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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jo/j'O·Z6

"Haßt eigentlich der Graf die Frauen?"
"Hassen? - Das, glaube ich, ist"' nicht das rechte Wort.
Sie sind ihm sogar nicht einmal gleichgültig. Nur: er gibt
sich mit ihnen auf scine besondere Art ab. Er verehrt nein: er genießt die Frauen von der Ferne - auf Distanz,
möcht ich sagen." Der kleinc Antin sprach langsam. Jetzt
hob er dcn Kopf der neben ihm Schreitenden zu: "Warum
fragen Sie das übrigens, Isabeth?"
Ihre Frage
Ganz en passant." - "En passant?
kl~ng sehr überlegt, fast zö.
gernd, als hätten Sie Geda?ken
dabei, die Sie ungern e\Oe~
andern zeigten. - Haben SIe
ein Intcresse an ihm - an Graf
Werder?"
"Ich denke, Sie sollten mich
kennen, Antin!"
"Ich kenne Sie und kenne Sie
nicht. Ich warte, Ihr Letztes
kennen zu lernen. Ich warte,
daß Sie endlich •. ,"
Warten Sie nicht!
Es ist
ve~geblich. Sie wissen, ich will
frei bleiben. Sie sind mir ein
lieber Freund und ich schätze
Sie aufrichtig - so sagt man
ja wohl - aber Sie haben eine
Vergangenheit, die •. übrigens
trösten Sie sich, nicht nur Sie,
alle Männer unserer Kreise
haben eine Vergangenheit."

Nr.l0

bäume, Beziehungen, Lebensschicksale, Karrieren und Affären
man aber sehr kurz erwähnte.
Einmal fragte Isabeth bei einer Gelegenheit, welche die
Frage mit sich bringen konnte: "Warum heiraten Sie eigentlich nicht, Graf?" Sie sagte es sehr nebenbei, sie sagte es
ein wenig . lächelnd wie jemand, der über dieser Sache steht,
der den Grund eigentlich schon kennt, aber ihn bestätigt
hören möchte.
.
So nahm er es auch auf. Er antwortete gleichmütig: "Mir
fehlt das Vertrauen."
"Zu den Frauen?"
,Ja!"
"Sie halten nicht viel von
meinem Geschlecht?"
~
"Oh . . . das wollte ich nicht
sagen.
Es gibt Frauen, die
sehr wohl verehrungswürdig
sind - Sie zum Beispiel. Man
kann ja nicht allzuviel von
einer modemen Frau verlangen.
(Hier zuckte sie ein wenig mit
dem Mund, da er das kleine
Kom pliment, das er ihr machte,
mit dem darauffolgenden Satz
auslöschte). Die Frauen sind,
wie sie sind. Sie leben ihr
Leben.
Wer vermöchte den
Stein aufzuheben! - Aber eine
Frau, die meine Frau werden
sollte • . . Ich glaube, ich bin
in dem Punkt nicht genügend
zeitgemäß.
Ich halte zu viel
von der Ehe. Es würde mich
"An der die Frauen schuld
vielleicht schmerzen, eine Frau
sind."
zu besitzen, deren Vergangen"Es gibt Ausnabmen!"
heit noch Schatten in mein
"Sie sind eine. Und würden
Zusammenleben mit ihr wirft."
. somit gut zu Graf Werder
.,Aus Egoismus?"
passen, da er .•." Er biß sich
"Nein, nein doch!" sagte er
auf die Lippen. Falsche Taktik,
sehr lebhaft. "Verstehen Sie
dachte er. öl ins Feuer, wenn
doch recht: Für mich ist eben
schon eines da war!
die Frau noch der Inbegriff von
Isabeth von Spaar fragte
etwas
Unantastbarem,
von
rascher: "Wollen Sie damit
etwas, das über dem Sumpf
sagen, daß der Graf keine VerAlltag steht.
Verzeihen Sie,
gangenheit hat?"
aber wir kommen schon tief ins
"Wenigstens nicht in dem
Die höchste,
Moralische.
Sinn, den das Wort in unserer
weil einzige. Tugend einer Frau
Gesellschaft hat." Da er sich
ist ihre Würde. Hat sie die
verloren. dann •.• " Er machte
indes über dieses halbe Zugeständnis von der Sondennoral
eine abschließende Geste.
des Grafen ärgerte. setzte er
. "Aber der Mann hat doch
gereizt hinzu: "Wenn Sie ihn
lluch eine Würde! Und ihm
kennen lernen wollen, müssen
ist alles "erlaubt" - wie man
Liebchen. lasse dich wiegen
Sic ihn nicht in dieser Weise
sagt."
wie bisher brüskieren. Stellen
"Freilich, aber der Mann ist
Sie doch seincn frauenhaß auf
anders als die Frau.
Sehen
die Probe! Ihnen wird das ja leicht fallen."
Sie, der Mann ist zu heftig im Getriebe des Lebens verankert.
Haltlos sind Sie auch, Antin!" sagte sie ein wenig mokant.
Er steht ständig im Kampf um's Dasein - oft für die frau.
"Ünd Sie machen sich Hoffnungen! Ein Mann ohne Selbstbe.
Er kann selten das Häßliche abwenden. das ihm der Alltag
in .. de~ er versinkt, ständig bringt. Es spielt kei.ne Rolle,
herrschung? !"
Zum Teufel wer könnte sich beherrschen bei Ihrer aufmocht Ich sagen, wenn der Mann sein Lasterkonto rn puncto
re;~enden Unnahbarkeit!"
Liebeshändeln etwas beschwert."
"Vielleicht Graf Werder," erwiderte Sie mit Spott, der
,.Denken Sie auch so von sich. · Graf?" fragte sie mit
aber im Unterbewußtscin ein anderes Gefühl bemäntelte.
größerem Interesse.
"Dann bonne chance!" sagte Antin trocken und verab ,
"Nein, ich spreche im allgemeinen. Ich bin so glücklich.
schiedete sich mit sehr geteilten Empfindungen. - - - nicht zu sehr im Getriebe zu stecken und habe daher auch
An einem der folgenden Spätnachmittage brachte es der
Muße gehabt, mein Verhältnis zu Ihrem Geschlecht harmoreine Zufall. daß Isabeth von Spaar und Graf Werder auf
nisch regeln zu können: Ich verehre es ohne ihm näher zu
der Terrasse des Kurhauses, die dicht am sommerwarmen
treten."
'
See lag, ihren 'Tee gemeinsam nahmen. .Der Graf .erzählte
"Oder
Sie
verehren
es.
weil
Sie
ihm
nicht näher trcten."
von draußen von der Welt, vom Genuß des Relsens m
"Richtigl Denn die Wirklichkeit - also das Nähertretcn
fremden Ländern, wenn der Genuß ein bewußte.r war. Er
- würde wahrscheinlich meine Verehrung, die auf einem
sprach nicht selbstherrlich, sondern fand die Gegenden heraus.
gewissen Idealismus basiert, vernichten."
die auch sie kannte, so daß sie Ansichten tauschen konnten
.,Aha! Also doch eine Schwärm'ereil"
und eine Unterhaltung zustande kam. Von selbst stellten
"Ja", sagte er, "bis heute, ja!"
sich dabei auc h gemeinsame Bekannte heraus, deren Stamm,

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