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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

N,.12

Jafi'!I.26

Efso

MOTio

Baron Lövborg kam des Nachts gegen 3 Uhr in seinem
Wagen nach Hause. Er hatte auf der Fahrt schon ein wenig
~eschlafen; nun weckte ihn die aufhörende Bewegung.
Er
rüttelte an dem gefrorenen Fenster; als es nicht nachgab,
klinkte er die samtbezogene Tür auf und stieg mit Lackschuhen in den weichen Schnee hinaus.
Der Diener war dabei, die Einfahrt 7.ur Villa aufzusperren.
Drinnen ging ein Lichtschein, orangengelb inmitten wcißgrüner
Streifen von verschneiten Fensterborden. Dann erschien die
Helle flimmernd an der Terrasse, fraß einen großen Fleck in
totenweiße Öde, warm und zärtlich rufend.
"Jensen ?" fragte der Baron und bog in den gefegten Mittelweg ein.
Das Licht nahte ihm; das Gczack einer Riesentanne schob
sich in seinen helebenden Kreis, nun ruhte es still. Um des
alten Jensen geneigten Körper stand der gelbe Dunstkreis;
war eine Glorie, aus welken Händen erstrahlend, und die
Stimme des Hüters sprach sanft aus ihr: "Ja, HerrI"
Der Baron reckte sich auf; es lag noch auf ihm wie das
Gebundensein eines Traumes.
"Guten Abend, Jensen späte Wachc, wie? Na, soll
sobald nicht wieder vorkommen. übrigens sagen Sie
doch dem Kutscher, er soll sich
aus der Küche noch einen Grog
holen, war 'ne kalte Fahrt von
Kjobenhavn - lassen Sie nur
das Licht - finde schon hinein _ _

U

Jensen stellte die Windkerze
auf dem We~c ab und trabte
:r.um Stalle. Baron Lövborg ging
langsam ins Haus; auf der Diele
nahm er den Pelzmantel von
den Schultern. Seine Hände zögerten dabei; plötzlich griffen
sie zur Stirn und preßten die
Schläfen. Dann sanken sie herab, wie abgeschlagen, und der
Blick des Barons fiel starr auf
einen Ritterpanzer, der alle
Lichter aus der Krone zurückspiegelte. "Tack" machte die
schwere Standuhr hinter ihm .
Sie wird Rleich die Stunde
schlagen, wußte er. Das kam
ihm von irgendwo - von weitt
dahinten, wo man ein Ungeheuer hatte das "Zeit" hieß
und dem man untcrtan war. -

Reue

Kleine, kleine Helge, nun ist dei n e Zeit gekommen - nun fIllIen dir die Schleier ah, an denen du gerissen hattest,
als trägst du Ketten: Nun geht dir das Eheschlafzimmer auf
- und - Nichtwissen ist Glück, wirst du erkennen I
Jensen kam herein; zugleich machte die Uhr drei Schläge,
rostig tonlos. Der Baron drehte sich und lächelte ein wenig;
in diesem Lächeln, das Vertiefte Falten bis ins kanti~e ~Iatte
Kinn zog, war viel nachsichtige Güte.

18

Bua

"Na, Jensen, wollen schlafen gehen, was? Hochzcitereinichts mehr für uns Alten - - "
Er steckte die Hände in die Beinkleidtaschen und wippte
auf den zusammengerückten Füßen leicht hin und her, daß
die Frackenden sich bewegten.
"Herr Baron sind doch noch ein Jüngling sozusagen - an
mir gemessen - und können doch noch alle Tage 10 Weiber .•"
"Hum!" der Baron trat zur Tür.
Der Diener folgte zum Schlafzimmer, schaltete die Birnen
vor dem großen Ankleidespiegel ein und nahm stumm aus
seines Herren Händen die Kleidungsstücke entgegen. Bei
der Batistkrawatte fing Baron Liivborg wieder zu reden Iln:
"Sie wollen was hören, Jensen ? Kennen doch die Jörgensen's und Bredhölm's, die sich da versippten? Wissen Sie _"
er lachte plötzlich leise auf und sah sich dabei aufmerksam im
Spiegel zu, "die alte Etatsrätin war da, die herühmten Leuten
immer noch versichert, daß sie "entschieden" Talent hätten,
und ihr Gatte sprach wiederum in seiner Rede von - na ja-"
Er räusperte sich; beinahe hätte er erziihlt, wie der alte
Herr seit 20 Jahren das Zitat
f omne prineipium diffieile" an.
zuwenden pflegte, was heute
beim Hochzeitsspruch allseits
ein verstohlenes Gelächter hervorgerufen habe.
"Nehmen Sie die Schleife,
Jensen, sie ist hin. Na, er
sprach also herzlich schlecht,
und das ist eine peinliche Sache.
Die Braut biß sich die Lippen
entzwei, ehe er fertig war."
"Das Fräulein Bredholm sah
Rewiß sehr schön aus?" fragte
der Diener bescheiden. - Der
Baron nickte in den Spiegel,
er kam sich selbst sehr eigentümlich dabei vor.
"Sehr schön, sehr königlich
- heide große gesunde Menschen, daran ist kein Tadel. _
Geben sie mir mein Pyjama,
Jensen. Kam kein Brief vom
Ministerium?
Ich
brauche
nichts mehr so, danke.
Gute Nacht, alter Freundi"
Der Diener schloß leise die
Tür. Baron Lövborg ging zum
Arbeitszimmer hinüber, in das
die Schneenacht ein falbes
WilU Scheuermann
Licht gesenkt hatte. Er trat
zum Fenster, le~te den Kopf
an die Scheibe und verharrte lal\lle mit ~eschlossenen Augen.
Sein Hirn war ihm eigentümlich schwer; immer wieder kehrte
ein Gefühl, als sinke der Boden von ihm fort und er müsse
sich schwebend am Fensterkreuz halten, um nicht nach zustürzen.
"Jetzt, jetzt - jetzt, jetzt!" Dies Wort war zurückgeblieben,
nur dies eine - - . Es hing sich an ihn und betäuhte seinen
letzten Willen.
        
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