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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Ja/11Il, 26

7. Wenn ich die pp. Elisabcth Saucrbrci geheiratet habc,
werde ieh vermittelst einer Pravazspritze den überschüssigen
Teil ihres Frohsinns vorsichtig aus dem Kleinhirn saugen.
8. Diese Flüssigkeit werde ich mit reinem Schweineschmalz
und einem Tropfen Bergamottöl (lediglich als Riechstoff gedacht) zu einer Salbe verreiben.
9. Das Haar wirkt aufsaugend nach Absatz IX, Seite 64 der
• oben angezogenen Broschüre.
10. Mit diescr Pomade werde ich dreimal am Tage mein
Haar einfetten, somit den Frohsinn meinem Hirne wieder zuführen."
Faslitius war nicht nur ein ernsthafter, nein, auch ein gewissenhafter Mensch und vor allem ein Mann von kurzcn
Entschlüssen.
Eine Stunde darauf stand er im Zylinder und im Uebcrrock
da und hielt um die Hand
der pp. Sauerbrei an.
In der folgenden Woche
war die Verlobung, und Frau
Kanzleirat Sauerbrci rühmtc
in der ganzen Nachbarschaft
beredt den erristen, gesctzten Sinn des Briiutigams.
der ein gutes Gehalt und
eine staatliche Anstellung
mit großcr Ruhegehaltsbcreehtigung besäße.
.So stand der Hochzeit
nichts im Wege. Die W:\l'
sechs Wochen darauf, selbstverständlich mit kirchlicher
und standesamtlichcr Trauung.
Einige Tage aber nach der
H(Jcnzeit kaufte Faslitius ein
Pfund Schweineschmalz und
einen Tropfen Bergamottiif.
Dann lieh er sich von einem
befreundeten Arzt eine Pravazspritze.
,-\Is der Abend dicscs Tages gckommen war. stand
auf Faslitius' Familicntisch
eine Flasche Wein, der beide
Gatten eifrig zusprachen.
Bald war die pp. Sauerbrei von der ungewohnten
Flüssigkeit so müde, daß sie
sich zur Ruhe zu begeben
begehrte.
Als sie eingeschlafen war.
bohrte Faslitius cl'c r pp.
Sauerbrei. jetzigen Faslitius.
die Hohlnadel hinter dcm
linken Ohr tief ins Hirn und
zog den Kolben der Spritze
zurück. Er sah im Innern der
Spritze eine lcicht hewe gliehe, opalisierende Flüssigkeit und prics sein logisches
Dcnkvermögen.
Die .pp. Sauberbrei hattc
nichts gemerkt, schlief ruhig
weiter, im Gegentcil, sie eröffnete ein sanftes Schnarchkonzert, was Hcrrn Faslitius sehr beruhigte. - Noch in der
Nacht war die Pomade fertig . Am andern Morgen aber hatte
Faslitius bereits das erste Mal scin Haar eingesalbt.
Die pp. geb. Sauerbrei war zwar an diesem Morgen etwas
müde. sonst aber befand sie sich wohl und - - lachte nicht
mehr allzuviel.
Herr Faslitius aber salbte, salbte, salbte seine Haare.
Und Frau Faslitius, geb~ Sauerbrei, wurde rundlicher, stillcr
und behäbiger, so "-d aß alle ihre Bekannten sagten, da könne
man wieder sehen, daß die Beamtenehen die glücklichsten
seien. - Noch verblüffter aber waren dic erwähnten Bekannten, als
sie nach geraumer Zeit Herrn Faslitius wiederse.hen:. er war
ein regelrechter Spaßvogel geworden, dazu geistreich. und
witzig, wie man sonst selten es bei Leuten seiner Art hndet.
Von früh bis zur Nacht war der Schelm Faslitius guter Dinge
und scherzte und lachte sogar, als er einen Fettfleck auf ein
mit nach Hause genommenes Aktenstück machte und kurz
darauf der Postbote einen Brief wiederbrachte, den er zu
wenig frankiert hatte. Noch mehr: er verwertete diese geniale Idee, ging zu einem Geldmann und gründete mit dem

