanke und
doch gerundete Frauenbein, das die Eleganz und Grazie dieser
Wunder des Fußkünstlergeschmacks erst lebendig machte.
Und so war es nur natürlich, daß er seine weitere Suche
nach eleganter Chaussüre zugleich mit seinen erotischen Bedürfnissen verband.
War er in Bezug auf seine'Schwäehe absolut wählerisch, so
legte e r auf das übrige weniger Gewicht. Es war ihm gleich,
ob der schöne Schuh, der fest und angegossen ein rundes Bein
umschloß, einer vornehmen Dame gesetzten Alters oder einer
zweifelhaften Person mit einem häßlichen, mit schwärzlichem
ßartflaum geschmückten Gesicht gehörte - mit rührender
Selbstverständlichkeit "stieg er nach" und versuchte, mit
wechselndem Erfolg, eine Annäherung. Eine ständige Geliebte verschmähte er, weil seine Natur dem Zwang steten
Wechsels gehorchte und ihn die Frauen im Grunde nur wenig
reizten. Ausflüge mit ihnen 2 ' machen, Soupers zu geben,
sich in der Oper oder im Konz( rt zu treffen, langweilte ihn.
Denn er war kein geistreicher Cal.:scur und ein ausgemachter
Egoist.
.
Nur wenn ihn ein paar Füße einma_ ,oo ' ~na hmsweise reizten,
oder der Besitz ihrer Besit~erin durch il,'1,endeinen Umstand ihm besonders schmeichelte und ehrend s"hien, hielt ~r
cs eine Zeitlang bei der Einen aus, ohne daß daa:lrch seine
"Treue" irgendwie gewiihrlcistet war.
Sein höchster Triumph war einmal eine Tänzerin von "Ol;',mpia" gewesen, die ihrer schönen Beine wegen berühmt ur'd
reich "bezahlt" war. Er hatte sie eines Nachts in einer Ta~ '
berne kennen gelernt, und da sie auf der Straße stets hohe
Knöpfstiefel trug, war si c durch seine ekstatischen Hymnen
auf ihre Füße so betäubt, daß sie mehr aus Laune als aus Neigung ihm Gehör geschenkt hatte und sich den abgöttischen
Ku lt, den er mit ihren Beinen trieb, eine Zeitlang gefallen ließ.
Seit längerer Zeit war ihm nichts Rechtes mehr geglückt.
Alte .. Freundinnen" mußten ihn über seinen Mißerfolg wegtäuschen.
Eines Abends, im Oktober wars, schlenderteMarcel dePoiorc
wieder durch die Rue de la Paix und blieb gelangweilt vor den

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