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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

.JoIJrg.26

würde er nun auf seine Frau warten müsssen - er kannte ihre
geniale Unpünktlichkeit. - Aber er traute seinen Augen nicht;
Kaum 10 Minuten später kam von der ander.en Seite in ihrem
. neuen gestreiften Kostüm Frau Greta.
Martins Wut steigerte sich bis zur Weißglut. "Man muß
nur der Liebhaber sein", dachte er, "dann sind die Fraaen
pünktlich. Mich hat Greta nie unter eine Stunde warten lassen."
Er ging, Rachepläne im Herzen, von seinem Beobachtungsposten fortl und, die Straße überquerend, betrat er das Cafe
von einem Seiteneingange, von dem aus man ungesehen den
Raum überbli!ken konnte.
In einer lila ausgeschlagenen E!ke saßen T obby und Frau
Greta. Martin nahm unhörbar hinter einer Säule Platz. " Wenn
nur die verwünsdtteFiedelei aufhören würde," dachte er erbittert "man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen, geschweige
denn anderer Leute Worte."
Er warf einen bösen BIi!k hinüber zum Podium, wo unter
rhythmisch begeisterten Verrenkungen ein Geiger nebst seinen
Genossen spielte. ~nd als ob sie den Basiliskenbli!k Martins
gesehen, endeten sie mit einem schwirrenden Glissando.
Und Martin, sich vorbeugend, hörte, wie T obby zu Greta
sagte: "Also, Frau Greta, wenn Sie meinem Rate folgen und
die Aktien nom halten, dann können Sie sich nicht nur den
Smaragd kaufen, sondern audt noch den Lederdreß für Martin."
"Aber wenn sie fallen?" fragte Frau Greta ängstlich.
"Sie faflen nicht", entgegnete T obby bestimmt, "denn - - "
Und nun entwi!kelte sich zwischen den beiden ein börsentech.
nisches Gespräch, in dem viel von Konzernen, Stinnes, Aktien.
paketen und Konjunktur die Rede war, aber durchaus nicht
von Liebe.
Martin blieb erstarrt vor Reue, und er blieb erstarrt noch
sitzen, als Tobby zahlte, sich formell von Greta verabschiedete
und ging.

Plauderstündchen

16

Nr./3

Frau Greta blieb und holte aus ihrer Tasche Kurszettel,
Papier und Bleistift und fing an zu rechnen.
"Greta", sagte Martin plötzlich neben ihr. Frau Greta fuhr
auf, als ob Banquos Geist vor ihr erschienen.
"Erschri!k nicht, Liebling, im will es dir nur lieber gleich
gestehen - wirst du mir verzeihen können - man hatte mir
hinterbracht, daß du dich hier träfest - mit Tobby."
"Hast du unser Gespräch gehört?" - "Ganz flüchtig, ich
hörte etwas von Aktien und Börse." "Und hast du wirklich geglaubt, daß ich dich mit Tobby
betrüge -." "Das war es ja gerade," sagte Martin eifrig,
"gerade Tobby, dies Monstrum von Häßlichkeit. Wenn es ein
anderer gewesen wäre, Fred zum Beispiel." :...
"Das würdest du verzeihen?" fragte Frau Greta schnell.
" Verzeihen, nie," rief Martin emphatisch - "aber es wäre
doch noch begreiflicher - T obby und ein Mensch wie Fred das ist doch ein Unterschied. Aber wozu diese theoretischen
Erörterungen. Du bist meine süße Greta. Und nun komm, wir
wollen den Smaragd kaufen. Dann brauchst du T cbby und
seine Aktien nicht mehr." - - Zwei Stunden später saß
Martin im Büro und F rau Greta bei Fred. "Jetzt brauche im
keine Gewissensbisse zu haben", sagte sie lachend, "denn
sogar ein neuer Ledermantel ist dir sicher."
Wenige Wochen später traf Martin Fred, der in einem neuen
Ledermantel mit seinem Auto vor dem Klub hielt.
"Donnerwetter," meinte Martin, "feudaler Mantel - aus
welcher Quelle stammt er denn?"
Fred wurde rot. "Leider kann ich Ihnen die Qgelle nicht
verraten, eine private Sache."
"Meine Frau wollte mir auch so ein .Lederding smenken",
sagte Martin - "aber ihre Aktien scheinen gefallen zu sein."
"Dafür sind meine gestiegen", erwiderte Fred lächelnd.

CJ"'islell
        
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