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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jagnr.26

N,. 9

Seidene Strumpfe
Von Otto M. Micnae(is

Langsam verließ der Zug die kleine Station und fuhr in den
dämmernden Morgen hinein.
Frau Hedda legte ihr Gepäck in das Netz. hüIIte sich in
ihren Mantel und schmiegte sich bequem in das weiche Polster
des leeren Kupees. Sie war verärgert. Es war aber auch etwas
übertriebe~ ängstlich von Theo, daß er ihr immer und immer
wieder sagte, sie soIfe ja recht gut auf ihr Gepäck aufpassen,
sich mit niemanden in Gespräche einlassen und vor allen Dingen
sich nicht unnötig in BerIin aufhalten, sondern gleich den nächsten
Zug zur Weiterfahrt benutzen. Herrgott, war sie denn wirklich
so unselbständig, daß er ihr das andauernd wiederholte? Sie
war doch schließlich kein Kind mehr, und wenn diese Reise zu
ihren Eltern auch die erste war, die sie aIIein machte während
ihrer einjährigen Ehe, so war das noch lange kein Grund, ihr
dauernd Verhaltungsmaßregeln zu geben. Sie war doch früher
off genug aIIein gereist, und wußte vielleicht besser Bescheid
auf der Bahn als ihr ängstlicher Gatte.
Bedächtig legte sie ein Bein über das andere und betrachtete
den schön geformten Unterschenkel und den zierlichen Fuß, der
unruhig ,auf und ab wippte. Schön war dieses Bein in dem
schwarzen Strumpf..- Sie seufzte. E~ war doch eigentlich recht
schade, daß Theo gar nicht auf diese Schönheit bei ihr achtete.
Jammersmade war das! Als Pfarrer einer kleinen Gemeinde
hatte er eben andere Interessen, die ihm wichtiger waren.
Wie sehr hatte sich Hedda darauf gefreut, von ihrem Manne
so remt bewundert zu werden. Hauteng und möglimst kurz
wel/te sie gekleidet gehen, um alle ihre Schönheiten dadurm
noch mehr zur Geltung zu bringen. - Und nun - - ? - Ach ja! - - Leise streichdt~ sie das wippende Beinchen und
seufzte tief . . .
Als, der Zug eben wieder eine Station verließ, öffnete sich
die Tür de3 Kupees. Ein äußerst elegant gekleideter junger
Mann trat ein und nahm höflich grüßend in einer Ecke, Hedda
schräg gegenüber, Platz. Mit Interesse sah Hedda das feine,
leise rasselnde Goldkettchen an seinem Handgelenk und vergaß
dadurch, ihren Beinen eine normalere Stellung zu geben. Der
Herr sah das wippende Beinchen und lächelte. Tief erschrocken
korrigierte Hedda ihre Stellung und schaute versChämt zum
Fenster hinaus . .
"Sehr schön, sehr schön!" flüsterte der Herr wie zu sich
selbst. "doch in BaumwoIIe - - - nee! "
Hedda wurde glühend rot. Von rechts ~egen müßte ich jetzt
das Kupee verlassen, überlegte sie. Aber warum denn, was
kümmert mim denn dieser Mensch? Und eigentlich hatte er
ja recht : auf diese Beine gehör~en seidene Strü~pfe! Langsam zog sie den HandsdlUh auf Ihre rechte Hand. ESlstdurchz
aus ni mt nötig, daß er meinen Trauring sieht. dachte sie. In der spiegelnden Fenstersmeibe sah sie, daß er sie noch
immer beobachtete.
"Verzeihung, Gnadigste", sagte er plötzlich laut, "warum
hü[[en Sie diese prachtvollen Beinchen in baumwollene Strümpfe?"
"Mit welchem Recht stellen Sie eine solche Frage, mein
Herr?" sagte sie, leicht wütend, trotzdem die "pramtvollen
Beinmen" ihr wohltaten.
"Im tue es mit demselben Recht, mit dem ich etwa einen
Maler fragen würde; warum haben Sie jenem herrlimen Weib
da grüne Haare gemalt?!"
"Ich räume Ihnen ein solmes Recht aber nicht ein!" - - Pause.
" Verzeihung, Gnädigste, lieben Sie Brillanten?"

