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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

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Von Artnur Si(Dl?r/J(l?it

m vierzehnten Jahrhundert lebte in Bologna eine junge Rechts=
gelehrtin und zugleim Rimterin namens Novella. Diese war so
smön, daß sie ·hinter einem Samtvorhang, der wiederum durch
eine Holzsmranke von den streitenden Parteien getrennt war,
ihres Amtes waltete, damit die Ankläger, . Angeklagten und
Zeugen in Gedanken und Reden nidtt bei ihrem Anblick in
Verwirrung gerieten. Es geschah nun, daß ein Ehepaar zum
Austrag seiner Scheidungsklage im Gerichtssaal ersmeinen mußte.
Der Mann, stattlim und hoheitsvoll, berimtete vor dem Vorhang
des ihm unbekannten, rätselhaften Richters in einem vornehmen
und ruhigen Ton mit Gelassenheit und patrizierhafter Würde
alles Wissenswerte, verschwieg taktvoll und zugleich schamhaft
die seefismen und ehelichen Verfehlungen seiner Gattin und alles,
was siele zu belasten vermöchte, nahm jede Schuld auf sich
und ersmien so durm seine edle Selbstbeherrschung und durm
seine fas, smon jenseitige. weisheits volle Seelenweite, als ein
wahrhaft vorbildlimer Mensm, während ihm seine Frau. eifer.
vollst auf die Trennung des Ehebandes bedamt, immer ins Wort
fiel, zuweilen aufkreischte und keifte und sim einer sonst nur
bei Marktweibern üblimen, gemeinen und oft unflätigen Aus:
drucksweise bediente. Einmal sogar spie sie ihm. vielleimt im
Hinblick auf die Unsichtbarkeit des Rimters, der daher einen
solmen Frevel kaum zu ahnden vermömte, in einem rasenden
W utausbt uch mitten ins Gesicht. Es ergab sich von selbst, daß
Novella hinter ihrem Vorhang an den Mann einige Fragen
rimten mußte, und hierbei gemahnte ihn ihre strahlende und hohe,
gleichsam erdentrückte Stimme, die mit Sanftheit und mit
seraphisdlem Wohlklang die Kämpfe aller irdisdlen Leiden:
schaften und die smrillen ' Mißtöne aller Diesseitszwiste ver",
söhnend und harmonisch übersmwebte, an den silbernen Tonfall
eines MäCIchens, das er einst in seiner Jugend sehr geliebt

I

hatte und das er wegen seiner eigenen: wirtsmaftlimen Unzu:
länglichkeit damals nicht zu ehelichen' vermomte. Ullld weil ihn
die Allmacht dieser Stimme überwältigte, setzte sich der ruhige
Mann plötzlim. ganz entgegen der Gelassenheit und Würde
seiner sehr gepflegten Lebensart, in d~s Wortes wahrstem Sinne
über alle Schranken hinweg, eilte zum Vorhang und lüpfte
dessen Säume.
Da trat Novella in ihrer vollen jungfräulichen Anmut seelen:
bezwingend hervor und lämelte den Fremden an, dessen zartes
Taktgefühl bereits ihre Seele geliebkost hatte und dessen hoheits=
volle Ersmeinung nunmehr aum ihre Sinne so bezauberte, daß
sich ihre Br~st auf den Wellenspiden einer stürmischen Sehn ...
sumt hob uud senkte. Im gleimen Seligkeitsrallsm starrte der.
Fremde Novella wie ein Schönheitswunder an, als ob es aus
einem FrühlingshimmeJ herabgeflossen wäre. Die Szene wandelte
sim mit einem Male: Novella und der Fremde glichen plötzlim
zwei Liebenden, die sich mit innigen Blicken zu einem Lebens:
bunde zu finden schienen, die Ehegattin aber, die noch soeben
mit aller Leidenschaft ihres ungezähmten Herzens zur Scheidung
gedrängt hatte und die jetzt durm den überrasmend .1imnellen
Sieg der äußeren und inneren Hoheit ihres Gatten auf diesen
eifersüchtig zu werden begann, erschien nun als Richterin, denn
sie starrte Novella so streng und vorwurfsvoll an, als wolle sie
diese anklagen und befragen, mit welmßm Remte sie ihr
eigentlich ihren Gemahl rauben wolle und dürfe. Aber Natur
und Schicksal hatten bereits ihr Urteil gefälft. hatten zwei Wahl:
verwandte voll innerem Gleimklang zur Harmonie eines neuen
Bundes verknüpft und eine fremde, mißtönige Seele aus jener
Gemeinsmaft ausgestoßen ,
Und vor der Unabänderlimkeit ihres Richtersprums mußten
sich fortan alle Parteien beugen.

ROULETTE
Das war im Süden al1 eier Riviera,
wie schäullltt! der Sekt wie jauchzte der Sinn /
Das war eine lachel1de, soltnige Aera,
Rourelfe .und Lieoe . . , Glück und Gewinn /

Doch heute Gattilt - der Mann ein Banause,
mit .Rheuma behaftet und Größenwahn;
zu al/em Elend heIßt er noch Krause,
du ärmste Krause, was hast du getan?

Und Goft! und SeMe, Pat/üm, Orchideen,
Hochadel; Lords, elegant und Jeudaf:
Konettieren und siljJes Sü:jjverstehen:
das Märchen VOI1 einst . .. ja es war einmal.

Du stricRst dir Strümpfe und nagelst dir Sohlen
mit Eisen höc~stselost au/ deinen Schuh,
hofst in der Schürze dein Dutzend Kohlen,
und hast mit dem Schlächter gar Renelez-vous.

Die seidenen Strümpfe vertauscht mit Wolfe,
statt Ehe/rieden stündlich .R adau/
Monle Carfo, Rapallo .. / 1m Lebensgrolle
Ward die Märchenprinussin Proleten/rau ...
8

Aijo1lsPu{
        
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