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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

N,.13

Das Gegenmitte!
Skizze

VOll

Pauf"dJo,r:I Hl'nsef

"Gewiß". sagte die zicrlime Frau. deren hübsmes Gesimt fast
ganz unter Pelz werk versmwand, "Sie wissen, daß ich ganz gern
mit Ihnen plaudere. aum einmal anderswo als hier auf der Strane.
Aber Walter i~t ja so entsetzlim eifersümtig. Gehe im einmal
allein fort. muß kh ihm stets einen großen Berimt gebeQ, wo
ich gewesen bin, mit wem im gespromen habe... im kann
kaum etwas allein unternehmen, - und wenn es nom so harm.
los ist.'"
,
Der junge Arzt lämelte fein. "Und Sie gaben ihm nie Grund
dazu 1/1
Die junge Frau errötete. "Aber Bernd! . Nein, es ist fast
krankhaft bei ihm, daß er hinter allem etwas vermutet. Und
dabei ist es nimt einmal eine temperamentvolle Eifersumt das wäre dom noch etwas Abwechslung - sondern eine, die
aus seiner Liebe, seinem Besorgtsein um mim entspringt."
Der Angeredete sah ein paar Minuten sinnend zur Erde.
Dann sagte er:
" Wenn es krankhaft ist, wozu haben Sie einen Arzt als
Freund? Bitte, konsultieren Sie mim. Im will Ihnen gern helfen!"
"Wie wollen Sie das machen?"
"Man heilt vide Krankheiten durm Gegenmittel. Kommen
Sie, hier ist eine hübsme Konditorei. Im kann dom unmöglim
auf der Straße Spremstunde halten."
"Aber nimt lange, Bernd! "
"Je rasmer Sie einverstanden sind, um so früher können wir
gehen!"
Er öffnete die kleine vorhangbesdllagene Tür des Cafes.
"Du willst wirklim auf den Ball . im T rokadero gehen 1"
fragte Walter Sams, als seine Frau mit dem Ankleiden begann.
"Ja, Lissy hat mir dom die Eintrittskarten gesmenkt, und
sie bringt 110m ein paar Bekannte mit -"
"Mit denen du dim dann gut amüsieren wirst?"
"Gewiß, Smatz; was bleibt mir übrig. wenn dir die Arbeit
nimt soviel Zeit läßt, deine Frau zu einem Vergnügen zu
führen."
Sie hatte remt, ~nd er hatte aum smon ein paar Tage
vorher seine Zustimmung gegeben. Nur eins ging ihm im
Kopf herum. Er hatte heute seinen Freund Bernd Heller·tele.
phonisch um eine Unterredung gebeten, und der htte sim entsd\Uldigt, - ei wäre verhindert. Die Möglimkeit lag nahe,
daß Bernd aum zu demselben Tanzfest ginge - sie hatten oft
darüber gespromen. _ .
Ärgerlim, daß immer wieder die dummen Gedanken kamen,
aber sie lagen so nahe. Er braumte ja nur zu fragen, Anita
konnte nidlt lügen. Aber heute hatte er es ja viel leimter,
sim davon zu überzeugen. ob seine Gedanken beremtigt
waren oder nimt.
Eille Stunde, namdem Anita gegangen war, stieg Walter
die Treppe zu Bernds Wohnung homo Der Arzt war zu Hause.
Mit rasmem Blim musterte \Valter den Korridor und das
Zimmer, in das ihn Bernd führte. Nimts, - sie war nimt
da. Bernd smien aum nimt die Msimt zu haben, fortzugehen.
Walter atmete erleimtert auf. Es war ja aum töridtt von ihm
gewesen, gleim Sdtlimmes zu denken. Mit ein paar gleim ...
gültigen Worten sumte er sein Kommen zu erklären und sidt
einen guten Abgang zu versmaffen,
da klingelte das
Telephon.

18

Der Arzt horchte angespannt. dann legte er den Hörer hin,
und griff rasdl zu Hut und Mantel.
"Du mußt mim entsdmldigen, Walter
eine wimtige
Same - im bin bald wieder hier - lies ein paar Zeitsdtrilten
da stehen aum noch Zigarren - Ja. ja. wir armen Ärzte -!"
Sdton war er aus der Tür, und Walter blieb allein in seinem
Klubsessel sitzen.
Er las und raumte. Als drei Viertel Stunden vergangen waren,
zog er sim an. Denn es reizte ihn dom nom. auf den Ball zu
gehen, um Anita zu beobachten. Aber was war das? Die
Korridortüre war verschlossen. der Arzt hatte in der Eile
gewohnheitsgemäß den Schlüsse! abgezogen. Walter mußte also
warten und setzte sim resigniert wieder in den Sessel. Ein"
förmig timte die Uhr "Verteufelte Situation", wetterte er. "unter Umständen kann
im hier die ganze Nadlt sitzen." Er sumte die Tür zu dem
Zimmer des Stuhenmädtnens, um sich eventl. von ihr öffnen
zu lassen. Aber als diese eil!e fremde Stimme hörte. sdlrie sie
laut um Hilfe. so dall sid1 \Xfalter rasm wieder zurückzog. Er
fing an, durm die Zimmer spazieren zu gehen, um seine Müdiga
keit zu bekämpfen, bis die Mieter vom tieferen Stockwerk an
die Deme klopften. Es war ein Uhr namts. Die Dampfheizung
war längst kalt geworden.
Da zog er seinen Rock aus und legte sim auf das lange
Ledersofa im Wartezimmer, ratlos, ergeben in sein Smicksal ...
Anita lag nom im Bett, als Walter frühmorgens in das
Zimmer trat. Sie drehte sich heftig nam der anderen Seite um
und würdigte ihn keines Wortes. Und er stand vor ihr, blaß,
übernämtigt, mit Hut und Mantel und Stock, und begann zu
erzählen Anita sennitt ihm kurz das Wort ab. "Sehr smön hast du
dir das ausgedadtt, aber im glaube dir nient, du Heumler!"
"Aber Kind, hör' doch zu! Bernd konnte nimt früher
kommen. Die Operation hielt ihn auf; und ich war eingesmlossen .. ."
"Bummeln warst du! Weil du damtest. im bin fort! Aber
im wollte dim auf die Probe steifen und kam nam einer Stunde
wieder zurück. Mim mußtest du immer mit deiner Eifersucht
quälen, und du selbst, du Scheusal - "
Es war alles vergeblim, W alter legte sim müde smlafen,
stand mittags auf, kaufte Anita einen neuen Hut und zum
Abend ein Billett für das Opernhaus. Aber es dauerte nom
sehr lange, bis sie eine versöhnlime Miene zeigte.
"Diesmal will im dir nom glauben", sagte sie,· "aber nun
hast du es selbst wenigstens einmal gespürt, wie es ist, wenn
man ungeredlt verdämtigt wird. Wirst du dim nun bessern ?"
Sie hatte remt: Es war für Walter sehr bitter gewesen,
eine lange Namt im kalten Wartezimmer zu verbringen und
dann nom einen falsmen Verdamt auf sim nehmen zu müssen.
Er wußte jetzt, wie weh er Anita manchmal getan hatte. Am Abend, eine Viertelstunde vor Beginn der Oper, stand
Anita vor der Tür des Arztes.
"Nun, wie ist Walter die Kur bekommen?" fragte Berncl
und küßte ihre bei den Hände.
"Wie du siehst, gut", lamte sie. "Denn er hat mim hellte
selbst fortgesmickt. Und da Abwechslung immer sehr hübsm
ist, komme ich heute einmal zu cl i r ! "
        
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