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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.26

NT. 10

Von E/lon H. Straß6ur/ler
Der junge Mann kannte die Liebe nur aus den Erzählun gen
Boccaceios und aus den Gesprächen der Primaner in der Zehnuhrpause. Während er sich an dem Italiener am Abend begeisterte, waren seine Sinne von schwüler, heißer Sehnsucht
erfüllt, sobald er sein Schinkenbrot verzehrte oder seine Käsestulle.
Aber wenn ein Mädchen sich auf der Straße ihm zu nähern
versuchte. dann errötete er und sein Teint hatte die dunkle
Pfirsiehfarbe. Als ob eine Tarantel ihn gestochen h ätte, eilte
er davon.
Mama. die in den süßen Banden ihres Chauffeurs schmachtete freute sich der Rei nheit ihres Sohnes und sein Vater,
der 'eine tiefe N eigung ?:u einer Soubrette hatte, war beglüekt,
wenn sein Alfons die Scheu einer Gazelle an den Ta g legte.
Er dachte an seine Jugendzeit, da er schon im vierzehnten
Lebensjahr von den Früchten des Paradieses genascht hatte.
_ . Fanden sich die beiden Eltern am Abend nach d em Mahl
im blauen Boudoir zusammen. so lächelten sie.
AUons wird nie seinem Vater nachschlagen." sagte die
B;~onin mokant und mit Stolz, während Papa ebenso mokant
erwiderte: "Mein Sohn hat die Reinheit seiner Mutter. Er
ist eine Lilie." Dann hüstelte er regelmaßig und die BoudoirPenaten lächelten heiter aus der Tapete mit expressionistischen
Motiven.

*
Ein seidene~, orangefarbenes Strumpfband mit olivgrünen
Rosetten entfiel nahe der Wo hnun g des jungen Mannes einem
Paket, das eine Dame, lose eingewickelt. unter dem A rm e hi elt.
Dies Strumpfband hob Alfons auf und errötend wie immer,
wenn er mit einer Dame sprach. übergab er das Band dem
Fräulein. Dieser Augenblick bedeutete die Vermischung zweier
Gedan kenstr öme. Alfons wollte sich verlegen entfernen. aber
di e junge Dame hatte. fasziniert von der bisher nie gekannten
Bescheidenheit eines Mannes, das V erlangen, den jungen Mann
nähet kennen zu lernen.
Hatte sie ihn überhaupt vorher bemerkt'~!
Sie war in ihrer blonden LiebenswürdigkeIt bestricke nd
und das aufgelegte Dunkelrot ihrer Lippen gab ihrcm Lächeln
eine noch fröhlichere Lustigkeit und einen pikanten Reiz.
"Ein scidenes Strumpfband haben Sie sicher wenigstens auf
der Straße nie gefunden!" Sie amüsierte sich über ihre eigene
Außerung, während A lfons, vom Geiste Boccacios plötzli ch
beseelt, antwortete: ."Auch zu Hause nicht . . . nicht einmal
in der Mansarde Marias, wo dann und wann jemand ein
Strumpfb a nd sucht und findet."
"Maria?" fragte die Dame. "Ist das eine Freundin ?"
.. U nsere Zofe." antwortete er nun fast schon keck geworden ; dann fuhr er wie Don Juan selbst for t: .. Ein solches
Strumpfband muß man in stiller Ka mfller "ganz leise an's
Herz drücken. Es hat wundervolle Krafte.
•
Sie freute sich über ihren Sieg und sagte: .,Behalten Sie es,
mein Herr . , ' Es macht Ihne~. schemt's Vergnügen." Alfons
wollte. ihr gerade di e Hand kussen, d~ beIl.1erkte er rechtzeitig, wie die Milchfrau von nebenan SIch naherte. "Würde
wahren!" d acht<: er.
U nd er fr agte : .. Darf ich Ihren Namen wisseI}?"
"Den erfahren Sie noch . .• . auf W iedersehen !" Sie reichte
ihm rasc h die behandschuhte Hand und war verschwunden.
Er besah d as Strumpfb and mit zitternden Fingern. Da las
er in der lnnenseite des Bandes auf zierlich aufgenähter Seide:
.,Catarina cii Vicenco . . . . fvletternichstraße 4 . • . . Sprechstunde abends von 6---12 U hr . . :'
Der Zufa ll wollte es: Alfons suchte für sich in Papas Kra·
wattcnsc hatulle einen Selbstbind er. Er wä hlte und kehrte
was unten war nach oben. Da entdeckte er ein Strumpfband
••. es war gen au wie das seinige. E r erschrack, aber noch
mehr packte es ihn, als er auf der Innenseite las: "Catarina
di V icenco'·.
Sein Vater
er! Aber das
Er war sp rachlos.
konnte ja nicht sein! Er verglich die beiden Bäll.der immer

