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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Von Hanns
Gregor Faslitius war ein ernsthafter Mensch.

Er war so

~rnsth aft, daß er von dem Gedan ken geplagt wurde, er könne

ubcrhaupt nicht mehr lach en.
Und so wurae sch ließlich aus seiner übergroßen Ernsthaftigkeit T iefsinn.
Noc h im Sommer sah er in dem lachenden Gr ün der
Bä ume schon das grämliche Grau des H erbstes und die Farben der welke n Blätter. Er erblickte hinter den glatten Gesichtern der jungen Mädchen schon die Runzeln des Alters
und hörte aus jeder jungen,
hellen Stimme schon den
keifenden Un terton der Xantippe he raus. Hörte er ein
gutes Konzert, so dachte er
dran, daß zu den Berufskrankheiten der ßlechbliiseT
die Schwindsucht gehörte
unu
daß besonders die
Oboist en und Fagottisten
sehr leicht an einer Hirnkrankheit leiden. Las er ein
gutes Buch, so stellte e r sich
ei nen
alten,
vergrämten
Schri ftste ller vor, wie er mi t
einem ka rgen Stück 13 rot in
der Hand schri eb, und sa l}
er ein lusti ges Theaterstück.
überlegte er, wieviel Lenze
wohl die Heldendarstellerin
z,ihlte und fi.ihlte den leb h,tfte n \ Vunsch, ihr {,esieht
ohne
die
verschönernde
Schminke zu sehen.
So wurde er von Jahr zu
Jahr freudloser und sch ließli ch mied er. menschenscheu
geworden, jeglichen Umgan g
und schimpfte auf Gott und
aUe Welt.
, Doch Faslitius war auch
ein gründlicher Mensch. E.r
dachte darüber nach, ob es
wohl irgend ein Mittel gäbe,
diese trübseligen Gedanken
zu verscheuchen. Da er
außerdem von seinem Beruf
als höherer Verwaltungsbeamter her 'a n Ordnung gewöhnt war, legte er ein großes A ktenstück über sich
seIbst an und e rfand in seinem Geiste eine streng behördliche Vernehmung, in
der er Verteidiger, Ankläger und Angeklagtcr war.
Diese Für- und Widerrede
in seinem lnnern erledigte cr
gern, wenn er am Nachmittage nach dem Di~nstschluß auf dem. Heimwege war, und
es kam ihm da gar mcht darauf an, so 1Il Gedanken versunken zu sein, daß die Straßenbahn- und sonstigen andcren
Kutscher, die Passantcn, Latcrnenpfähle und Ecksteine, ihre
helle Freude da ran h atten.
Und so bega b es sich an einem Nac hmittag, daß wiederum
ein Laternenpfahl die schnurgerade Bahn des denkenden Faslitius kreuzte und sich sehr "hart"näekig auf Grund seiner
eisernen Konsistenz an Faslitius Schläfe bemerkbar machte.
Dieser Laternenpfahl hatte genau vor dem Schaufenster einer
'großen Buchhandlung seinen Standort. Faslitius hingegen
fühlte eine dicke Beule an seiner Stirn, fand sich auf einmal
auf dem Bürgersteig sitzend Ul~d wandte seine Augen empor,
und blickte geradewegs in das erwähnte Schaufenster und
auch geradewegs auf eine Broschüre, die in knallroten Buchstaben folgenden Titel trug:
.
"Was hast du im Kopfe?"
.
"Eine phrenologische Studie über den Sitz unserer geistigen
und seelischen Eigenschaften"

L~,ch

Faslitius vergaß seinen Schmerz, pries den Laternenpfahl
und verschwand in der Buchhandlung.
Er k aufte die Broschüre und konnte es kaum erwarten, bis
e r zu Hause angekommen war.
Noch im Mantel saß er am Schreibtisch und las zweierlei:
"Der Sitz des Frohsinns ist das linke, untere Kleinhirn."
Dann aber las er noch in dem Kapitel "Ueber d as Haupthaar" :
"Man soll nicht dcnken, das Haupthaar wä re nur ein müßiger Schmuck. Es erfüllt weit
wichtigere Zwecke. Genau.
wie die Metallspitzen bei
einer Elektrisicrmaschine die
Elektrizität aufsaugen und
den Polen zuführen, so wirken die unendlich feinen
Spitzen unseres Haares als
"elektrische Kämme", nur
saugen sie die sogenannten
Edelgase wie Argon, Krypton, Ncon und besonders
Helium aus der Luft und
führen sie dem Hirne zu.
Wozu die genannten Gase
dicnen, kan n niemand sag~n.
Aber man spricht doch nieh\
ganz zu U nrecht von einer
Gehirnblase, tli e geplatzt
wäre, wenn jemand eine
gute Idee hat. U nd so kann
man sich auch recht gut
vo rstellen, daß mit den
platzenden Gehirnblasen, die
doch einen Gasinh alt bedingen, die besagten Edelgase
gemeint sind . . . ."
Faslitius war ein ernsthafter Mensch, außerdem
hatte cr auf dem Gy mnasium stets in dcr Physik
einen blanken Einscr gehabt
und er war doch auch höhcrcr Verwaltungsbeamter, bei
dem man ab und zu logisches Denken voraussetzen
kann.
Desh alb fügte er seinem
Aktenstück folgenden PassuS
an: "Ich habe ein Mittel gefunden. Auf Grund der von
mir in der Buchhandlung gekauften und ebendort' bezahlten Broschüre eines anonymen Verfassers, namens:
Was hast du im Kopfe",
Seiten stark und der in
obigem schon angezogenen
Stellen auf Seite 57, 11. Ahs.
und Seite 64, IX. Abs., ziehe
ich die meinem Dafürhalten nach richtigen und auch mit der
medizinischen Wissenschaft wenn auch nicht ganz angängigen und üblichen, aber do~h sehr zusamroenreimbaren und
plausiblen Folgerungen, als da sind:
I. Ich kann seit sieben Jahren nicht mehr lachen.
2. Also muß mir die seelische Eigenschaft des Frohsinns
verloren . gegangen sein.
..
. .
3. Der Sitz' des Frohsinns ist das linke, untere Klemhlrn.
4. Ich werde einen Menschen suchen, der ~u ,;,iel Frohsinn
besitzt. D eshalb werde ich mich. roit Fraulem. Elisabeth
Sauerbrei Tochter des Herrn Kanzleirates Sauerbrei und seiner Gedtahlin, geborene Ameisenkampf, verloben. Diese
Dame ist zwar ältlich, aber sie lacht den ganzen Tag.
5. Das Gehirn des Menschen besteht lediglich .. aus ein er
feuchten Masse.
6. Dann muß die Eigenschaft des Frohsinns, als etwas Lebhaftes und Queeksilbriges, eine leicht bewegliche Flüssigkeit
sein.

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