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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

N r. 9

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Erw in Sl?d'd'ino

ßernhard Fleck saß über eine halbfertige Novelle gebeugt und
schrieb. Dabei quälten ihn Gedank en, oie weit ab vorn Inhalt seiner
literaris chen Arbeit lagen. Das Zerwürfnis mit Ada ließ ihm keine
ruhige Schaffensfreude mehr. Er war nimt der Mann, der zum Ein.
sied la wird, wenn ein smönes Mädeben launiseb ist und vierzehn
T age lang niebt wiederkommt. Aber in diesem Fall. - Eine Untreue
härte er weder vor sim selbst, nom vor Ada entsmuldigen können.
Würde ein stimhaltiger Grund ihr glückliebes Zusammensein zerstört
haben, so säße er
R'ewiß längst im
Teezimmer von
IIse Pasten; dieses
unbedeutende,
kleinliebe Gezänk
aber, das Ada mit
ihrem zügellosen
Temperament herbeigeführt hatte,
das auferlegte ihm
eine Art Gewissensfessel und er
bemühte sieb vergebens, eine Lösung für diesen
zermürbenden
Zustand zu erklügeln.
Im selben Moment geht die Tür
auf und als
hätten seine Gedanken sie herangezogen - steht
Ada
auf der
Sebwelle.
Fleck
sebaut von seinem
Manuskript auf
und erkennt, daß
sie sieb inka1:lm beherrseb ter Erre ..
gung befindet. Die
flammenden Wangen leuebten durm
das liebte Gewebe
des Smleiers, ihr fester Smritt,
mit dem sie ihm
sonst entgegenlief,
ist unharmonism,
hastig.
"Da - !" Sie
hält ihmcinemonHalbmodaine
natssmrift
hin,
.
.
blättert und legt sie aufgesmlagen auf dIe Tlsebplatte. Die Augen des
Mannes folgen erwartungsvoll und dabei unwillig dem smlanken, goldberingten Finger der Frau: "Ist das von dir?"
Er bumstabiert: "Kleinkrieg, eine Warnung für Unverheiratete.
Von B. Fledc". - "Ja", sagt er und lämeft dabei. "Gefällt es dir?"
Nun briebt das Gewitter los. Wieso er darauf käme, persönlime
Angelegenheiten ~u veröffentlieben .. Wieso er üb~rhaupt den Mut
hätte, Indiskretionen solmer Art preiszugeben . WIeso ihre (Adas)
Liebe dazu dienen müsse, ihm Stoff für gesebmacklose Satiren zu
Iif:fern, wieso - ein starker Guß ertränkt alles we itere.
Fleck holt sim eine Zigarette aus dem Schubfaeb. Tränen sind
f:t'll7as, was ihn absolut abstößt. Mit einer Frau zu reden, die weint,
ist unmöglim. Er wartet. Sagt sich, es wäre nutzlos" soleben
Wolkenbruch durm Worte zu versmeuchen. Mädeben müsse man
weinen lassen .
Endlieb : "Du antwortest mir nimt ein mal ! Bernhard, antworte
mir!" - Da er nom immer smweigt und keine Samaritergefühle
verrät, wir9 es langsam stiller und endlich verklingt das letzte
Smlumzen im batistnen Nasentümlein .
"So. Und nun erkläre d u mir erst, was du mit dieser Effekt=

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szene für Absidlten hast." Eine dicke Raumwolke umbaBt die Steh~
lampe.
Ada gewinnt !!altung. .No~ smimmern die dunklen Augensterne
feumt, aber d~r suße Mund Ist wieder vollkommen frei von Zuckungen.
" Gern, mem Freund. Es handelt sim ja aum bloß um das was
aus uns ~eidell kü~fiighin wird. Also höre mieb a n und entscheide,
o~ du mim no~ emmal bei dir sehen willst oder niebt. - Der Ton,
mIt dem du demen - " Kleinkrieg" abgefaßt hast, interessiert mim
Ebensokaum.
wenig der Inhalt.
Maßgebend ist die
Tatsame, daß du
persönliebe Erlebnisse für pikante
Feuilletons miß~
braumst."
"Bitte",
bemerkt der Journalist,
abgesehen da~on,
daß kein Lesersim
über Dichtung und
Wahrheit informieren kann, soll
das aussebließlim
meine eigene Angelegenheit sein.
"Gut", entgegnet
sie
kühl.
"Aber weiter: vergegenwärtige dir,
wie es auf eine
Frau wirkt, wenn
sie die Erlebnisse
ihrer Liebe in
einer Zeitsebrjfi
photographierr
sieht. Glaubst du
et~'a, im wäre
mir über deine
Gefühle für mim
nimt im klaren?
Kann ein Mann
Liebe empfinden,
der so skrupellos
ist, sein Innenleben als Drucksaebe an irgend_
eine Redaktion zu
smicken ?"
Ein neues Regenwetter smien
heraufzuziehen.
Bernhard beugte
vor: "Wer sagt dir denn, daß der "Kleinkrieg" persönlime Erleb~
nisse darstellt? Daß er zufällig Ahnlichkeit hat mit, - mit unseren
Diskussionen damals, - begreife dom: Unterbewußtsein und was
da alles mitspielt -"
Sie lamt. Es klingt ihm fremd und hart. "Wer hat mir seinerzeit gebeimtet, daß er bd sämtlimen Artikeln aus Erfahrungen und
selbsterlebten Abenteuern smöpft? Nun, bitte!"
Fleck smaukeft mit seiner Fußspitze: ,Ja, Kind, ja! Aber
"Daß dir meine Liebe, die Liebe deiner Ada, ebenso unheilig sein
würde -" "Wieso deine Liebe? Muß es denn unbedingt mit dir
zusammenhängen, Liebl.ing? Laß dim dom überzeu!(en!" - "Am
so! Nimt mit mir. Demnam mit der Pasten. Gut. Mehr wollte
ich ni mt wissen !"
Bevor Bernhard seinen lapsus linguae korrigieren konnte, war die
raffinierte Scharfrichterin fort. Nur ihr Parfüm mengte sich in den
Qualm der verlösebenden Zigarette. - - Am nächsten Abend küßte er Frl. I1ses alabasterweiße Handgelenke. Was wäre aum Anderes zu mamen gewesen?! Dabei war
die Smauspieferin in der bewußten Glosse gar nimt gemeint. Jene
Frau hieß weder Ada, noch I1se, sondern Herti.
        
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