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Nr.2

eine Pomadenfabrik, verbunden mit einer Heilanstalt für oberflächliche, lachhafte Mädchen. Ein Arzt wurde mit dcr Leitung der letzteren betraut. Herr Faslitius aber nannte sich
Generaldirektor des Unternehmens.
Man heilte auf dcr einen Seite die allzu Lachhaften und entzog ihnen die opalisierende Flüssigkeit des Frohsinns (leider
ließen sich die französischen Staatsmänner mit ihren Forderungen an Deutschland nicht sehen) und verarbeitete dieses Produkt andererseits mit Schweineschmalz und dem Zusatz eines
Modeparfüms (dessen Geheimnis ich verrate, es ist eine Kreuzung von Patchouli, Moschus, Wintergreen, Veilchen, Tuherosc, Orchidce und Senföl) zu der Pomade de r Lustigkeit.
Diese Pomade aber nannte man: .. Egolounnsinnvillaquatschotfrohsin".
Ein Wort, das nieMand richtig aussprechen konnte.
Dcshalb, und wcil man geschickte dadaistische Werbeplakate und Anzeigen hatte,
machte man bald ein Ricsen geschäft. Bald konnten
die allzu Lachhaften unentgeltlich behandelt werden.
(Leider bewilligte kein Parlament den Antrag, dcn
Tcil des Untcrnchmens zu
einer obligatorischen, staatlichen
Einrichtung
zu
machen.)
~ie Folgen warcn verbluffend. Die Schutzleute
lachten, die Straßenbahnkutscher lachten, dic Parlamentarier schmissen keinc
Tintcnfässer mehr und fanden ein befreiendes Lachen
und der Briefträger · Senne~
wald führte eincn indianischen Freudentanz auf, als
s·e ine Frau mit dem siebzehnten Kind niederkam. Böse
Zungcn behaupteten sogar,
daß die Geschäftsleute selbst
bei der Steuerveranlagung
schmunzelten und daß es
auf den Finanzämtern jetzt
ebenso heiter zugehen sollte,
wie in dem Kabarett "Zum
goldenen Leichtsinn",
Nur einer (mit dem eine
ganzc Kategorie gemeint ist)
lachte nicht.
Das war :icr Dramendichter für Film und Bühne:
Gottherz Lamm.
Er konnte noch so viele
Leichen auf der Szene liegen
haben, er konnte noch so
edelmütige Grafen und böse
Unholde ins Leben rufen,
immct war cs, als oh Herr
Wassmann spielte, oder als
ob Charlic Chaplin über dic
Leinewand raste.
Deshalb gründete er den
Schutzverband sentimentaler Dramendichter und rief einen Schutzverband ernstiunehmender Filmdarstellerinnen ins Leben. (Motto: tragisch bis
zum Seidenstrumpf.) - Diese · beiden Verbände sagten dem
Faslitius-Konzern ernsthafte Fehde an.
Und als eines Tages Herr Faslitius wohlgelaunt sein AutQ
verließ, knallten zwei Schüsse eines Revolvers:
Der eine traf Faslitius, so daß er mausetot war - - Der andere löschte die Lebensflammc Gottherz Lamms .aus.
Leider lachte der Chauffeur des Faslitiusschen Autos dazu.
Denn er konnte es absolut nicht verstehen, daß Gottherz
Lamm es nicht verwinden konnte, sich von der Möglichkeit,
ein berühmter Dramatiker zu werden, abgeschnitten zu sehen.
Und allmählich verblaßten die Wirkungen der Pomade, da
Faslitius das Geheimnis mit ins Grab nahm.
Die Mitglieder der Schutz verbände der Dramendichter und
Fil~darstellerinnen entfesselten bald wieder die Tränendrüsen.
Und als die Franzosen eine Note über die Beschränkung
der Geburtenzahl in Deutschland (selbstverständlich auf Grund
des Versailler Vertrages) sandten, erregte seibst die im Parlament eine ernsthafte Debatte mit vielen Schimpfwörtern und
dreiundzwanzig zetbrochenen Tintengläsern - - -
        
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