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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

JOhTIl.26

NT. 2

Es ist ungefähr zwei Jahrzehnte her, als der "König der Boheme" von sich reden machte - jener berühmte und berüchtigte Danny Gürtler, dessen Name in der guten Gesellschaft
nicht mehr genannt werden durfte, seitdem er es mit seinen
wundervollen Hetärenliedern gewagt hatte, die Mädchen ~u
verteidigen, die der Männer glücklichste Stunden mit ihrer
Ehre bezahlen. Dieser Danny Gürtler trug einen sehr phanstatischen, schwarzen Schlapphut, erschien in einem zigeunerhaften Aufzug und betrat die Bühne, indem er nur ein einziges
Wort .~n das ?ublikum brüllte, schmetterte, jubelte: "Stimmung!
Was bei Danny Gürtler damals "Stimmung" hieß, und worüber er sich mit seinem scharf geschliffenen, fein ironisierenden Geiste verbreitete, das nenne ich heute: "Lebensschwips!"
Es ist ein Zustand, den man in ganz jungen Jahren eigentlich
nicht kennt oder wenigstens nicht bemerkt, der erst zu den
Menschen kommt, wenn die frohen Stunden nicht mehr mit
ihrer protzenhaften Selbstverständlichkeit auftreten, sondern
als ganz bescheidene, seltene und deshalb um so lieber gesehene Gäste; und dann, wenn man anfängt, sein Leben mit
Bewußtsein zu leben. Es ist wie mit dem Alkohol, der nicht
mehr wirkt, wenn man sich gar zu sehr an ihn gewöhnt hat.
Es ist ein feiner Unterschied zwischen Lebensrausch und
Lebensschwips, der immer etwas Liebenswürdigeres hat, etwas
Leichteres und Froheres. Und es ist merkwürdig, daß ihn die
Frauen besser kennen als die Männer, die ihn oft gar nicht
einmal begreifen können. Sie brauchf'n Wein und Fraucn
und Karten und sonst allerlei Leidenschaften, um sich zu beschwipsen - bei den Frauen genügt das Lehen, dieses wundervolle Leben, das so voller Freude und voller Sonne ist, das den
Frühling der Erwartung mit sich bringt und den Sommer der Erfüllung und dann den Winter, der doch auch weiter nichts
ist, als die Vorbereitung zu neuen Herrlichkeiten.
Ist es nicht etwas Kös tliches um den Lehensschwips? Ist
es nicht wonnig, wenn man sich so langsam sein Näschen
begießt, weil das Leben gar so gut schmeckt, und weil es so

ein geheimnisvolles Prickeln verursacht, das die Seele wieder
jung macht? Es braucht ja nur ein ganz kleines, harmloses
Gläschen Madeira zu sein, und mundet doch himmlisch, und
ganz leise rinnt es die Kehle hinab, und wir rufen ihm ein
jauchzendes: "Danke schön!" zu. Ausgepichtere G urgeln
brauchen Champagner oder Hennessy, abe r sie sind nicht die
Glücklicheren. Und andere wiederum sind wie die Kinder,
die ein Glas Himbeerwasser für den teuersten Burgunder halten, und sich nach ~inem Genuß einbilden, nun auch beschwipst zu sein.
Ein Rausch ist etwas, aus dem man mit schwerem Kopf und
mit verkaterter Seele erwacht; etwas, was eigentlich immer unschön ist. Aber ein Schwips, der so reizvoll wirkt, wie eine
kapriziöse Frau, der macht auch den Tischgenossen an der
Taf~l des. Lebens Spaß, und niemand mag böse über ihn sein.
Er Ist ketne Sunde. Und nur Menschen, die immer nüchtern
sind, weil sie schOll zu viel oder noch gar nichts aus der goldenen Flasche, dIe Leben heIßt, getrunken haben, zucken verächtlich die Achseln über ihn. Wie innig sind sie zu bed~uern, und wie möchte man ihnen I?it leuchtenden Augen und
mIt lachenden LIppen zurufen: "Trtnkt doch auch einmal, ihr
armen Leute; kostet doch von all den wundervollen Köstlichkeiten in des Herrgotts Weinkeller; werdet gesund durch des
Lebens Alkohol; berauscht euch nicht; macht euch nicht
bewußtlos; aber beschwipst cueh getrost, ehe ihr ganz zu
Lebensabstinenzlern werdet!"
Das S~hicksal gibt uns gar oft einc gar bittere Pille zu
schlucken, und die woUen wir nicht mit dem Wasser der Indolenz herunterspülen, sondern mit des Lebens starkem, frohmachcndem Wein. Dann schmeckt auch sie beinahe gut. Wenn
es auch nicht immer ganz leicht sein mag, gleich eine geeignete Flasche davon zur Hand zu haben. Ein bißchen suchen
muß man schon danach.
Ganz köstlich ist so ein Lebensschwips, und, wenn er zu
guten und reinen Menschen kommt, dann kann fast etwas
Heiliges um ihn sein.
Titli

Wenn die Nacht ...
Wenn die .sonne sinN!, wenn der ADend Rommt,
sind wir afleln, EIn KIIß allS Herzensgrllnd, der deIner Seele frommt,
muß himmliscV seIn.

Wenn der ADend Rommt, wenn die Sonne SInNt,
scVmiegst dll didi an. EIn Kuß In Liebesglück, der Paradiese Dnngt,
höft IIns im Bann.

Wenn die NacVt DeUlnnt lind der ScVlalllmscVweot,
n'nllsllm Re/n Lallt, EIn KIfIJ 11m MitternacVt, der über Körper DeD!,
maa,t di'cV zlir Brallt.
Pa", B"nhortf

Das Weltwunder

8

Philipp Zehbe-Berlin
        
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