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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Ja6rg.26

Nr.14

Die T) igi (a n tin
Afbert W{!ian{!r
or einer Reihe von Jahren wurde
die Öffentlichkeit mit den Einzel",
,I
heiten eines interessanten Eheschei~
<
dungsprozesses bekannt. Es war ein
Prozeß, in dem die Frau die treibende
Kraft war. Sie empfand das Be~
dürfnis, sich von ihrem Gatten, einem
angesehenen Großkaufmann., scheiden
zu lassen. Ein Detektiv war von ihr mit der Aufgabe
betraut worden, den nötigen Scheidungsgrund zu er",
mitteln. Allein, mangelte es ihm nun an der nötigen
Findigkeit, oder war das Objekt seiner Observationen
ein krasser Tugendbold, es wollte sich nichts entdecken
lassen.
Da entschloß sich der Detektiv, sein Berufsglüili ein
wenig zu korrigieren. Er entwarf einen Plan, um den
auf normalem Wege nicht zu eruierenden Tugendsturz
einfach direkt herbeizuführen. Durch eine jener ehren~
werten Damen, die liebebedürftigen Personen beiderlei
Geschlechts freundwilligst entsprechende Gelegenheit zu
schaffen pflegen, trat er in Geschäftsverbindung mit einem
jungen Mädchen, das den Anforderungen entsprach, auf
die es ankam. Hübsch, fast noch im Backfischalter, nicht
ohne eine gewisse Bildung, die sich sogar zur Höhe einer
Nietzsche:Brockensammlung erstreilite, dabei vorurteilslos
und betriebsam genug, dem Glüili die Hand zu reichen,
woher es sich auch bot, schien die Kleine offenbar durch:
aus geeignet, einem »besseren Herrn« gefährlich zu
werden. Das Geschäft wlirde perfekt. Detektiv und
Kupplerin sorgten für sorgfältige Vorbereitung des Coups.
Eines Tages machte dann der tugendhafte Großkauf~
mann im stillen Eisenbahncoupe die Bekanntschaft eines
charmanten Mädels. Sie war durchaus nicht spröde, und
vertrauensvoll genug, sich ihm anzuschließen. Und am
selben Abend beherbergte das gleiche Hotelzimmer (He
neuen Bekannten.
Natürlich hatte der glüililiche Herzensbrecher keine
Ahnung davon, daß in demselben Zuge, in dem er das
Blitzmädel kennen gelernt, der von seiner Gattin be...
auftragte Detektiv mitsamt der gefälligen Dame ges.es~en,
und daß dieses Paar im Hotel Wand an Wand mit Ihm
genächtigt hatte. Um so größer war seine Verblüffung,
als ihm unter Hinweis auf sein galantes Abenteuer und
unangenehm genauer Detailschilderung die Ehescheidungs=
klage zugestellt ward. Und die genossene Süßigke!t erhielt einen bitteren Nachgeschmaili, als vor dem Richter
nicht nur der Detektiv und seine Begleiterin , sondern
auch das Blitzmädel sein Abweichen vom Wege ehe..
limer Tugend eidlich bezeugten.
Um dieselbe Zeit, da sich dieser Prozeß abwickelte,
tauchte ein junges, hübsches und intelligentes Mädchen
in einem Kreise junger Akademiker auf, die sim zur
Pflege sozialistismer Ideen zusammengefund~n hatten und
zur Debatte der sie interessierenden Probleme zeitweilig
hie und da im Berliner Qyartier Latin ihre Sitzungen
hieltE'~. Einer der Kommilitonen hatte das Mädel kennen
<"'eiernt, w •.:: man sich eben trifft, zufällig - oder doch
smeinbar zufällig. Sie hatte gegenüber ihrem Verehrer,
zu dem er bald geworden I Interesse für soziale Ideen
gezeigt, und so führte er sie eines Tages in den Kreis
seiner Gesinnungsgenossen ein. Sie fand als ernsthaft

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strebender Mensch Aufnahme, und war bald ständiger
Gast der Zusammenkünfte.
. Unterdes begann der Kreis, der bisher in friedlicher
Stille sic:h gegenseitig gefördert, plOtzlich die Aufmerksam:
keit de!:.J>olitischen Polizei zu erregen. Dieser oder jener
seiner Teilnehmer bemerkte, wie, etwa, wenn er ein Haus
verließ, in der Nähe ein behäbiger Herr mit lauerndem
Gesichtsausdruili sich unvermittelt in Bewegung setzte,
mancher empfand auch im Gleise seines bürgerlichen
Lebens gelegentlich die Wirksamkeit irgendeiner widrigen,
Und als eines Tages eine
aber unsi
    
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