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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

NT. 11

Ofa Afst?/t

Ich li ebe Lily.
So unwHhrscheinlich es klingt - ich liebe sie schon zwei
Jahre, und ich hin üherz'~ugt, ich werde sie noch viele Jahre
lichen. l'ieht wie ein Philister, aber wie ein Mensch, der
stets etwas Gutes zu schätzen weiß.
Wir - das heißt meine Freunde und ieh- hatten kündich
his drei Uhr in der Nacht eine langc, eingehende, mun kann
vielleicht sagen eine leidenschaftliche Debatte über das unerschöpfliche Thema .. Liebe und Treue". lJnd Klaus. der sich
rühmen darf, d aß ihm alle Frauen zufliegen. war sich auch
nicht klar darüber. worin stiirkster Frauenreiz beruht. Mit
seiner etwas perfiden Überheblichkeit lehnte er in d em tiefen
Sessel und betrachtete seine schmalen, etwas frauenhaft zarten
Hände. Er hatte reizende Handbewegu ngen. Alle Frauen
konstatieren das in der ersten halben Stunde des Zusammenseins. Ich lasse mich von diesen betörenden Gesten nicht
irreführen.
Ieh weiß.
Klaus kann sehr brutal
sein. Ja, er ist es mit
Willen und Absicht. Er
ist sich seines Willens
stets bewußt.
.. Wißt ihr, das Miirchen
vo m Reiz des Neuen ist
für Anfänger. Entweder
ist eine Frau amüsant.
und dann ist sie es immer. oder sie ist es nie.
Dieses Versteckspiel voreinander, das Unerfahrenr mit der Würze des
Ungekannten schmackhaft zu machen suchen.
ist nichts a ls ein Zeichen
armseliger Unwissenheit.
Wirklich kultivierte und
routinerte Männer besitzen ihre Freundinnen immer lange. Blättert in
1\
der Geschichte der berühmten Männer FrankDie Katastrophe
reichs.
Dieselbe Frau
stand immer neben ihnen.
Natürlich ist ein Mann von Welt niemals so prüde und banal,
man kann es bezeichnen wie man will, um nicht stets hereit
zu sein, mit reizenden Frauen reizende Stunden zu verleben.
Aber irgend etwas Bestimmtes fesselt sie immer an eine
bestimmte Frau." - Klaus wurde ernsthaft und nachdenklich.
.. Ihr wißt, ich lehe seit fünf Jahren mit Lilv. Findet ihr
sie hübsch? Vielleicht, vielleicht auch nicht . . Ihr habt oft
darüber nachgedacht. warum ich gerade diese Beziehung mit
Hartn iickigkeit kultiviere, na . ih r sagt vielleicht. mit einer
Hartnäckigkeit, die einer besseren Sache würdig wiire. Ich
will nicht sagen, ihr könnt es nicht wissen, denn man selbst
kann nie wissen. ob . . . wozu sich aber auf di-cses Gebiet
verlieren. - Liehelt nicht."
U nter seinen halbgeschlossenen Lidern blit?te es unheimlich.
.. Im übrigen macht mieh dieses Liicheln nervös. Es ist
rine hc!ehst ur:sympha tische. ~m nicht zu sagen taktlose liebhabereI von Freunden. untere1l1ander Mißtrauen zu erwecken.
Entrüstet euch nicht."
Weich. fast ziirtlieh bewegen sich seine Hände in der Luft.
.. ln uns allen lebt diese diabolische Neigung. Wenige von
uns ertragw den Glückstraum der anderen. Und wie leicht
ist das Lichtlein ausg eblasen, an dem sich die Menschen
wärmen. Es ist bei allem so viel 1llusion."
Aher wir sprachen doch von dem seltsamen Reiz, der uns
an die Frau fesselt.
.. \ Vir sprachen", Ralph Lutrau sagt es in einer kühlen ""eise,
.,wir spr:lehen wie gute, biedere Bürger von Liebe und Treue".
.. Bitte" , Ralph Lutraus verletzend-spöttischer Ton erweckte
in mir. der ich aus einem guten und ehrlichen Gefühl das
Thema begonnen hatte. pein liche Empfindungen ... bitte". Li ebe
und Trt:ue 11«t mit j>astoralell 0der ,"crkalkten Ansehauun~en
I! ieht das geringste zu tun. Es handd t sich um kulturelle Fnlgen.
Ich wiederhok. ich liehe Lil)' und bin hcreit zu erkliiren.
was mich an diese :tark Frau mit den unregelmäßigen Zügen
fesselt . - Sie hat eine prickelnde Ei~cnart, eine Phantastik,

