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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

.Jahrll.26

Nr.13

Als der Papst Innozenz VIIl. auf dem Stuhle Christi sa6, lebte
in Rom ein reicher Kaufmann mit Namen Ghino di Toledo. Er
hatte viel geliebt und manche glGddiche Stunde bei Frau Venus gefeiert. Ganz Rom sprach von seinen Torheiten, und kein Wunder,
daß er manche schöne Frau durch seinen Ruf herbeilocite. Die
Kurtisanen Roms aber hielJ
ten sich fern von ihm, denn
sie wußten, daß Männer
dieses Schlages es sich nie
einfallen lassen, Gunst.
bezeugungen zu honorieren.
Sie spotteten seiner und er·
klärten die
Freundinen
Ghlnos für Frauen, die
ihnen ins Handwerk pfuschten und nicht diskutabel
seien. Eine Frau, die ohne
Entgelt liebe, müßte den
Feuertod erleiden, meinte
z. B. die Kurtisane .Lucretia
Crivelli.

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,/

Ghino kümmute sil:h niemals u~ diese Auslegungen
und Urteile der Kurtisanen.
Wohl aber machte er sich
lustig über sie, wenn sie
in Samt und Seide auf und
ab patrouillierten auf den
Straßen und mit bedeutungs.
vollen Blicien den jungen
und alt.en Herren Roms ins
Auge schauten.
"Eine Dirne - welch
entsetzlicher Geschma&!n
äußerte er sich. "Heute be.
sitzt Beatrice mein Diener,
morgen hält sie Giacomo
im Arme I und wenn sie
GIGci haben 1011te, Ist ihr
Lorenzo noch hold In derselben Nacht."

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;"

Im übrigen war unser
Freund ein Frauenkenner.
Er umarmte und koste täg.
lich und fast stündlich. Im
Weine verstanden sich Mann
und Frau und der reiche
Ghino war glü&lich, wenn
er sich sagen
durfte:
Kurtisane
"Meines Ichs wegen verehren und vergöttern mich die Holden Roms, während Würdenträger nur der Dukaten halber Liebe empfangen.

•

Innozenz VIII, dieser Lasterhafte, hörte viel von Ghino und er
ließ sich mit Vorliebe dessen Abenteuer schildern. War doch Pater
patriae (man nanrite Innozenz Vater des Vaterlandes, weil er selbst
16 Kinder besaß> jeder fröblichen Zärtlichkeit hold.
Ein Freund des Papstes, der Bischof von Palermo, riet Innozenz,
Ghino so hineinzulegen, daß er ewig einen Denkzettel bekäme.
Dieser Bischof von Palermo war der Beschützer aller römischen
Kurtisanen, die auf Ghino eine nicht gelinde Wut hatten.

Obino wurde hierauf eines Tages Innozenz vorgestellt und bald
war Ghino Im Vatikan eine beliebte Persönlichkeit. In amoureusen
Dingen wußte er den Kardinälen und WQrdenträgern Bescheid
zu geben und so scharte sich alles um Ihn.
Der galante päpstliche Hof, der starke Beziehungen zu Lorenzo
di Medici unterhielt, stand
in dieser Zeit im Zenitb
seiner Lebensfreude. Man
vergaß das Kirchliche bei
dem Weltlichen und Ghlno
brachte vollends den Ton
mit, der verlangt wird, um
Dinge wie das Jenseits und
seelische Hemmungen verJ
gessen zu machen. Des
Papstes Freund stellte Ghino
eine Schöne aus Pisa vor,
während der Papst mit Ungeduld auf die Ergebnisse
wartete. Diese Schöne sollte
das Kriterium in den Augen
des Innozenz sein, sollte erpriifen, ob ein Weltmann,
wie Ghino, vor Frauensehnsucht den Verstand ver.
lieren könnte oder nicht.
pieses Problem wollte der
Papst gelöst wissen. Er hatte
so seine Sorgen, der Papst ..
Zum Zwetke, ihn zur
LIebesraserei zu bringen,
kleidete man Clarlna in
fürstliche Gewänder, und
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erklärte, daß sie eine Prin.
zessin aus dem Orient sei.
Die Sprache (sie beherrschte
,/
mäßig Türkisch, denn sie
war die Buhlin eines reichen
Asiaten einst> sollte Ghino
bald Qberzeugen, daß diese
Frau mit allen Re/zen einer
morgenländischen Fürstin
ausgestattet sei. - Sie sei
begehrenswert wie keine.
Um ihre Schönheit war ein
Glanz gewoben wie ihn
keine der Kurtisanen Italiens
hatte. Ein Nimbus von
Reinheit umgab eine kleine
Zehbe
Sünderin.
Diese Augen
logen und dieses Sammetfell war Rosahauch. Sie war berühmt wegen ihrer hübschen Larve
und begehrt allüberall.
Ghino, verliebt und närrisch gemacht, sollte diese Kurtisane
heiraten und der Dirnenverächter sollte seine größte Blamage erleben. Innozenz wollte beweisen, daß die abgeklärtesten Junggesellen.
Philosophen doch hereinfielen auf Frauenpech und hier haften und
kleben blieben.
Die Prinzessin trat auf Befehl schüchtern und verlegen am päpst.
lichen Hofe auf. Gbino besah sie bald mit Kennerbli
    
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