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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.26

Nr.9

Opfer der Zeit

f)agantenlied
Die kösffiebsten Güur der Erde sind mdn I
Bafd trinke ieb rofen, bafd gofdenen Webt,
bafd trinRe ieb mifden, bafd herben.
Und wenn idj bedenk', daß gesmieden sein muß,
ge!ange ieb gern zu dem trösflk{' en Sdjfuß:
Laßt selig am Zapfl?n mieb sterben.
Bafd fiebe jdj hier, und bafd fiebe idj da.
Bafd fieb' im die Todjter und Dafd die Mama,
so wil? mir CUPlao gesinnt ist.
Jm gre(fo beherzt zu der Wonne Pokaf
und smere mim wenrg um eine Mora!;
. die {ädjerli'di brümig und blind ist.
Bafd sing' idj ein Liedfein, bafd pfeif' idj mir eins.
Bafd fauSeb' im im DieRimt des heiligen Hains
der hofdesten M use Gekimer.
Jm 6in für di~ Weil nur ein wüster f)agant.
Dom wen voller A6smeu die HöITe ver6annt,
der ist vor dem Himme{ nidjt sl(;/jer.
Stupidus UR"f,i.

Ein Menschenschichsa! in 59 Worten
Armes Mäddjen. Reidil?r Mann
spn'dit es an.
Anstandsfehre, Perfen, Kfeider
und so weiler . . ..
Eingang In Salons. Gut' Essen.
Dunkfe HerRunft ist vergessen.
Dom Genuß zerstört Gestaft:
Sie wird a1/.
Rel'dien Mannes L ie6e wankt . . . •
Abgedankt J I . .. .
Nun hört er im Separe
in der Näh'
ihre und der Kfelnen
Stimme weinen:
.Streimhöfzer, Streimhöfzer Kauft, fieDer Herr
SmicR.safstüeRe 1 - Sie entehrt,
Er - f)eljührer - homgeehrt.

r- -

EritD Efff"r.

Tragödie
Ein Mädmen gefiel einem Knaben.
Der Knabe dem Mädmen gefiel
So gli'djen sim aus Soff und Haben.
Und niemand beansprumte Zier.
Der Kna6e 6edrüeRt resOmierte:
.Zum Ehemann 6in im zu grün.
Dom wenn ml'di Mama protegierte,
ic6 würde mim riesig 6emüh'n.·

Erich EIlI",. .

Mein Freund, Dr. Hans Pfiffig, erzählte mir folgende kleine Be
gebenheit:
"Du kennst mein Interesse für das Studium der Geisteskrankheit,"
begann er und bot mir eine mit garantiert emten Kirsmblättern
selbstgestopfte Zigarette (oder wie er sagt "Affenßöte") an.. "Als
im neuli m in unsere Weinstube "Zum Wassersmlaum" ging; traf im
dort einen alten, lieben Bekannten - Professor Anti. Pieps - den
Vorsteher unserer Anstalt für Geisteskranke. Er erzählte mir so viel
von seinen PHeglingen, daß im smließlich den brennenden W unsm
'Iußerte, die Kranken einmal besumen zu dürfen. Er sagte zu .
: linktlim fand im mim an dem verabredeten Tage bei ihm ein, und
nam einem prämtigen Imbiß, - den Glanzpunkt bildete ein Kohl#
rüben gelee - begannen wir den Rundgang.
Zunämst zu den Leimtkranken, von denen sim der Professor in
absehbarer Zeit Heilung verspram. Dann kamen wir an eine Tür,
an der ein Sdüld mit der Aufsmrift: "Nimt reizen! - Unheilbar"
befestigt war.
Wir traten ein. In stummer VerzweiHung lief der Kranke hin und
her, hin und her. Er beamtete uns gar nimt. " Worauf ist die Krank.
heit zurückzuführen?" fragte im.
" A m", sagte Anti ~ Pieps, "das ist eine traurige Gesmimte. Der
Mann lebte in dürftigen Verhältnissen, hatte keine Verwandten auf
dem Lande, keinen Sdlleimhändler an der Hand und war nimt Selbst6
versorger. Da erfaßte ihn dnes Tages eine unbezla."inglime Sehnsumt
nam Speck, Wurst und Butter. Er ging zu seinem Freunde, der sim
in ähnlimer Lage befand, und sie verabredeten eine gemeinsame
Hamsterfahrt nam Holstein.
Der Freund trat jedo m aus Angst vor Entdeckung zurück und
dieser Unglüddime fuhr allei n. Er verlebte einige paradiesisme Tage
und halte nebenher das Glück, ein Ptund Mehl und drei Eier hamstern
zu können. . Mit dieser reimen Beute beladen begab er sim auf den
Heimweg. Das Unglück wollte es jedom, daß er angehalten und vor
den Kadi gesmleppt wurde. Man besmlagnahmte das bei ihm Gefundene und er wurde gerimtlim bestraft, weil er zwei oder drei der
fünftausenddreihundertundsoundsoviel bestehenden Verordnungen
übertreten hatte. Das nahm sim der bisher unbesmoltene Mann so
zu Herzen, daß er irrsinnig wurde. " " . " .
Wir gingen weiter zur nämsten Tür. Dieselbe Aufsmrift.
Der Kranke lief heftig gestikulierend von der Tür zum Fenster,
vom Fenster zur Tür. Ab und zu smlug er sim mit der Hand vor
die Stirn und murmelte dabei : im Ochse, im Affe. im Esel, im Kamel,
im T apier!
Im beneidete den Mann um seine zoologismen Kenntnisse. 11 Was
ist denn mit d~m los?/I fragte im erstaunt.
"Ja 'l , erklärte der Professor, "sehen Sie: das ist der Freund von
dem vorigen, als der hörte, was es in Holstein n och
alles gab und was er .sich durch Aufgabe der Reise hatte
entgehen la ssen, faßte es ihn aum - leider aum unheilbar!" Opfer der Zeit!
6

Trinhlied

Das Mädmen flam zu dem Ergebnis:
• W/~ ist die Moraf dom erkrankt 1
oft hat dem geringsten Erfebnis
ein Kindmen sein Dasein verdankt.·

Musilil Und ern WelDI Und di~ mir gefäfft,
die 6raumt sim heul flimt erst zu smminRen I
Jm wllf diese Nacfjt mein fetztes Gdd
vertrinken I

So wolTten sie fodernde 'Ffammen
erstieRen, was nimmer gefang.
So liamen sie niemafs zusammen,
wiewohf man sic6 tägfim versmfang.

Was Sorgen, fJerstandl Den Pfunder hinweg!
Mora{'? Mag faufen und stlnRen!
/dj muß mim aus ERef vor aff aresem DreeR
6efrinlien I

So bfie6 im zermarterten Hirne
zur/ieR einst ein zehrender Wahn.
So {ief einst der Kna6e zur Dirne.
Wer weiß, was das Mädmen getan.

Ja, jetzt, Philister, die Häfse gestreeRtl
Wolli Ihr nodj {'Jarnend mir winken?
1m Rann affeln I;' Sünde und Sekt
ertrinlien I

Slupiaus URd,i.

10

VOJl

PaufrÜDara Hms"'-
        
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