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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

JaBr" 26

Nr.2

~SomnambulismllS~
Von Olto M. Micnae(is
Daß es Frauen gibt, die, um zur Erfüllung ihrer Wünsche
zu gelangen, oft die raffiniertesten Mittel anwenden, ist schon
sehr, sehr lange bekannt. Daß es aber auch Ehemänner gibt,
die töricht genug sind, ihren Frauen mit einer an Leichtsinn
grenzenden Sorglosigkeit j e den, auch den gewagtesten
Wunsch zu erfüllen, das habe ich erst neulich erfahren, und
das kam so: Mein Freund
Erich, der seit zwei Jahren mit der entzückend_
sten Frau, die ich je gesehen habe, verheiratet
ist, hatte mir gestattet,
ihn recht oft Zu besuchen,
wenn ich abends nichts
weiter vor hätte und mir
die Decke meiner öden
Junggesellenbude auf den
Kopf zu fallen drohe.
Von dieser äußerst liebenswürdigen Erlaubnis
mache ich selbstverständlich recht regen Gebrauch, denn Erichs Liköre sind vorzüglich und
seine Zigaretten stehen
immer zur Verfügung.
Außerdem ist Erich sehr
nobel eingerichtet - seine Eltern haben zur richtigen Zeit richtig spekuliert und sind geradezu
unanständig reich - und
ich fühle mich immer
recht wohl in seinem netten Heim. Hauptsächlich
aber ist es gerade immer
dan n recht gemütlich
bei ihm, wenn Erich noch
irgendeine dringende Arbeit zu erledigen hat und
ich inzwischen ganz ungestört mit seinem Frauchen plaudern kann und
ihre schwarzen Bubenaugen mich dabei wie
Diamanten anblitzten.
Neulich nun, ich hatte
viel gearbeitct und war
reichlich'
abgespa nnt,
sehnte ich mich wieder
nach so einem Erholu ngsstündchen und machte
mich darum auf, Erich oder besser gCS.lgt: seine
Frau - zu besuchen ...
Er freute sich sehr, als
ich kam, denn Molly war
zum Konzert, und weil
er so gut wie gar nichts
von Musik versteht, war
er zu Hause geblieben.
und nun heilfroh, daß ich
gekommen, um, wie er
glaubte, ihm die Langeweile zu vertreiben. - Ich war enttäuscht. An sei n e r Gesellschaft ist mir nämlich, seit er verheiratet ist, nicht mehr
allzuviel gelegen. Da ich nun aber durchaus kein unhöflicher
Mensch bin, blieb ich bei ihm. Und wir unterhielten uns
wider Erwarten gut über a le nur möglichen Tagesfragen.
Schließlich kamen wir auch auf spine Ehe zu sprechen.
Da sagte ich: "Mir ist es· [}(ich immer unbegreiflich, daß du,
der du doch früher ein so iil,erzeugter Ehefeind warst, jetzt
trotzdem so glücklich lebst mi t deiner Frau. Man könnte dich
fast um dieses Glück beneide!""
"Das brauchst du durchaus nicht", e.rwiderte er mit etwas
gequältem Blick, "denn wie in vielen Ehen, die glücklich scheinen und es nicht sind, so gil:: t es auch in meiner Ehe etwas,
was mich arg bedrückt."

4

"Nanul" sagte ich und war wirklich erstaunt, .. davon hast
du mir ja noch nie etwas erzählt!?"
.. Ich wollte eigentlich auch nie darüber sprechen, Otto, doch
schließlich muß man sich ja doch einmal zu jemanden aussprechen, und darum will ich dir alles erzählen."
Er schüttete hastig mehrere Gläser Likör in seinen ewig
durstigen Hals und fing
dann an:
.. In der ersten Zeit
meiner Ehe war ich wirklich recht glücklich, denn
Molly ist eine Frau, um
deren
Schönheit
und
Charme mich vielleicht
mancher Mann beneidet,
und da ich selbst wie
närrisch in sie verliebt
war, überhäufte ich sie
förmlich mit meinen Zärtlichkeiten und wußte, daß
sie ebenfalls glücklich
war. - Aber schließlich
muß doch alles, auch die
eheliche Liebe,/ in gewissen Grenzen genossen
werden - so dachte ich
- und begann daher, aus
dicser Erkenntnis heraus,
mit mcinen Zärtlichkeiten
etwas sparsamer zu wirtschaften.
Molly schien das gar
nicht weiter aufzufallen,
denn sie war genau so
lieb und freundlich zu
mir wie vorher und unser Glück schien dadurch
keine Trübung zu ertahren. Doch eines Nachts
machte ich dann die
furchtbare Entdeckung,
daß Molly leidend ist!"" Lei - den d?"
.. Ja, denke dir an, Molly
leidet an einem leider
schon sehr stark ausgeprägten
Somnambulismusl u
.. Um Gottes Willen,
Erich, sprich nicht solchen Unsinn '"
"Glaub' mir, Otto, es
ist tatsächlich so. - Anfangs achtete ich wenig
darauf, . doch schließlich
nahm das Leidea einen
solchen Umfang an, daß
ich in ernste Sorge geriet."
"Ja, aber wie äußert
sich denn das bei ihr?"
fragte ich, stark beunruhigt.
"Paß auf", sagte er,
"sobald sie ungefähr eine Stunde geschlafen hat, erhebt sie
sich plötzlich, läuft mit erhobenen Armen im Zimmer umher
und spricht allerlei unzusammenhäng endes Zeug. Meistens
sind es irgendwelche Wünsche, die sie dann äußert. Doch am
nächsten Tage hat sie keine blasse Ahnung mehr von alledem."
"Woher weißt du das?"
.
.. Ich nabe ihr alle die Wünsche, die sie in diesem Zustand
ausspricht, immer am nächsten T-age schon erfüllt. Sie freut
sich stets über alles, kann sich aber nie entsinnen, daß sie
überhaupt jemals einen Wunsch geäußert hätte. Zum Beispiel sprach sie neulich Nacht von Musik. Sie möchte so gern
mal ein schönes Konzert besuchen. Und als ich ihr die Karte
zu heute abend gab, war sie ganz erstaunt, wie ich auf diesen
Einfall gekommen sei."
        
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