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wiede:, aber sein harmloses Knabengehirn konnte die unmoralischen Zusammenhänge nicht begreifen. Er glaubte an
emen . großen Zufall und er erstaunte ein über das andere
Mal, uber das eingestic.kte "Catarina di Vicenco". . . . Fabelhaft.
.,Das Leben gibt den Menschen große Rätsel auf,"
dachte er.
Alfons nahm da~ Strumpfband an sich und ging in die
Garage, wo er dlC Begebenheit in seiner Naivität dem
C hauffeur, seinem teuercn Busenfreunde, erzählen wollte. Der
Chauffeu.r sollte ihm---v·erraten, ob Sv etwas Schicksalbestim~ung S~I. Er war nicht aufzufinden; er fuhr seine Gnädige
hmaus m den Frühling.
Da fiel .. der Blick des jungen Mannes auf ein ?:ierliehes
apartes Kastchen:. Neugierig, ~e die Jugend einmal ist, griff
er darnaeh. Er. offnete und slehc da: ein reizender DamenPYJaflla lag d~rmnen . • : . daraus strömte der Duft von
~rchldeenparfum . Und emgestickt - 0 W under! - Catarina
dl V lccneo.
E.ine hei~e Blutwelle durchjagte seine Wangen; die Sinne
SChIenen SIch lanf!sam zu v erwi~ren. ~r nahm das duftige
und duftende Kleidehen und betaubte SIch mit geschlossenen
Augen. Dann meldte sieh die poetische Ader und er dichtete
von weicher Seide und von herrlichen Frauen, die Männerherzen glücklich machen. Dann bedeckte er das seidene
Strumpfband mit glühenden Küssen.
In diesem Augenblick erschien in der Tür seine Mutter.
Sie stand sprachlos da: War das ihr Sohn ? War das der
reine, keusch e Knabe?
"Junge!" sch rie sie ihn an, "was tust du da?"
Er stammelte etwas wie eine Entschuldigung.
.,Mama, verzeih, Mama ich habe . . . ach, sei mir nicht
böse .- aber ich bin Mann geworden."
"Was hast du hier?"
.. Zwei Strumpfbänder und da ein Pyjama .• . alles von .. •
Er _brach ab. Er war Kavalier und er wollte Catarina nicht
verraten.
Die Mutter aber drang in ihn und in seiner Furcht erzählte
er ihr alles.
Der Vater aber war auf die Entdeckung seines Strumpfba~des ebenso wenig vorbereitet wie der Chauffeur . .. •
Belde Herren verwickelten sich in widerspruchsvolle R eden
und rasch wurde der Chauffeur entlassen während der Gatte
sich vor Gericht verantworten sollte. '
"Ich lasse mich scheiden!" erklärte die Gattin. " D er Be·
trüger! "
Und ein Strumpfband deckte das andere aut. Er war hinDie Hälfte hätte
länglich überführt, dicser Schwerenöter.
schon genügt.
~lfons ,,:er?:ieh man •.. man nahm seine Strumpfbandgeschichte OIcht tragIsch . .•• man warnte ihn nur vor dem
F rauengeschlecht.
Er aber war neu gierig gen ug. dieses in der Nähc kennen zu
lernen und so eilte er zu Catanna di Vicenco, die eigentlich
Alma Müller hieß und nicht aus Italien, sondern aus Pader.
born war.
Sie amüsierte sich und lachte Tränen. Dann zog sie sieh
aus und als sie in ihr Morgenkleidehen schlüpfte. fra gte sie
Alfons. ob er je ein e Frau geküßt habe.
Als er mit einem schüchternen .,Nein" antworte n mußte,

freut ~ sie sich dermaße~: daß sie ihm zujubelte: .,Mein Ju nge,

Zum ersten Male in ihrer künst·
sei nIcht zu schuchtem.
l:rischen La ufb ah n bewies sie den reinsten Idealismus ••••
eme schwache Stunde hat ja jede. Frau einmal.
Beim zweiten Besuche erinnerte sie si~h aber ihrer Prin·
zipien wieder und Alfons gi ng wie ein gekränkter Liebh aber
vo n ua nnen .. .. ge t äuscht, zer knirscht. um alle Ideale
betrogen. • . •
.
. . Was soll cine Catarina di
M 20000 Wochcn gcld!
Vicenco, eine Künstle rin vo n ihrem Ruie, damit? -
        
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