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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

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Jetzt - jetzt - löst sie ihr schwarzes Haar und schwingt
es zurück - - er steht hinter ihr, lacht erregt und umfängt
sie schnell mit presssenden Küssen - -. Bin ich nun vergessen, Helge? Wirst du mich nie begreifen lernen - nie
erfassen, warum ich deine Jugend, die du mir so oft botest,
unberührt ließ? Weib du, blühendes, hat Gott es wirklich
so gewollt, daß du nur Fr u c h t werden willst und nichts
anderes? Sind alle Veredelungsversuche an dir vergeblich
gewesen? Ach, ich frage - - frage zu toten Wänden hin,
und meine eigene siechende, unterdrückte Natur schreit mir
Hohn in die Ohren - - - - - - -- -.
Besitze ich dich nicht
dennoch, Helge? Ein
Blatt habe ich aus
deinen Händen, aus
dem blüht das Unnennbare - - - deines Leibes und
deiner
Seele
aufgetane
Qual,
die
um Erlösung flehen,

Baron Lövborg riß
sich jäh vom Fenster
fort,
und
tappte
zu einem Schrank;
entnahm ein Kästchen,
und tastete darin herum. Das Blatt hielt er
zwischen seinen Händen wie ein priesterliches
Idol;
lange
stand er so, vorgeneigten Kopfes, und
gleich
unerträgliche
Spannung in seinen
Nerven. Endlich gewann er sich so viel
Willen ab, das Licht
zu entzünden.
Damit wurde es ruhiger in ihm. Er entfaltete und las die
Zeilen Helge Bredholm's langsam, mit
einem zärtlichen Lächeln:
"Es ist die Nacht zum Ostersonntag. Ich verspüre Lust,
noch etwas aufzuschreiben. Seltsam, die Uhr zeigt schon 1,
und dennoch - - es zwingt mich fast dazu.
Wir sind von Frederiksberg heimgekommen. Es' regnete
ein wenig; aber die Luft war drücken~ schwül. In meinen
Adern brannte das Blut. - - Ich weiß, daß meine Augen
strahlen und meine Lippen tief dunkel aufblühen, wenn in
mir solch ein Brennen ist. Und ich freue mich dieser nächtlichen Schönheit. Mit einer eigenartig stolzen Freude ging
ich meinen Weg nach Hause. Die Männer in der VesterbroGade sahen sich um nach mir. Es erfüllte mich ganz das
Bewußtsein, daß ich Begehren erwecke. Und je mehr ich
das empfand, um so stärker wuchs in mir selbst das Begehren
nach dem Manne, den ich liebe. Da stand ich vor meinem Spiegel in dem dunklen Zimmer.
Ich betrachtete mich - wohlgefälliig. Den roten Hut nahm

ich vom Haar, öffnete die Bluse am Halse und blickte wieder
in den Spiegel, wie er mir mit Hilfe der Straßenlichter mein
Bild zurückgab. Da sah ich meine Augen aus dem toten
Glas hervorleuchten - ganz groß und schwarz.
Ab das Kleid und die rauschenden Röcke! Ich löste mein
Haar und glättete mit den Händen die Spitzen des Hemdes.
Die feinen weißen Spitzen umrahmten meine Schultern. Ich
mußte immerzu - wie erstarrt - darauf hinblicken. Eine
dumpfe Glut war auf mir. Vom Fenster fiel ein schräger
Lichtstreifen herein. Sonst umgAb mich die ungewisse
Dämmerung des nächtigen Zimmers. Da streifte ich das
letzte Kleid von mir

Wieviel Grad?
}, Sprembe,g

ermüdet schlossen sich
meine Augen.

Etwas Seltsames geIch fühlte,
schah.
wie eine große Einöde um mich war!
Die ungeheure Leere
wurde
wuchs riesenhaft ihr Schweigen war
wie Brausen eines
Ich stand
Meeres.
inmitten der toten
Dunkelheit und wußte,
wie einsam ich war.
Niemand in dieser
erstorbenen WeltJ So
flüsterte eine Stimme in mir - -. Ein
Grausen packte mich.
Die schwarze Nacht
kroch um mich her sie zog sich enger' um
meinen Körper - ihr heißer Atem berührte meine Haut - Und da - - es
hoben sich Arme, gespenstisch, riesengroß
- näher, immer
näher griffen sie - ich sah die ungeheuren,
zermalmenden
Hände, wie sie tastend mich suchten
- - - - und ich wollte aufschreien in qualvollem Entsetzen und fand keinen Laut - - - - als das eine Wort,
das sein Name ist - - - Als ich mich auf die Wirklichkeit zurück besann, sah ich,
daß ich noch nackt vor meinem Spiegel stand. In dem
Zimmer, das vom ungewissen Dämmerlicht der Straße matt
erhellt war. - Sehnsucht, die keine Erfüllung findet, gehört zu den süßesten
Schmerzen meines Empfindens. Und ich habe niemals tieferes Sehnen gefühlt nach dir, als in dieser Nacht." - Als der Baron das Blatt zusammenlegte. saß er noch
still gebückt. Das Lächeln um seinen Mund war hart geworden, es verging so schwer. Müde - tief, tief müde
war er nun. Er stand auf, und legte den Bogen mit der
zärtlichen Geste, die ein Sammler seltener Dinge hat, in
seinen Behälter zurück. -

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