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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

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NI'. 10

DER

~RAUEN~EIND
Von Hanns Schurze

Er war voller Sehnsucht ... arm wie eine Kirchenmaus, sehnte er
sich nach den Schönheiten dieses Lebens und das Weib war ihm
Alles. Nicht das elend dahin vegitierende oder das robuste, vierschrötige ... er liebte die Delikatesse im Frauengeschlecht : die Dame,
die schidte, kokette, die graziöse. .. jene mit den taqsend Teufeln
im Blidt den klassisch schönen Beinen und den seidenen Strümpfen,
durch welche es rosarot schimmerte. Die Sehnsucht' nach den Annehmlichkeiten an der Seite und im Arme einer solch eleganten
Frau wuchs mehr und mehr, je größer die Enttäuschungen waren,
die er hier erlitt.
Jede Dame, der er sich zu ' nähern versuchte, wich entsetzt vor
ihm aus. Jede Damt', der er auf der Straße eine Liebeserklärung zuflüsterte, drohte ihm mit höherer Gewalt, mit der Polizei. War er
doch ein armseliges Skelett, ein schmutziges Individuum ohne Hemden,
Kragen, ohne Strümpfe, ohne Anstand, ohne Sitte.
Ihn trieb nur die Sehnsucht nach dem Weib, nicht nach ein e m
Weib, nein, nein, nach dem frechen, unerhört heißen Menschentrieb.
Eines Tages, seiner Sinne nicht mehr mächtig, jubelte el wie ein
Irrer in seiner Mansarde und sang zum Erstaunen der Nachbarschaft
im vierten Hofe der Wiener Straße seine Montmartre- Lieder, auf
deutsche Art zurechtgestutzt. Die Frauen schlossen im Schamgefühl
die Fenster. " Der Mensch ist hysterisch", sagten sie. Es schien, als
sei ihm der Sinn umdüstert. Dann ging er zu seinem Schlafkameraden
und' erzählte ihm: "Alle hätten Anerkennung gefunden, die er in
der Jugend kannte . .. alle seien etwas geworden ... Dichter, hohe
Tiere, reiche Leute, Kavaliere ... nur er •.. und dabei sei er lebenstoll und git'rig nach schönt'n Frauen . .. er sei verkommen wie
Gossenschmutz .. . aber er werde sich ein Weib smon angeln .. . "
Rasm nahm er seine Mütze und eilte davon .. . er raste zur
Friedrichstraße .. . Er sang und johlte und die Kinder folgten "ihm
wie einem Rattenfänger ... ein Narr! Dann verstumnlte er. Er dachte
an smöne Frauen und wohlgeformte Beine und schlanke Füße.
Ihm fielen plötzlich die Geschichten Casanovas ein ... llis er noch
ein feim~r Junge war und im Gymnasium unter der Bank . im
Griechischen Langeweile empfand . .. Damals! Er wollte denken
und schon ergriff ihn Sentimentalität . . . Da bramte er in seinem
Gehirn nichts mehr zusammen ...

