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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.26

Nr./3

Katharina Godwin
Axel Semmel war Friseurlehrling. Sollte sein Name symbolisch
aufgefaßt werden, so muß gesagt sein, daß er zu jenen ein wenig
zu klein Geratenen, Bleichsümtigen gehörte, wie sie zuweilen in
engen Läden smmaler Seitenstraßen trauern. Ja, er blaßte klein
und wenig ansehnlich hinter der niederen Ladentüre. Offnete jemand
diese Türe, so knickte er eilfertig ' in sim zusammen und bemühte
sich ni mt erfolglos mit der Brennschere. Angestellt war er bei der
Firma Spimerer und Sohn. Der Sohn war ein ganz Feiner. Er
trug verwegene Krawatten und von der weiblidH~n Kundsmaft spram
er im Tone überlegener Verachtung.
Axel Semmel bestaunte dessen Souveränität, wenn er im Hinterzimmer, wo die Wirrhare und Zöpfe lagen, während einer Arbeits·
pause seinen Leberkäs aus dem Papiere aß. Des Überlegenen
Redensarten verwirrten seine gläubige Seele, denn er ondulierte di e
vielen Frauenköpfe mit so viel andächtiger Hingabe, daß er ein
wahrhaft guter Friseur wurde.
Keiner brannte die Wellen so wie er, so ganz natürlich und
niemals zu heiß, keiner frisierte: so zart wie er, so überaus individuell.
Wenn dann die Frisur fertig war - so ganz nach W unsm! dann gingen sie, dann. rausmten sie_ fort - fort von ihm - - zu
einer Unterhaltung mit anderen Mannern. - Oh tragisches Schicksal - immer das eigene Gesimt neben
dem einer immer wieder anderen Frau, - eingerahmt in dem Pfeilet~
spiegel des engen Frisierkahinetts - durm Jahre wiederholt zu
sehen, in der Gebärde vertrauter und dom so getrennter Berührung! Tief in seinem gläubigen Herzen brannte der Verzimt. Den Sohn
beobamtete er einmal, als er Fräulein Erna, die sonst immer so
hoheitsvoll und unnahbar an der Kasse tronte, im Arme hielt. Sie
lamte tönend und rhythmism wie ein aufgezogener Apparat und
Herr Axel mußte an eine Kinomusik denken, die im Dunklen geheimnisvoll die flatternden Bilder eines sensationellen Liebesdramas
~~~

.

Er smlich bedrückt einher. Er träumte davon, daß er aum einmal
so wie jener mit Fräulein Erna in zärtlimer Umarmung sei; er
sah jede Frau im Frisierkabinett heimlim auf solche Möglimkeit
an :...- aber sie smauten alle immer auf ihre Frisur - sie damten
alle Immer nur daran, daß er sie schön frisiere für andere Männer!
Beim Namhausewege mamte er weite Umwege, streifte fremde
Mädmen - einmal stand er lange an einer Straßenedte, wartete
auf ein Fräulein Frieda, das ihm hier ein Stelldi
    
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