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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.2

Jaßrp. 26

"Das ist allerdings Beweis genug, daß deine Diagnose richtig
ist", sagte ich und fühlte tiefes Mitleid für ihn in mir aufsteigen. - "Du könntest mir übrigens einen Gefallen tun", sagte er
dann plötzlich.
"Und der wäre?"
..Wenn ich Molly nachher vom Konzert abhole, sollst du
mitkommen, denn da das Konzerthaus zwei Ausgänge hat, ist
es möglich, daß ich sie nicht treffe. Wenn du aber mitkommst, können wir jeder an einem Ausgang warten."
Natürlich war ich damit sofort einverstanden, und um elf
Uhr stand ich in einer kleinen Nebenstraße und wartete auf
die .entzückende, kleine, somnambule Frau.
Und ich hatte Glück. Sie verließ das Haus tatsächlich durch
den Ausgang, vor dem ich wartete und streckte mir freude.
strahlend bcide Hände entgegen, als sie mich sah.
Ich strahlte in göttlicher Stimmung. Sie sah heute bedcutend rosiger, frischer und bezaubernder aus als sonst, und
ihre Augen lachtcn so lieb, daß ich sie am liebsten auf der
Stelle geküßt hätte. - - Als wir dann Erich vor dem anderen Ausgang suchten, war
er verschwunden! Wir warteten noch fast eine halbe Stunde,
doch er kam nicht. Da fuhren wir dann schließlich allein nach
Hause In der Hoffnung, daß er vielleicht schon vor uns zurückgegangen sei. Doch auch das war nicht der Fall. - Ich wurde unruhig. Sollte ihm vielleicht etwas passiert
sein'( Man hört jetzt so oft von Ueberfällen und dergleichen
unangenehmen Dingen. Doch Molly beruhigte mich: "Er wird
schon kommen, wenn es Zeit il"t!"
"Macht er denn ö f t e r solche Abstecher?'~
"Nein, manchmal nur. Aber machen Sie sich nur keine
Sorgen, er wird schon kommen." Und sorglos entzündete sie
das Feuer unter der Teemaschine. - Dann saßen wir traulich beisammqn und unterhielten uns in
der von mir geliebten Weisc. Erich wollte und wollte nicht
kommen. - -

Der Mann
Nur eine Frau, die sich in irgendeiner Weise als Märtyrerin
fühlen kann, ist wirklich glücklich.

•

"Sie sind heute gar nicht so fröhlich wie sonst", sagte sie
plötzlich und machte recht traurige Augen. "Dabei sehen Sie
mich immer so beobachtend an. - Was ist Ihnen?"
.. Sie tun mir so leid, kleines Frauchen", sagte ich mit Ueberzeugung.
"Ich Ihnen? - Warum denn?"
.. Weil Sie k T a n k sind!"
"Machen Sie mir nicht Angst", rief sie und prüfte schnell
Ihr Gesicht im Spiegel, "ich sehe doch sehr gesund aus."
"Ja, allerdings, aber Erich erzählte mir, daß Sie N achtwan.dlerin seien I"
Die drolligste Zote hiitte Molly nicht mehr zum Lachen
rcizen können wie meine Worte, und darum erzählte sie mir
dann:
"Als ich merkte, daß mich Erich vernachlässigt, wollte ich
ihn quälen, und begann daher zunächst scheinbar im Schlaf
zu sprechen. Doch das fruchtete nicht, und darum nenne ich
ihm jet~t in f.~st jeder Nacht allerlei Wünsche, um wenigstens
durch die Erfullung derselben, die immer prompt erfolgt, etwas
Abw~chsl~ng zu haben. Das ist alles. Und nun glaubt Erich,
daß Ich eme Nachtwandlerin sei? Das ist ja gottvolIl"
Und ihre Augen sprühten zündende Blitze zu mir. _
,,\\Tenn er sich nun aber heute aus Gram ein Leid angetan
hat?" Mir wurde ordentlich bange, als ich diesen Gedanken
aussprach. Doch sie sprang auf, küßte mich lachend auf den
Mund und jubelte, als ich sie sanft in die Kissen des Diwans
drücktc: "Er wird schon nicht!" -

•
" Ich begrcife E rieh einfach nicht, warum er dich eine ganze
Nacht allcin gelassen hat'" sagte ich zu Molly, als ich zwei
Tage später bei ihr saß.
"Weil ich im Schlaf darum gebeten hatte,
du Aff', du'" kicherte sie und küßte mich aufs Ohr ..•

die Frau
in der Liebe vergleicht die Frau ganz unbewußt; der Mann aber
merkt Unterschiede nur dann, wenn man ihn darauf aufmerksam
macht.

...

Eine Frau möchte immer; ein Mann will.

•
Alle Frauen können I<.omöd'ie spielen, aber der Komödie feinste
Nuance, das .• ich Beherrschen, verstehen die wenigsten.

•
Es ist der Frauen größter Fehler, auf die Liebe des Mannes
mehr Gewicht zu legen als au.lseine Achtung.

•

Bei den Frauen gelten die Menschen, beim Manne der Mensch,
das Menschentum.

•

Nur wenige Frauen empfinden wirklich. Die m~isten arbeiten
mit der Empfindung, d. h. sie berechnen deren Wirkung.

•
Eine Frau, die sich ihre weibliche Reinheit be'f!.lahrt hat, braucht
kein gesuchtes Mittel, um dem Manne zu imponieren.
Titti

Frauen wollen herrschen, Männer siegen.

Mozarts Braut
Wenn Mozart fröhli!!h war, pflegte er aueh in seinen Worten in himmlischer Heiterkei t zu musizieren. So antwortete
er auf die vertrauliche Frag~~ eines Jugendgespielen, wen er
eigentlich seille ßraut nenn e : "Eine Wolke am Frühlingshimmel". Und wie Mozarh') Freund ungläubig sein Haupt
wiegte, als beliebt!! Amadeus ! mit ihm zu scherzen, bekräftigte
der irdische GenhIs seinen J\.usspruch mit den Worten: "Gewiß; denn ejne lenzhafte We'llke ist immer mädehenhaft anmutig, immer reigenselig, lei,::ht hintänzelnd und schwebend,
jugendlich heiter, perlmuttel 'zart und ewig lächelnd." Als
wollte der Frtihlingshimmel j~ne Worte der Lüge zeihen, verfinsterte cr sich plötzlich; einte schwarze Wolke zerbarst: und

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große Tropfen sanken wie Zähren Gottes in einem rauschenden Crescendo zur Erde hernieder. Da wies Mozarts Jugendgespiele seinen seraphischen Freund auf den eingedunkelten
Aether hin. Aber Amadeus ließ sich nicht durch die Schauspiele der Finsternis bein:en, und der gl~ubige Glanz seiner
Seele überstrahlte mit altarhafter Ke~zenhelle allen Schattentrug, als er gleich einem Priester der Weltandacht wH klarer
Stimme sprach: "Wie auch immer der liiwmel sich wandle,
die Wahrheit meiner Verkündigung bleibt I;lnwandelbar; dt;nn
meine Braut weint nur Tränen der Freude und Dankbarkeit,
daß ich mich zu ihrer Schönheit bekefln!!P'
Ar/h ..r Silbcrgl~!1
        
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