,

Eva Im

Alles war verwirrt darin und verdreht.
Plötzlich rauschte eine Dame vor ihm auf: eine elegante Mondaine.
Sie raffte den Rodt ein wenig . . . da sah er, was sein Wahnsinn
war : ein Bein, ein Bein, wie das der ewigen Venus.
Wie ein Rasender stürzte er sich auf dies Bein, als seine Besitzerin
ein Schaufenster betrachtete . . . mit tausend Küssen bedec:kte er es,
ehe sie sich zur Wehr setzen konnte. Dann smrie sie, indem sie am
hellen Tag an einen Ueberfall dachte:
"Hilfe! Hilfe! Mein Bein!"
Alles strömte und eilte hinzu, um das Bein von der wilden
Attac:ke eines Tollgewordenen zu retten. Er biß sich fest in den
seidenen Strumpf und biß ein Stüc:k dieser kostbaren Ware heraus .. .
Dann padtten ihn Fäuste und rissen ihn weg ... die Sipo kam .. .
gleich st'chs Mann stark, und man arretierte ihn.
Er war wie zerschlagen und gerädert. Durch sein Gehirn blitzte
ein Gedanke: "Nun bin ich ein Verbrecher! Nun werde ich ins
Gefängnis wandern ..." Als sie an den Schiffbauerdamm kamen ...
er und die Schutzleute, riß er sich los und mit kühnem und f~e chem
Sprunge sprang er ins Wasser. "Fort mit dem Leben!" dachte er.
Im Wasser aber kam ihm rasch das Bewußtsein, daß er zum
Sterben zu jung sei ... nach der Julihitze das kühle Wasser ...
das tat ihm gut! Er wollte leben . .. er dachte nicht mehr ans
Sterben und smwamm. Die Gehirnfunktionen ginR'en plötzlich ihren
geregelten Gang . . . es war ihm, als seien sämtliche Sm rauben,
die sich gelöst hatten, wieder am alten Platz ... fest eingedreht ...
in bester Ordnung.
Man brauchte ihn nicht heraus zu fischen, er schwamm allein ...
die Schutzleute nahmen ihn in Empfang, namdem er wie ein Pudel
das Wasser abgeschüttelt hatte ...
Die Strafe fiel minimal aus. .. der Sachverständige demonstrierte,
daß zeitweise sein Gehirn aussetzte; der Mann sei Erotomane.
Das kalte Bad am heißen Julitage aber war sein großes Glüc:k :
er fand von diesem Tage an seine fünf Sinne immer zusammen,
lernte die Frau als solche hassen, wurde strebsam und fleißig wie
ein Mann der reinen Vernunft und heute ist er Präsident zur
Hebung der Sittlichkeit ...
Wohl ihm, dem Frauenfeind !

,

Sp leg e r

VOll Hanns Lerch

ACbtes

B/fe!:

An den Litfaßsäulen schrien große r.:>te Buchstaben meinen Namen.
Darunter stand die Speisekarte für musikhungrige Mäuler.
Und am Abend saß ich vor dem Flügel und sah unten im Halbdunkel des Saales Dutzende von hingeklexten Larven, und mir war's,
als ob ich vor dem Schaufenster eines Maskenhändlers stünde.
Ich bot ein musikalisches Festessen.
Beethovens "Appassionata", Liszts ,,~igole~torara~hrase", Webers
"Aufforderung zum Tanz" .. . und etn Fruhltngslted, das ich für
Friedelchen geschrieben hatte.
Das spielte ich zuletzt und wob in mein Spiel hallende, dumpfe
A.kkorde.
Stand in meinen Gedanken vor einem kleinen Hügel, der mit
roten Blüten über und über bestreut war.
Und hatte d.ie dort unten alle in meiner Macht.
Im endete.
Die Larven klatsmten, trampelten, schrien, brüllten um eine
Zugabe.
Ich aber haßte sie so, daß ich ein freches Gassenlied spielte und
in chromatischen Tonreihen so derb verhöhnte, wie ihr Gebahren war.

22

Erika

Sie nahmen's als Ehre und bildeten eine Gasse, als ich den Saal
verließ.
Hände und Augen rec:kten sich mir entgegen.
Ich winkte dem nächsten Kraftwagen und floh.
War in einem Weinlokal.
Der Kellner kam.
Mit einem Teller.
Eine Karte lag darauf.
Ich las: "Eine Verehrerin Ihrer Kunst möchte Sie kennen lernen."
War ärgerlich.
Und doch sagte eine andere Stimme:
"Weshalb nicht, nimm's als Zerstreuung."
"Also bitte."
Im sah einen tiefausgesmnittenen Hals von reinstem Weiß, ein
dünnes goldenes Kettchen drum, dann ein schwarzes Kleid mit einer
eirizigen dunkelroten Rose . . . und dann ein Paar verzehrmder
smwarzer Augen von fast blausmwarzem Haar bekrönt.
Ihre Stimme war wie eine tiefe Gloc:ke.
"Herr Conrad . . . ?/I
"Der bin ich."
"Ich heiße Erika."
        
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