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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Vo" GeNf Ha""
Ein blondes, nettes Ding von besserem Durchschnittstyp, stand
sie an einem schönen F rühlingstage vor ihrem Chef und wartete
auf die letzlen Anweisungen. 'Nie immer, wenn ihr was nicht
paßte, schob sie die rote Unterlippe vor, und irrten die grauen
Augen ungeduldig an den Zimmerwänden entlang, während ihre
Gedanken wieder einmal krause, bizarre Wege wandelten. Es war
auch so eine Frivolität des Schicksals, daß diese Augen wissend
schienen w1d lockten,
während das kleine Persönchen selbst von dem
wirklichen Leben da
draußen kaum eine Ahnung hatte. Endlich~­
Die Uhr schlug 4 Uhr .
Sie war erlöst und ihre
Urlaubszeit begann.
Zu Hause angekommen, erwartete sie eine
freudige Nachricht. Ein
Verleger wollte einBändehen ihrer Skizzen herausbringen. Die ersten!
Sie nickte freudig und
packte mit einem energischen Lächeln ihre
Sachen. verabschiedete
sich von den Eltern,
einem in breiter Behaglichkeit dahmlebenden
Ehepaar, und fuhr nach
dem nah ihrer Vaterstadt liegenden modernen Badeort. Dort
angekommen ,
mietete .ie sich sofort
ein Zimmer im »Schlößchen", dem vornehmsten
ruhig.ten Hause des Ba de.. Wenn aie aus dem
Fenster .ah, blickte sie
auf eine grüne Raaenfläche mit plätscherndem Springbrunnen. Dahinter lag ein kiesbestreuter Nebenweg der
Promenade und jenseits
desselben das Kurhotel.
in dem jedes Zimmer besetzt war und der eleganteste Betrieb herrschte.
Wie verloren und nicht
daw gehörig kam sich
die kleine Kontoristin
in dem Schlößchen vor.
Kein Mensch kümmerte
sich um sie. Niemand
nahm Notiz davon, wenn
sie bescheiden durch das
Haus und seine .Räume
huschte. Schließlich ließ sie sich jede Mahlzeit auf dem Zimmer
servieren und begann zu schreiben.
Aber es ging nicht so recht damit. Gerade die Skizzen, deren
a~arten A~au sie so . lieb hatte. wurden ihr sämtlich vom Verlag
w1eder zuruckgeschickt mit dem Bemerken, daß dieselben 7.U matt,
zu farblos wären und ümen der Glanz des Selbsterlebten fehlte.
Das Bändchen Skizzen, das damals angenommen war, enthielt zusammenge~stelte, uralte !raditionsgedanken im neuen Gewande .
Aber Jene bl'l.arren Ph~tas1e-EiDfälle, die durch ihren Gedankengang
taumelten. blIeben fl1mmernde Sterne, die sich nicht haften ließen.
Sie träumte, a~ends am offenen Fenster sitzend. von diesen Sachen.
Der weiche Friihhngsllhen,d mi~ seinen .Di~ften und sehnsüchtigen
Lockungen drang zu 1hr ms Z1mmer hmem. Sie träumte - bis
driibt>n vor dem Kurhotel die kleinen elektrischen Lampen bunt
aufflammten und elDe Anzahl eleganter Herren und Damen die
Terrasse schmückte. - vVarum hielt sie sich zurück, wo das Leben
draußen lockte ") \Vozu sich einspinnen in heiße Träume 1 Die
zerflatterten nur. Das Leben war die Wirklichkeit. Sie muDte

etwas sehen und hören, um es dann festzuhalten , zu verarbeiten
und neu zu gestalten.
Anderntags übersah sie ihre Garderobe, zog em weißes Jack~n ­
kleid an, setzte dazu ein rotes Mützchen auf, was ihrer sonst emfachen Erscheinung einen fesch en Anstrich gab.
Sie sah dann auch ganz niedlich aus.
Der Himmel spannte sich blau; die Vögel sangen in den duftenden
Lindenbäumen der Promenade. und am Ende
des vVeges intonierte die
Kapelle im Musik-Pavillon einen flotten Walzer. Sie promenierte, sah
Imd hörte die Menschen
sprechen und lachen,beobachtete das Leben und
Treiben und stellte dabei
Betrachtungen an. Also,
ihre Kunst mußte reifen!
W' as sollte sie tun? Sie
schob die rote Unterlippe vor.
Ein Hüsteln ZU ihrer
Linken ließ sie hoch·
sehen. Sie blickte' in ein
paar heiße Augen. »Wie
meine Träume sind die
Augen", dachte sieblitzschnell. Beim Kehrtmachen auf der Promenade kam ihr der
Herr mit dem brennen den Blick wieder ent gegen. Er hatte ein e
schlanke, sehnige Sportsgestalt und trug sich sehr
elegant gekleidet. Das
braungebrannte Gesicht,
in dem die Augen loh·
ten, war schmal, und die
Backen ein wenig ein gefallen.
Sie zuckte leicht zusammen, als er langsam
aber bestimmt auf sie
zukam. "Er sieht aus
wie die Sünde", dachte
sie. Aber wiederum glich er nicht auch dem
Helden ihrer Träume ?
Und das Leben ringsherum. war das nicht
wie d'e r Wiederschein
des Hintergrundes ihrer
Skizzen? Sie ahnte
und fühlte mit ihrem
reichen Empfindungsleben, daß es Männer
gab, die fast jedem weiblichen Wesen gefährlich werden können und die dass~lbe , wenn
ps nicht widersteht. in einen heiDen Abgrund herunterzIehen.
Der fremde Herr trat dicht an ihre Seite, neigte ein wenig den
Kopf herab und flüsterte im singenden Tonfall: "Haben wi:r: uns
nicht schon e inmal kennen gelernt .. . ?!" Das L ä c~eln auf selDem
Gesicht war dabei eine Nuance zu teuflisch, und d1e flammenden
Augen kniff er. nachdem er sie einen Moment In die ihrigen versenkt hatte. zn zwei schmalen Schlitzen zusammen.
Sie blieb stumm, befangen und et~vas ~rgeben stehen. !.Es j~t
dein Schicksal " , dachte sie. Er gab s1ch emen Ruck und ~mg W1e
selbstverständlich an ihrer Seite weiter. Er plaudel'tt· dabei all erlei
tÖrIchtes Ze ug über das Bad el~ben: ~anchmal l achte er kurz und hart
anf. und sie antwortet.. zeItweilIg verfahren. wenn SH~ dachte.
überhaupt mal etwas sagen zu müssen . Schließlich brachte er si e b is
vor das Schlößchen und verabscllledete sich, ohn e sei nen Nam en
genannt zu haben.
, Am nächsten Ta~e .trafen sie si.eh wieder. un d die darauf folgen den
1 age aach. Allmahhch er fuhr S1e . daß er Frank hl eß M ehr nieht.

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