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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr. lo

Der Freiersmann

5 ein dritter

crrüfifin!l---'

Von Hans von Wentze.

Magnus Baron von Birkhahn.Birkenfeld war eine bekannte
Ersmeinung in der Hauptstadt. - Fünfziger! - Er war eine
saubere, wohlgepflegte, sogar eine distinguierte Ersmeinung ;
groß. repräsentabel, tadellose Figur und Haltung. Jn puneto
Liebe aber war er ziemlim altes Eisen: dom freute er sim mit
jedem pikanten Witz und mit jedem smönen Frauenfuß. Gourmand nach seiner Art! Dabei fürchtete er den Tod; er damte
immer: eines Tages kommt er dom und früher als es nötig
ist. .. Die Folgen schön verbrachter Frühlingstage ! Erster
Frühling. zweiter Frühling!
Lieber Himmel' Sterben müssen wir alle. Die Natur hat
es leider so töricht ei ngerimtet, da!' wir den unvermeidlichen
Tod mit dem Leben bezahlen müssen. Birkhahn wünschte sich
im Grunde auch nichts besseres als im Leben nocr. ein bißmen
Zärtlimkeit. Neunzig mußte er werden, mindestens, und er
war ja erst - - fünfundfünfzig. Er hatte also nom über
fünfunddreißig Jahre Zeit. Die mußte er auskosten. denn das
Leben ist unstreitig des Lebens halber da. Hatte er erst die
neunzig hinter sich, nun, dann momte die Parze getrost seinen
Lebensfaden durchsmneiden , denn hundert zu werden, durfte
man leider nimt hoffen. Hundert werden nam mephistophelischer
Weisheit nur die. die mit dem Vieh als Vieh lebten und es
nimt für Raub hielten, den Acker, den sie säten, selbst zu düngen.
Zu diesen Geschöpfen zählte Baron Birkhahn aber keines~
wegs. Er lebte wie ein Kavalier leben muß, trug stets blüten~
reine Wäsche und zum Frack eine smneeweiße Piqueweste,
darauf eine kriegseiserne Renommierkette mit zahllosen in Gold ·
gefaßten Hirschgrandeln, die, ebenso wie das Johanniterkre~z au~
seiner Heldenbrust und die Schmisse auf seinen Wangen, kemerlel
Zweifel an seiner Wesensart aufkommen ließen. Nein, ihn
konnte man, wenn er den Frack anhatte, beim besten Willen,
selbst in dieser alles nivellierenden Zeit. nimt mit dem Oberkellner verwemseln. Das war völlig ausgesmlossen. Er war
Er ein Mann von Welt, der etwas vorstellte. Er hatte den
Z~g, so meinte er, den Frauen so sehr .lieben . . . Aber es
war nur Verheißung, Erfüllung gab es mmt.
Aber das Leben ist ein Drama und das Altwerden für viele
~ohl das smlimmste Drama. Birkhahns Haar und Schnurrbarf
waren allgemam so weiß geworden wie seine Frackweste, und
da er es nidlt für anständig hielt, zu färben, ahnte wohl jeder,
daß er schon ein ho her F ünziger sein, mochte. Kürzlim war
eine junge Dame in der Elektrismen vor ihm aufgestanden
und hatte ihm liebenswürdig ihren Platz angeboten. Zwar hatte
er lebhaft. schließlich sogar ingrimmig protestiert, aber die Holde
hatte ",mt geruht. bis .,der alte Herr". um kein Aufsehen zu
erregen. ihr Anerbieten annahm.
"Das Alter muß man ehren" hatte sie gesagt - diese Gans!
Er wünsmte sie zu allen Teufeln! - Wahrhaftig, man konnte
jetzt kaum nom in die Elektrische steigen ohne elne ähnlime
Blamage zu gewärtigen. - Sol~te er a~ Ende d?ch n.och
färben) - Nein, nein I - Es gab ta auch kem gutes FarbemIttel
auf der Welt. keins. dem der Kenner ni mt auf zehh Smritt das
Falsifikat angesehen hätte Also ja nimt färben,. aber den
Schnurrbart abrasieren und den Kopf ebenfalls rasteren· Das
war sogar letzter Chic. Nun hatte er einen Säugltngskopf,
rund, glatt und rosig und nun soUte einmal einer kommen und
raten. wie alt er war! - Ein rasierter Mann verjüngt sim eins,
zwei, drei! '