"Ja!/I '
"Würden Sie nun einen wertvollen Brillantschmuck in Hclz#
woll e verpacken?"

22

"Um Gottes Willen!" sie lachte hel! auf und sah ihn an.
"Sehen Sie, Sie würden solchen Schmuck jedenfaIIs in Samt
oder in kostbare Seide legen. - Warum also stecken Sie nun
diese herrlichen Beinchen, die dodl gewiß ein seltener, kost=
barer Sdunuck sind, in Baumwolle?"
"Weil ich muß!" Sie seufzte schwer.
" Sie sind verheiratet?"
,.,Ja, seit einem Jahre!"
"Und Ihr Gatte verbietet Ihnen Seide?"
" Mein Mann ist Pfarrerl" ,
"Amen!"
" Sie sind unverschämt, mein HerrI " sagte sie 'und unterdrückte ein Lächeln.
.',Nicht, daß ich's wüßte. Im Gegenteil, ich habe Mitleid
mit Ihnen!"
Sie seufzte tief und schwer. - Pause. _ _ _
"Gestatten Sie übrigens: Dr. Benno Berg!" Er verbeugte
sich korrekt. - "Angenehm!"
"Sie fahren nach Berlin, Gnädigste?"
" Im fahre zu meinen Eitern und muß in Berlin umsteigen!"
"Da werden Sie jedenfalls erst morgen Ansmluß haben und
darum bitte ich Sie, geben Sie mir die Ehre, heute abend
mit Ihnen zu speisen!"
" Wo denken Sie hin, mein Herr? Im fahre heute abend
schon weiter!" '
"Das werden Sie nicht tun, bitte bitte!" - - Jetzt fuhr der Zug in den Bahnhof Friedrichstraße ein. Er
trug ihr das Gepäck bis an ein Auto und half ihr beim Ejn~
steigen; "Also bitte, Gnädigste, lassen Sie uns heute abend
zusammen speisen!"
"Und aus welchem Grunde?"
"Sie tun mir leid! Ich sehe Ihnen an, daß Sie unglücklich
si~d und darum will ich versumen, Sie ein wenig aufzuheitern.
Bitte, kommen Sie! Im erwarte Sie um aCht bei HilIer!"
"Im weiß gar nicht, was Sie sich einbilden, mein Herr! Ich
komme nie h t! Bitte, Smofför, Anhalter Bahnhof!"
°
Ra~ch fuhr der Wagen davon und Dr. Berg ging langsam
111 sem Hotel.

•

'.

•

Pünktlich um acht Uhr saß Hedda in dem vornehmen
RO
estaurant und war etwas enttäuscht, daß Dr. Berg noch nicht
da war ° • °
Sie hatte sich am Vormittag nie h t nam dem Anhalter Bahnhof fahren lassen, sondern war in einem kleinen Hote! abe
gestiegen. Später hatte sie sim dann , für eine, eigentlich ihre
Verhältnisse übersteigende Summe ein Paar ganz wundervolle
seidene Strümpfe gekauft und dann ihre Beinchen, die darin
wirklim bezaubernd aussahen, lange im Spiegel bewundert.
Dann hatte sie ihr schwarzes Seidenkleidmen, in dem sie so
reizend aussah, angezogen und war hierher gekommen. Und
nun ließ sie dieser Oe Berg warten. Das war eigentlich remt
ungezogen von ihm. Wenn er doch bloß erst hier
wäre ... Er würde sich bestimmt über die seidenen Strümpfe
freuen .. .
Doch er kam nie h t, dieser Dr. Berg. Er hatte einfach
nicht geglaubt, daß sie kommen würde. diese niedliche, kleine
Pastorsfrau . .. .
Nach zwei Stunden verließ Hedda recht betrübt das vor.
nehme Lokal, und als sie am nächsten Tage in dem Z!Jg saß,
der sie zu ihren Eltern bringen sollte, legte sie die seidenen
Strümpfe tief in die unterste Ecke ihres Koffers und seufzte:
"Schade! Ich hätte ihm doch etwas mehr entgegenkommen
sollen, er war ein so lieber Mensm."
        
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