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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

N'. /.)

Jahrg.20

Wie überhaupt diese kleine Geschichte nicht ganz ohne tiefere
Moral ist, und beweisen möchte, daß keineswegs die positiven Gaben
den Menschen notwendig aufwärts führen, daß vielmehr der Verzweifelte oft gerade seinen negativen Erfolg nützen soll, auf ihm
aufbauen, und ihn rückwirkend so zum positiven Erfolg zwingen kann.
Herr Axel übernahm auch mitunter Kundschaft außer dem Hause.
So geschah es, daß er einmal in ein Hotel gerufen ward, wo eine
üppige Dame wartend vor dem Spiegel saß. Diese Dame nun
zeigte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Kunigunde. Es war, als
sei Kunigunde in der Sonne gestanden, in die Breite geschmolzen
und in das gefährliche Alter hlnübergeffossen. Besagte Dame lächelte
mit kleinen Perlenzähnchen, genau wie Kunigunde.
Als sie onduliert war, verharrte sie - sie verharrte auf ihrem
Platze, genau wie Kunigunde, rausente nicht fort wie die anderen
Frauen, fort zu Vergnügungen mit fremden Männern.
Wie er vom Zimmerkellner erfuhr, war sie die steinreime Witwe
eines Straußenfederhändlers; sie hatte eine Zofe und einen Zwergpinsmer dabei, auch smien sie noch recht sehnsumtsvoll, jedenfalls
war der grunseidene Frisiermantel reichlich weit herabgerutscht I
auch hierin glich sie Kunilunde.
Von nun an frisierte er die reiche Witwe alle Tage. Es ergab
sich jene Vertraulichkeit, die gerne Friseure und Nervenärzte erringen, es waren jene Geständnisse in der Luft, die von Unbekannten
reden, doch meist die Anwesenden meinen. Auch von seinem Leben
erzählte er nebenher - in Stich worten gleichsam - sie erfuhr, daß
er ein sehr schönes Mädchen gekannt hatte, ein Mädchen namens
Kunigunde, - aber aus tragischen Gründen, die er verschwieg, eine intimere Verbindung ausgeschlossen war. Hier senkte Herr
Axel elegisch die Stimme und die sehnsuchtsvolle Witwe seufzte.
Diese traulimen Stunden setzten sich während etwa drei Wochen
fort, als es sich begab, daß die reiche Witwe eines Tages in einen
sanften Ohnmamtsanfall an Herrn Axels breitschultrigem Anzug zur
Seite glitt. Herr Axel fühlte: nun war der große Moment der Entscheidung gekommen ! - Aber, er wußte, was er sich smuldig war,
nein, für ein billiges Abenteuer war er sich zu gut! Das hatte er
von jeher bewiesen: Momten die Frauen aum nom so hingebungsvoll
sein blasses Bild in dem Pfeilerspiegel des Frisierkabinetts umworben
haben - ihre Bemühungen waren umsonst! Und da er gar nimt dergleichen tatl kam die Ohnmachtsfreudige
Init schwungvollem Augenaufschlag wieder zu sich und sprach,
bestürzt ihren Frisiermantel zusammenraffend: - mein Gott, was
ist 7 - es ist doch nichts gesmehen? . Darauf Herr Axel mit Reserve und Würde: - Gnädige Frau,
ich bin ein Gentleman. Drei Tage später war die steinreiche Witwe mit dem Gentleman
Axel Semmel verlobt.
Er reichte bei Herrn Spicherer seine Kündigung ein und erklärte,
daß er sich in vier Women zu vermählen gedenke. Er hatte diese
Mitteilung in schlichter Weise gemacht; er strich sich dabei wie in
Migräne über die Stirn. Bei dieser müden Geste funkelte sein
Ringfinger in gewaltigem Brillantfeuer.
Hinter den Portieren erzählte man den staunenden Kundinnen,
daß Herr Axel, ebender, der die Wellen so wunderbar brannte,
sich mit einer millionenreimen Witwe verehelimen werde. Man fügte
flüsternd hinzu, daß er eigentlim gar nicht Herr Semmel, sondern
der unlegitime Sohn eines Marquis von uraltem Adel sei.
Die Kundinnen betrachteten ihn mit neuen Blicken: - Wahrlim,
'er hatte eine aristokratische Art! Wie vornehm war seine Pose
und sein Außeres: Wie interessant degeneriert! Kunigunde war In letzter Zeit blaß geworden. Das Karmoisin
ihrer Wangen war verblichen. Die Seide ' an ihrer Büste war ver
schossen. Sie sah krank aus und etwas heruntergekommen. Nom
immer trug sie die gleiche übertrieben hochgetürmte, smon unD
moderne Frisur, sie war verstaubt und an dem grünen Reihergesteck
war ein Reiher heruntergebrochen.
Axels BHc:ke trafen sie flüchtig im Vorübergehen, als er gerade
seinem neuen goldenen Zigaretten etui mit eleganter Geste
eine Zigarette entnahm. - Recht eigentlim kokettenhaft smaute sie
aus! - so damte kalt Herr Axel, der, wie ein jeder der im Leben
vorwärts will, Verräter war.
Eines Morgens fand man Kunigunde mit zersmelltem Gesicht
mitten unter den similibesetzten SdJildpattkämmen liegen.
Eine Flasche If. Haarwasser hatte sie im Sturze zertrümmert, nun
rann die Schminke in der Flüssigkeit . . . rot wie Blut.
Herr Sp,imerer rnamte einen fürmterlimen Kram.
Der neue Fl'iseurlehrling heulte und zeterte und beteuerte viele
Male schreiend: - er habe sie nicht umgeworfen, er habe die Auslage gar nicht angerührt, sie müsse ganz von alleine umgestürzt
sein. Zufälligerweise geschah das gerade an dem Hochzeitstage des
Herrn Anl Semmel.
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Neue Wäsdle

Brüning

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