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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.

Nr.14

%0

Annemarles Ehe
Martin 'Fuuchtwanger
ie mit feinen blauen Pünktchen gemusterte
Damast =Tismdecke, die breiten silbernen
Löffelchen und Messer, die dunkelgrünen Por=
zellantassen und die Kaffeekanne, die kristallene
Käseglocke, das feine, sm male Rahmkännmen,
",~'Ili~~ das ganze Speisezimmer ist von der Morgen=
sonn" durchflutet und Dr. Erwin Könnern
wie Frau Annemarie ersmeinen in dem grellen Limt wie Theater=
puppen, während sie sich Brötchen streichen und die Tassen
zum Mund führen.
Sie spremen nur ab und zu einige nimtssagende Worte. Sie
sind namdenklich, verträumt und die Ruhe der Konversation
hebt die gemessenen, selbstverständlimen Bewegungen der beiden.
Frau Annemarie fährt mit dem Messer immer wieder über
die längst gleimmäßig verteilte ButterfIäme ihres Brötmens und
sieht unverwandt auf ihren Teller, während sie langsam, mit
weim smwellender Stimme, ohne Betonung fast, zu spremen
beginnt:
"Es soll stets Ehrlimkeit und Wahrhaftigkeit herrsmen zwischen
uns beiden, Erwin", sagt sie, "das sind deine eigenen Worte.
Warum sollte im Gedanken vor dir verbergen, die mim seit
einigen Tagen besmäftigen und die mir große Sorge bereiten .. ."
Dr. Könnern lämelt gezwungen, ein wenig verzerrt. Er
mamt eine höfIime, einladende Handbewegung, seine Pupillen
zittern ängstlim.
"Im bitte dich darum, Annemarie. Selbstverständlim mußt
du es mir sagen."
Annemarie blickt nimt auf von ihrem Teller. Das Messer
ruht auf der ButterAäche und fährt nur mehr selten über das
Brötchen hin.
,,Idl habe nimts gegen die Baronin Gomthaus, Erwin, das
weißt du sehr wohl. Sie ist ein lustiger Mensch und nimt
dumm. Aber weißt du, Erwin, sie ist hemmungslos. Das
wirst du selbst zugeben. Daß ihre Vergangenheit nimt sauber
ist, aum das ist bekannt genug. Daß sie jetzt dich dazu er#
koren hat, ihr Liebhaber zu werden, das ist ihre Sache. Man
braucht nimt zu spionieren, um das zu merken. Denn sie ist,
wie gesagt, hemmungslos und alle Welt sieht es. Es is't deine
Smuld nicht, Erwin, und im habe nimt das Remt, dir Vor"
würfe zu mamen. Aber im glaube, du bist nimt vorsichtig
genug. Man darf nimt mit dem Feuer spielen. Ich weiß, es
ist smwer für einen jungen heißen Mann, einer smönen Frau
zu widerstehen. Aber immerhin.... im glaube, es ist deine
PfIimt, dim vor ihr zu hüten ... "
Sie blickt auf. Ihre großen grauen Augen smauen traurig
und wehmütig auf den Mann, der nmh immer dumm .. ängsl a
fim lämelt.
"Sprich deutlimer, Annemarie", hittet er und seine Stimme
klingt heiser.
" Wenn du es selbst wünsmest ... Erwin, im habe wohl
gesehen, du hältst ihre Hand länger in der ,deinen, als es sonst
deine Art ist, und wenn sie wie zufällig dein Knie berührt,
dann lächelst du und gestern, als sie in der tollen Stimmung
alle küßte, da tat sie es nur um deinetwillen und man müßte
blind sein, Erwin, wenn man nicht gesehen hätte, wie heiß
und begehrlim du sie wiedergeküßt hast ... "

20

"Aber nein, Annemarie." Er mamt ungeschickte, abwehrende
Handbewegungen und die Blicke seiner Frau ruhen in stiller
Trauer auf ihm ,
"Wenn du ,nein' sagst, Erwin, dann hat es keinen Zweck,
weiter zu spredlen. Ehrlimkeit und Wahrhaftigkeit ! Du sagst
immer, man solle nicht leidJtfe~tig über Gedanken und Gefühle
hinweggehen, sondern in die Tiefe dringen . . . Wenn es so
weit mit uns gekommen ist, daß du einfam ,nein' sagst!"
Erwin springt auf. Er geht erregt im Zimmer auf und
nieder, während sie wieder herab starrt auf ihr Butterbrötchen,
Und dann ergießt sich's wie ein Sturzbach von seinen Lippen,
immer smneller, immer wärmer:
"Es ist wahr, es ist wahr, Annemarie . . . es ist smändlich
von mir ... Vier Jahre sind wir jetzt verheiratet und im weiß
von dir, daß du rein bist, wie nom nie eine Frau es war .. .
Und bis vor vierzehn Tagen war im' s auch. Aber jetzt .. .
Ihre Hände, wie sie die Röcke rafft, wie sie mir ihren Fuß
gleidlsam präsentiert, wie sie sim in der Unterhaltung schein=
bar unabsichtlim an mim lehnt, smmiegt direkt .. . . Du hast
remt, Annemarie, ich hätte mim wehren müssen und nicht in
Eitelkeit darüber freuen ... Ja, im gebe es zu, daß im sie in
den letzten Tagen öfters direkt begehrte ... Aber glaube mir,
es hat mir selbst mehr Sorgen gemacht als dir ... Im habe
nimt schlafen können ... Ich schäme mich vor dir... Im bitte
ab ... Idl muß ihre Gesellschaft meiden ... Wie es heute ist,
mömte im ni mt allein mit ihr sein... Sie würde es dazu
bringen, daß ich alles, was mir bis heute wert war, über den
Haufen würfe . .. "
"Hast du sie nodl nie geküßt, Erwin?"
bang, weinend bei~ahe .

Die Frage klingt

"Annemarie!" sagt er. "So gut mußt du mim doch in den
vier Jahren kennen gelernt haben, daß du weißt, im brächte es
nimt zuwege, einen Tag mit dir zusammen zu leben, wenn
es einmal so weit gekommen wäre. Ich schwüre dir, Annemarie, daß der Kuß gestern, vor dir, der einzige war. , :'
Er hält ihre sm male, lange, weiße Hand in der seinen, beugt
sim herab und küßt die Finger, lange, zärtlich.. "Es tut mir
zu leid, Annemarie," sagt er, "daß im gerade heute den ganzen
Tag weg sein muß. Im kann erst zehn Uhr abends da sein.
Der Zug fährt erst so spät."
Sie begleitet ihn zur \Vohnungstür, läßt de~ Tisch abservieren
und nimmt dann den Hörer in die Hand.
" Fräulein, Nummer 1818."
"Im bin's, Kurt ... Jawohl, Annemarie ... Was, erst nam.
mittags willst du kommen .. , du bist verrückt:' Ihre Augen
funkeln begehr/im. "Mein Mann ist weg, den ganzen Tag,
jawohl .. , Er kommt erst nam zehn Uhr zurück.... Nein,
den ganzen Tag will ich mit dir zusammen sein ... Du kannst
unbesorgt kommen. .. Ob er was bemerkt hat, gestern? Aber
nein, im Gegenteil, im habe ihm Vorwürfe gemamt wegen
der Baronin Gomthaus . , . Sei unbesorgt, er wird nichts merken,
bei deiner Diplomatie und bei der meinen erst!... Also in
einer Stunde, Liebster... Im habe den ;apanismen Seiden ..
smlafrock an . . . Freust du dim? .. "
        
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