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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jo6rg.26

~ einer Diefe am

Kur/ürstendamm
saß man des Sonntags, wie immer;
man sC/;fürjte den MOkka mit großem Gen/{ß
im kfe/mn, gemütfidien Zimmer. .
Doch wie 's in der Diefe der
ZufalT stets wif!; •
bfeibt man nidit fange alTeine,
Denn bafdstehen unter dem marmornen Tisdi zwei and're - entzückende Beine.
Man starrt begeistert nur unter
den 7isdi
auf sie und die niedfidie Wade;
erst später sieht man die 7rä~
!1erin an, dodi diese trinkt fächefnd Sdioke=
fade.
Und wie es nun weiter der ZufalT
.
stets will
so wird man !1esdiupst und gesdioben;
drum riicnt man erst unten die
'Füße zusamm:
Und später natürfidi auch oben.
U11d was man weiter noch gern
affes möcht:
das kommt mit der Zeit nun afftJlne,
denn dqß audi die and're fürs Herz etwas sudit,
verrät Ja die 5pradie der Beln;.

In einer Diefe am Kur/ürstendamm
hat es begonnen, wie immer;
doch nun sitzt man noch mehr zusammengerülht
In eInem ganz anderen Zimmer.
Und wie es auch hier der Zufaff stets w11f,
so b!eIDen die beiden affe/ne,
nur stehen Jetzt nicht mehr • unter·
dem Tisch
die süßen, entzückenden BeIne.
Man starrt auch mit a11(uren
Bfickl?1t auf sie,
und nöneT- afs nur bis zur Wade,
denn .sie- sitzt fächefnd bei ibm
auf dem Schoß
und knabbert an inrer Schokefade.
Doch wie es feider der ZufalT
oft w/lf,
hat sich das RJcRchen verscDoben;
drum fijJt man es faffen, und
fÜhft sich dabei
in den sieb'nten Himmef gehoDPn.
Und was man sich weiter noch
af!es gewünscht,
das kommt nun affmänfich affelne,
denn daß auch die anäre fürs Herz etwas sucht,
I Uf~",o""
verrät Ja die Sprache der Be/ne.

Der dumme Hans
Er hatte eine junge Dame kennengelernt und sein Herz brannte
sofort lichterloh, so daß sein Mund sich bemühte, mit dem Herzen
Schritt zu halten . - "Sie sind
schön, Fräulein Agathe! Rosenfarben wie das zurte Morgenlicht. Ihre Auge'1 gleichen der
Unergründbarkeit des Meeres,
Ihre Hände sind zart, weiß
und rein wie zwei Lilien, die
der F rühlingslujthauch geheimnisvoll bewegt, Ihr Mund . . . "
"Beleidigen Sie mich nicht
weiter, mein Herrl Nichts Unwürdigeres kann einer Dame
passieren, als daß man ihre
äußeren Vorzüge lobt. Hängt
an so Vergänglichem Ihr Herz,
woran wir keinerlei Verdienst
haben, will ich von vornherein
nichts mit Ihnen zu tun haben."
Und sie rauschte davon . ..
Es dauerte nicht lange, und
Hans lernte eine andere Dame
-kennen und sein leicht ent' flammtes Herz wurde noch
durch ~en fr~hen, siegesgewissen Gedpnken seliger erfüllt, daß er
nun WiSse, wie man einer Dame begegnen soll.
,!F~äulein Ir"!a," rief er aus, "wie edel ist Ihr Geist, wie fein
,?olntlert Ihr Wlt~1 Ihre reine Seele liegt in Ihrem ganzen Wesen,
In allem, was Sie denken und sprechen? Weid. feines Fühlen. laktvolles Handeln, geistvoller Sinn I"
"Sind Sie fertig?"

"Ganz und gar. außer ich müßte von vorne anfangen, denn
ich werde bis in Ewigkeit nicht müde, Ihre inneren Vorzüge zu
loben!" sagte Hans ehrlich und
voll Freude. - " Dann verstehen
Sie sich schlecht auf die Courmacherei. Adieu I"
Nicht lange ließ Hans die
Trauermiene aufg~steckt: Es
nahte sich ein schones. Junges
Mädchen fri~dt wie der junge
Morgen, ~nd ganz im geheimen
sprach man da"!on, daß sie
eine Dichterill sei. Man sprach
voll Hochachtung davon. denn
das Mädel war schön, ganz
aus der Fasson aller Poetinnen.
Hansens Herz war nun '/..ollständig außer Fassu1lg. Diese
oder keine mußte er erringen,
und im geheimen hatte er schon
salziges Wasser gekostet, um,
wenn die Sache sdlie/ gillge,
eine Vorahnung vom t:rtrinkungstod im "'teere zu be, kommen, der dann selbstverI ständlich unausbleiblich wäre.
.,Fräulein. Sill .ind weder schön ~och geistvoll, aber ich liebe Siel"
Da flog sie an seinen Hals und jubelte: "Endlic;h fand ich den.
der mich wirklich liebt: denn die wahre Liebe ist blind! Darum
schmeichelst du mir nicht I"
Und es gab nach Lin paar W.?chrn eine selige Hochzeit, nach
deren Verlauf. so denke ich., dem dummen Hans bald die Augen
geöffT/llt wurden.
Gr.t. ScJ.oeppl

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