die an das Barocke grenzt. Sie hat nicht im geringsten den
Wunsch. das kindliche Getändel, auf das wir Männer so gern
hereinfallen. auf ihr Programm zu setzen. Sie sagt erschütternde Dinge mit einer Kühnheit. die immer wieder aufhorchen macht. Sie ver.langt plötzlich Liebesheweise. die
andere Frauen höchstens huldvoll gewähren. Sie ist eben
ehrlich, sie hat sich von der lächerlichen Komödie emanzipiert.
die seit Generationen den Frauen als lockende Keuschheit
gepriesen wurden . Diese Keuschheit sollte uns locken, und
wir Tölpel gingen meist wie Fliegen auf den Leim.
"Hoho". Ralph Lutrau lächelte hö hnisch.
"Es mag Ausnahmen geben. Jmmerhin gelten selbst in den
aufgeklärtesten Kreisen diese Begriffe als gangbare Marke.
Es ist geradezu erfrischend, wenn eine Frau ehrlich Dinge
verlangt. die sonst nur der Mann fordert. Warum soll
in unserer befreiten Zeit die Frau nicht gleiche Rechte
hesitzen. Es kommt
selbstverständlich
bei
diesen sensitiven Fragen.
wie hei allen Dingen.
auf den Geschmack an.
womit es geschieht. Ich
glauhe, ihr werdet mir
zustimmen, daß der höchste Reiz, den eine Frau
besitzt, die Stimmung ist.
die sie um sich verbreitet. Man denkt nicht oft
darüber nach. weshalh
man diesen oder jenen
Menschen besonders gern
hat und warum es Augenblicke gibt. in denen man
leidenschaftlich
gerade
nach ihm verlangt. Irgend etwas in seinen Bewegungen. in seiner Stim me liegt etwas so ungemein Beruhigendes oder
Anregendes. Er besitzt die
Macht,mit dem Schimmer
seiner Persönlichkeit das
Bild vollkommen anders
zu beleuchten. ihm alle Härten zu nehmen. Aber das ist es
nicht allein. Die körperliche Nähe dieses Menschen strömt
unendliches Behagen aus. Es ist nicht nötig, daß man besondere Erlebnisse verlangt. Aber ein liebenswürdiges Lächeln,
das absolute "sich einstellen können" auf den anderen ist
heglüekend. Eine Frau muß eben alle Stimmungen erraten.
nichts mit Komödie umgeben. oder wenigstens eine belustigende Komödie spielen. die gerade im Augenhlick den Nerven
angenehm ist. Nur nicht sich an Konvention klammern. Etwas tun. weil man es tut.
Warum wieder diese überhebliche Geste. Klaus? Glaube
mir. gerade Frauen. von deren Intelligenz und Eigenart wir
überzeugt sind. erstaunen häufig durch Anschauungen u~d
Handlungen, die geradezu jede Stimmung erwür~en. Un? Ist
es nicht köstlich. wenn ei ne Frau es versteht. eme erotIsche
Stimmung um uns zu zauhern'? Sie braucht dazu nicht Mondenschein und venezianische (;onde lf ahrten. keinen Sonnenuntergang am Meer und keinen Oberfluß an roten Ro~en
Sie sagt ein kleines Wort. steht auf, wenn man es mehl. erwartet. erzählt irgend etwas mit einer reizen?en Geste, Ihre
Stimme schwingt. Leise, verhalten und doch gluhend spurt man
eine süße Sehnsucht aufglimmen. l"lan wird. von der lockenden
Melodie ergriffen, eine müde Sehlaffheit wuhlt m den Nerve!'.
man möchte sich gehen lassen. sich einschmiegen. Man WIll
dem Rhythmus des Blutes lauschen, man will keine störend.en
'W'orte nur die Harmonie der Wünsche. Sie greifen naehcJI1ander. ' verschwistern sich . wissen nichts mehr von Geheimnissen voreinander. Wenige Menschen nur können sich jene
Stimmungen geben. Es sind n icht. die Stimmu~gen. die sofort
brutale - na . sagen wir -Iandlauflge Vers,tandlgung verlar:~en.
'Nundervolle lange Abende ~onnen den Zauber dieser ::'~lm­
mung tragen, jedes Wort weiß davon. und doch sucht kemes
den Ausdruck". - Ralph Lutrau stand auf und gab mir die
Hand. dann ging cr wortlos fort. Es war mir gelungen. diesen
Skeptiker zu überzeugen.

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