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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

N,.II

J abro.26

Gerd Ha""
Claus Hinrichs, ein niedlicher kleiner Bengel, Saison-Aushelfer und Volontär in der größten Buchhandlung und Leihbibliothek des Modebades, saß während seiner freien Zeit
mittags nach dem Essen im Kurpark unter blühenden Büschen
auf der versteckt esten Bank und futterte aus einer Tüte
Kirschen.
.
Unter Mittag war es immer sehr leer im Park. Claus
langweilte sich ein wenig und schnippte mit den Fingerspitzen
die Kirschkerne nach den frechen Spatzen.
Dann kam auch sie wieder den kiesbestreuten Nebenweg
der Promenade entlang, an dem seine Bank stand, genau wie
gestern und vorgestern um diese Zeit. Sie, die fremde, vornehme Frau, von schlanker und gepflegter Figur, schön und
elej:lant.
Claus Hinrichs konnte ein beklommenes Gefühl des Unbehagens nicht unterdrücken, als er sie erblickte.
Die vornehme Frau kam näher, schritt aber nicht vorüber,
wie das letzte Mal, sondern setzte sich zu ihm auf die Bank.
"Immer so allein?" fragte sie freundlich.
.
Er antwortete nicht. Sie wandte ihm ihr Gesicht voll zu,
das einen gütigen Ausdruck trug, der sein Vertrauen erweckte,
aber in ihren Augen war ein Glitzern, vor dem er sich
fürchtete.
"Ich bin auch ganz allein", sagte sie da einfach und traurig.
Er horchte auf und blickte erstaunt hoch: Das stimmte ja;
sie war immer allein gewesen, überall, wo er sie gesehen
hatte, auf Spaziergängen im Park und in den Kurkonzerten.
"Sie - Sie", stieß er hervor, "Sie brauchten's doch aber
nicht zu sein".
"Ich mag die Anderen nicht", meinte sie undeutlich abwehr!!nd. Und dann unterbreitete sie ihm ganz rasch
den Vorschlag, ihr jeden Tag eine Stunde Gesellschaft zu
leisten. Das würde gewiß sehr nett werden und damit wäre
ihnen doch allen beiden geholfen mit Unterhaltung . "Ob er

Eine glückliche Frau

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denn gar keine Sehnsucht nach irgend etwas hätte", erkundigte sie sich.
Er überlegte. ,,0 ja, einen Füllfederhalter möchte er schon
sehr gern haben", war seine Auskunft.
, Sie lächelte gütig und versicherte ihm, daß er denselben
bekommen solle und einen hübschen Anzug dazu, desgleichen
Lackschuhe und für jeden Tag etwas Taschengeld. - Aber
da sah er dann wieder das Glitzern in ihren Augen, vor dem
ihm bangte.
"Mal sehen", . sagte er auf einmal ein bischen bockig und
stieß mit seinem rechten Fuß unsicher in den Kies, daß die
Steinehen hochflogen. Sie klopfte dieselben leichthin von
ihrem Kleide ab, und ihr Lächeln war überlegen geworden.
Ehe er sich noch von seinem Staunen erholen konnte, hatte
sie ihn schon verlassen und rief nur aus einiger Entfernung
zurück: "Bis morgen um diese Zeit!"
Sie kam und brachte den Füllfederhalter mit. Er war entzückt, beinah selig vor Freude darüber und stammelte immer
wieder seinen Dank. Beim Abschied gaben sie sich dann
sogar die Hand, und diese Berührung durchzuckte ihn eigenartig beunruhigend. Er dachte gerade noch, daß sie doch
eine schöne und gute Frau sei, als sie sanft mit der Hand
über seinen braunen Scheitel strich, was er sehr angenehm
empfand. Als sie aber einen Kuß auf seinen trotzigen
Knabenmund drückte, kniff er die Lippen ein.
Da lachte
sie leise und silberhell auf.
Von Stund an nannte sie ihn "Bubi" und "Du" und gab
ihm allerlei törichte Kosenamen.
Als sie ihm ihre Adresse gab und bat, sie doch einmal
auf ihren Zimmern im Parkhaus zu besuchen, eilte er voll
heißer Bangigkeit und Sehnsucht dorthin. Er staunte über
die Pracht der drei Gemächer, die sie bewohnte, wurde
fürstlich bewirtet und fühlte sich so glücklich. daß er garnicht
wieder fortgehen wollte.

Hannes PeterseTl
        
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