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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Ja6rg.1I6

Nr.14

Erocnis Pref

duna war eine hochgewachsene Frau,
eine imposante Heroinengestalt, ihre
stets diskreten, beinahe spießbürger",
lichen T oitetten ließen herrliche Formen

-j;~;~~~U~ nur ahnen. Sie war eben als Tochter
~

- eines

leitenden

Krankenhausarztes

gar zu häuslich erzogen und hatte den Kursus als
Pflegerin mit besonderer Auszeichnung durchgemacht.
Wenn man sie ansah, . gewann man den Eindruck, vor
einer Statue zu stehen, ihre vollendete Ruhe machte
Begehrlichkeit von seiten der Männer durch den Kontrast
mit ihrer Kühle von vorneherein fast lächerlich.
Obwohl sie erst 25 Jahre alt war I sah doch ihr
35 jähriger Gatte neben ihr fast jünger als sie aus. Er
war ein wohlsituierter , höherer Bankbeamter , leider an
Gestalt um einen Kopf kleiner als seine Gattin. Er
hätte sich gerne, wie es eben bei seinem Bankgebäude
geschah, aufstocken lassen. Das ging nun einmal nicht.
So mußte sein Ehrgeiz alles daran setzen, wenigstens
sozial zu wachsen und ein Hüne an Arbeitskraft in
seinem Bureau zu sein.
Obwohl also seine Frau ihn tagsüber gar nicht zu Ge"
sichte bekam, war doch die Ehe die denkbar glücklichste.
Nach vollendetem Pflichteifer fand er, abends heimgekehrt,
eine pflichteifrige Gesponsin vor, die das Institut der
Ehe ganz konform mit der Definition im Bürgerlimen
Gesetzbum verkörperte. Freilich hätte er dann lieber
ein leichtblütiges Ges.chöpf vorgefunden und im Liebes",
getändel den Pflimtmensmen abgestreift, umsomehr, als
ihm bisher Vaterfreuden versagt waren.
Bei Einladungen in Gesellschaften der Finanzwelt,
denen er infolge seiner angesehenen Stellung reichlim
ausgesetzt war, beobachtete er bei seiner Frau, wenn
sie von einem Tischnamb.lfn angeflirtet wurde, zu seiner
Freude eine stärkere Lebhaftigkeit, als er sonst an ihr
gewohnt war, und wenn sie dann namhause kamen, gab
sie sich mit mehr Feuer seinen Liebkosungen hin. Das
paßte seiner Natur sehr, aber wie es schien, der ihrigen
nimt, denn es bedurfte immer eines langen Zuredens
seinerseits, bis sie dazu zu bringen war, eine Einladung
anzunehmen und ihrer bequemen Häuslimkeit auf einige
Stunden den Rücken zu kehren. Er mußte fort und
fort betonen, daß er, seiner Karriere zuliebe, die Leute

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durch Ablehnungen dom nicht vor den Kopf stoßen
dürfe.
Systematisch hetzte er also seine Frau in Gespräche
mit Leuten hinein, die mehr Zeit wie er hatten, den
Kult des Flirtens zu pflegen, um, sobald ihre Wangen
di.e nötige Erhitzung verrieten, die Gesellschaft zu ver"
lassen, um sogleim, wenn sie die Droschke zur Heim=
fahrt bestiegen hatten, mit Worten der Zärtlimkeit zu
beginnen. Denn im Augenblick, wo seine Frau das Schlaf",
zimmer wieder betrat, war ihr Spiritus zum Teufel und
das Phlegma geblieben.
Das ging nun, so lang es ging. Allmählich verbreitete
sim der Ruf unter den in ihren Hoffnungen betrogenen
Kavalieren, daß mit dieser Dame nichts anzufangen
sei, und sie begannen einen Flirtstrei k.
Man be=
achtete ihre Schönheit nicht mehr. Das verletzte nun
doch ihre weibliche Eitelkeit. Ihr Gatte, der dies merkte,
warf so nebenher hin, daß ihre Toiletten gar zu zimper=
lirn ihre Reize verhüllten, der Kleiderschnitt könnte
denn doch etwas tiefer sein. Smweigend befolgte sie
den Rat.
In der Folge nun ließ sie auf ihrem wohlgeformten,
wogenden Busen neuerdings die Hoffnungen ihrer An"
beter ruhen . Und ihr Gatte hatte dann die Freude,
auf der Nachhausefahrt die klassische Smönheit seiner
Frau allein bewundern zu dürfen .
Durch diese Entdeckung bisher verborgener Reize
hatte die Zuneigung wieder Hochkonjunktur, bis bei
einem Kostümfest die herrlimen Beine seiner junonischen
Gemahlin die eifersüchtige Empörung der Damenwelt
hervorriefen. Das Ehepaar wurde von nun an überhaupt
nicht mehr eingeladen.
Unterdessen aber hatte der Gatte den bisherigen An,.
betern der Liebe das Flirten abgelernt. Er freute sich
seiner hübsmen Frau und die Wangen seiner Angetrauten
röteten sich. Da aber ihr Phlegma im Schlafzimmer trotz
allem nicht zu bannen war, warf er ihr, sobald es so.,
we~t

war, rasch einen Mantel um, schob sie aus dem Hause,
bestieg eine Drosmke und fuhr mit seinem Weibmen so
lange ourm einsame Straßen, bis ihr Strohfeuer ver",
flogen war. Dann kehrte ·man ins Schlafzimmer zurück,
das nun nimts mehr von des Wortes verwegenster Be"
deutung zu haben braudtte.
        
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