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Nur ein Umstand störte die Daseinsfreude des Barons,
Er war kinderloser Witwer und empfand die Vereinsamung
als den Fluch seiner Existenz. Wohl hatte er seinen Klub den
er täglich besumte, und das Essen dort war trotz der schl~chten
Zeiten ohne Tadel. Ein Amerikaner gab für 30 Mann täglim
2 Dollars Zusmuß / die Bratensauce schmeckte darum fett und
amerikanisch, Es f!1undete fh':'l immer und ein tägliches Glas
Weln konnte er stm auch leIsten. Nam Tisch mamte er im
Klub sein Schläfchen, dann einen Spogiergang, Besume und
dann ging er zurück. in den Klub, wo er zu Abend speiste. Alles wunderschön! Aber wenn er nam Hause kam, gähnten
ihn seine Wände an. Sie waren unheimlim stumm, sagten
ihm nimts, und der Diener war längst sdUafen gegangen,
und die Aufwärterin kam erst am nämsten Morgen an.
gehumpelt.
Früher war das alles anders gewesen, am, ganz anders! Da
hatte seine heimgegangene, allezeit gütige Frau mit ihrem
sonnigen Humor diese Räume erhellt und belebt, und wenn er
sie spät abends in dem molligen Doppelbett fand, in dem
sdlönen, warmen, gemeinsamen SdJlafzimmer. dann hatte er ihr
seine kleinen Kluberlebnisse vortragen müssen und aum all die
"verheirateten" Witzchen. die er im Klub atifgefangen hatte.
Und sie hatten belde miteinander gelacht. mitunter so un.
bändig daß die Bewohner der oberen Etage um Ruhe ge po mt
hatten, denn keine Frau der Welt weiß so intensiv einen pikanten Witz zu erfassen als eine Ehefrau. Und schließlim
hatten sie sim geküßt und dann war er in ihren Armen eingesdllafen. - War es nicht früher schon ein Glück gewesen.
zu wissen, daß diese Frau im Hause war, auch wenn man
nichts von ihr merkte. daß sie im Nebenzimmer saß und
schrieb, oder still für sich etwas arbeitete? - Das Bewußtsein
ihrer beglückenden Nähe hatte er damals als etwas Selbst.
verständliches genommen. Heut war ihm klar daß er sein
Glück. bewußter hätte genießen mtissen . . . So und so I Zu
spät, Herr von Birkhahn!
Aber warum sollte er sim dieses Glück eigentlim nimt noch
einmal schaffen, warum nicht? - Nein . jetzt kein Versteckspiel
vor sich selbst; er war fünfundfünfzig. Aber er ging npm
aufrecht wie ein Fähnrim vergangener Zeiten, war kein
Pooagrist und hatte nicht die mindeste Sklerose. glaubte es
wenigstens, sie nimt zu haben. V or allem war das Herz bei
ihm gesund, bildlim wie physisch betrachter. kurz, wenn er die
geeignete fände - wenn ~ - Appetitfim mußte sie sein . nicht
zu alt, lieber etwas jünger; nimt zu hitzig. das paßte nicht
mehr redtt für ihn, aber Feinsmmedterin, Lebenskünstlerin,
elegant. abgeklärt, mußte sm on was erlebt haben, mußte mit
Männern umzugehen verstehen, mußte ihn verjüngen durch ihre
Jugend, ohne den guten. biederen Steinach. - Wer wäre
denn da. die das erfüllte ~
AUe Wetter! Die Mimi! Die Mimi Sommer I Die mußte
seine Birkhenne werden. - Sie war allerdings reimlim jung,
zirka achtundzwanzig Smadet nichts I
W lirde Mimi Sommer ihn aber nehmen? Er glaubte die
Frage bejahen zu können und die Entwicklung seines Romans
gab ihm rem!. - "Ich bin reich" . kalkulierte er. ,.und sie hat
nur grade das Nötige. Das wird den Ausschlag geben. und
mein guter alter Name, die Birkhähne I
        
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