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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr. I1

Jahrg. 26

Rooert Hecnt
Eigentlich war Helenc Mohr gar keine Dame. wenigstens
keine große Dame, sondern die Frau eines Postsekretärs.
Aber sie besaß, worum sie von allen großen Damen, die es
sahen, brennend beneidet wurde, schöne Beine, sehr, sehr
schöne Beine. Auch ihre Figur war ansprechend, der Busen
vielleicht ein wenig zu von, die Schultern etwas hoch, und
das Gesicht mit einer doch wohl gar zu langen Nase geschmückt - aber in den Beinen hatten die Liebesgötter ein
Meisterstück geschaffen. Ganz schlank strebte die Fessel
aus einem schmalen Fuß, wölbte sich in sanftem Schwung
in der Wade und formte, aufsteigend, ein Knie, in das zwei
entzückend rosige Grübchen gemeißelt waren, während das
Rein selbst den matten Glanz von altem Elfenbein zeigte.
Nur über eines war I-Iclene traurig, daß nämlich ihr Gatte,
der Postsekretär Mohr, so gar kein Verständnis für die
schönen Beine hatte. Helene hörte doch öfter. wenn sie
durch die Straßen ging, bewundernde Anerkennung von
seiten der Herren, von denen einzelne nicht selten viertelstundenlang hinter ihr herliefen und eine Gelegenheit zur
Annäherung suchten. Es darf nicht verschwiegen werden.
daß Frau Mohr nach dem ' Grundsatz handelte: das bißchcn
Hübsche. was man hat, darf man nicht noch verstecken und deshalb die Röcke kürzcr trug als es die Mode und die
Nachbarinnen eigentlich erlaubten. Auch gutes Schuhwerk
und elegante Strümpfe mußten immer zur Stelle sein und
konnten nur durch Entbehrungen angeschafft werden, weshalb Helene dunkles Grau bevorzugte. denn es war einmal
sehr apart und dann viel dauerhafter als das vulgäre Schwarz.
Aber. wie schon betont, Herr Mohr stand dem Phänomen
der schönen Beine völlig ratlos gegenüber. Er hatte Helene
nur einer kleinen M itgift halber geheiratet - und da er aus
einer der nahrhaftesten Gegenden Meeklenburgs stammte.
wo seine ärmlich aber sauber gekleideten Eltern auf wenigen
Morgen Pachtland die größten Kartoffeln gezüchtet hatten.
so liebte er auch bei den Frauen jenen quabbeligen Umfang,
der sieh bei den Beinen in Elefantiasis äußerte. Er fand
die Beine seiner Helene "dünne" und knüpfte daher ein
Freundschaftsverhältnis mit einer Gastwirtin an. auf deren
Busen eher als auf der Hand \Vallcnstcins das berühmte
und oft zitierte Kornfeld Plat7, gehabt hätte und deren Arme
woh l mit Helenes Beinen im Umfang wetteifern konnten.
Helene dagegen, der ein dunkles Gefühl die unterbliebenen
und anderswo hingetragenen Zärtlichkeiten ihres Mannes verriet, war darüber wohl etwas traurig, nährte aber kein
Revanehegcfühl in sich. Sie tat dies vor allem aus Stolz.
In dem kleinbürgerlichen Teil Schönebergs, wo der Postsekretär eine Dreizimmerwohnung im Gartenhaus inne hatte.
sah Helene manches, was auch die besten Vorsätze hätte
ins Wanken bringen können. In ach. so vielen Dreizimmerwohnungen hausten gut gckleidete, lustige junge Damen.
deren einzige Beschäftigung darin bestand, den Nachmittag
mit Kavalieren zu teilen, von denen niemand recht wußte,
wovon sic sich ernährten. Abcr auch woh l verheiratete
Gatten traf sie auf kleinen Flirts und Gattinnen. die ebenfalls auf Umwegen einem alten Ziele zustrebten. Es blieb
Helene nicht verborgen, daß so mancher sie mit herausfordernden Blicken streifte. ja, daß es Kollegen ihres Mannes
nicht bei den Blicken bewenden ließen. - sondern ihr in
schöner Vertrauliehkeit die Hand auf den ... Rücken leuten
oder ganz keck in die Wade kniffen. Aber alles dies" bestärkte nur ihren Vorsatz, nicht zum SpielbaU fremder
Wünsche, nicht zu kurzem Rausch genommen und dann ver-

gessen oder gar achtlos weggeworfen zu werden. Trotzdem
glühte die Hoffnung in ihr, eines Tages des großen Glückes
teilhaftig zu werden, von dem sie nur nicht wußte, was sie
sich recht darunter vorstellen sollte.
Eines Tages .aber schien ihr das Glück lächeln zu wollen,
und das kam sO. Hclene hatte eine Straßenbahn bestiegen
und wollte sich nach Steglitz begeben, da man dort nach
Aussage einer erfahrenen Nachbarin, in einem kleinen Seifenladen das Waschpulver bedeutend wohlfeiler als in Schöneberg
einkaufen konnte. Hclene, die an allen Ecken knappste, um
den so erzielten Uberschuß ihrem Schuh- und Sticfel-Foncis
zugute kommen zu lasscn. rechnete angestrengt nach, ob es
nicht bcsser sei, nach Hause zu laufen und so wieder eine
Ersparnis zu erzielen. Si e hemerkte daher gar .nicht, wie ein
schräg gcgenüber sitzendn Herr sie andauernd fixierte, am
meisten Beachtung allerdings den schönen Beinen schenkte,
die sich ihm, da Helcne sie in unbewul~ter Koketterie übereinander geschlagen hatte. bis zum Knie darboten. Ein paar
mal, da sie aufblickte, begegnete sie dem Blick jenes Herrn,
der mit se inen Augen so beharrlich ihre Beine streichelte,

    
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