Path:

Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.8

J nnrll·20

Der Pavillon
Von Warter Körtinu
Die Herzogin von Sevres lächelte, als sich d~r l\1arquis
v. Miosseus über ihr~ wcißc Hand neigte und sie im Kuß
zum Munde führte mit jener courtoisie. die im ancien regime,
au siecle de la fernrne, in der Zeit des Sunnenkönigs den
Mann von \ Velt auszeichnete. Dabei entblößten Ihre Lippen.
die in dem weißgepuderteIl C;esicht mit dem koketten Schönheitsfleckchen zwisc hen Kinn und Wange blutrot glühten , die
sch imm ernden. ebenmäßigen Zähne, während ih re langen. seidigen Wimpern sich wie . Sch leier über die großen, dunklen
Augcn legten.

- - -_._-- --

_ - - -- -- --- --- - --- _._-----_. .. - -

.

Ocr Marquis, von langen Reisen wieder zur Capitale zurückgekehrt,. bewegte. ~ich mit der gewohntcn Sichcrheit und
politesse auf dem hofischen Parkett. Er war eIß schlanker
Mann mit kräftig hervorspringender Nase unter den kühn
hlickenden Augen, schmalen, bcfehlsgewohnten Lippen. Dank
seiner Charaktereigenschaften, seiner Meriten im letzten F~ld­
zuge. seiner zahlreichen Amouren und der ausgedehnten Connalssancen seiner Familie hatte er, jung, schön und elegant
wie er wa r, sich damals allgemeiner Belfehthcit in den ersten
Salons erfrcut. Majestät war heute sehr hu}dvoll gewesen,
Ma jestät hatte den Marquis in eine längere Konvers~.tlOn zu
ziehen geruht und mit Wohlwollen von semem Wlederer-.
scheinen Kenntnis genommcn.
. C nel nun stand er der jung vermäh lten Herzogin gegenüber, plauderte untcrhalt.sam .. v~n sd~en Abenteuern, verfol gte mit \Vohlgefa~lcn die Flusslgkelt Ihrer Bew.egungen und
suchte in seiner Ertnncrung nac~ vcrblaßte ~ Blldern. - Ein blaues. breites Himmelbett. em Ju gendfnscher Madchenleib _ - heiße Liebcsschwure. von bebenden Lippen gestammelt.
bl"h'
Die Knospe war zur Blu~e er 11 t. zur eigenartigen Schö~hcit. deren größter ReIZ m der . ~lfenhaften Grazie lag ~. m
ihrem federnden Gang, tn dem NeIgen Ihres ZIerlichen kopfchcns, der bezauberndcn Anmut. mit dem sie den Fächer
bewegte.
. . . .
. "
Wann werde' ich SIe bel mH sehen, .MarqulS?
'\.Vann Sie befehlen, süße Madonna."
Ein sprechender Blick traf ihn, als er die Worte mit leiser,
vibrierender Stimme flüsterte.
"Morgen also!"
Als jetzt der Herzog, ein breits,chultrige! Ma!1n in reiferen
Jahren mIt derben, fast brutalen Zu gen. Sich naherte, schritt
sie mit leichtem N ick en davon. Die dralle Zofe führte den Marquis am nächsten Tage
durch die vorderen Gemächer des herzoglichen Palais. Der
Saum ihres kurzen Röckchens wippte um runde. feste Waden
und das Mieder legte sich eng um die vollen Brüste, deren
A nsatz vielversprechend aus dem tiefen Ausschnitt des Kleides hervorlugte. Mit kokettem, ein klein wenig verschmitztem

22

Lächeln, wie ihn dünkte, öffnete sie die Tür zum Boudoir
ihrer Herrin .
.Die Herzogin saß, in ein.en duftiJ;!en, losen Frisiermantel gehullt, vor dem matt geschhffenen Spiegel. Ihr langes, weiches
Haar floß dunkel uber Hals und Nacken und legte sich breit
. um die runden Schultern.
Er nei.gte sich ~tumm. Ein Schuldgefühl kroch in ihm auf,
als ~r sie so daSit zen sah, als er ihr in die Augen blickte,
die fest. erwartun gsvoll auf ihm ruhten.
Da warf er sich vor ihr nieder, küßte ihr Gewand ihre
Händ~
,
"Vergib, 0 vergib, du Süße."
,,\Va.rum verließe3t du mich. Gaston?"
"Still, . . ' .. . liehst du mich noch?"
.Sie schlang.. ihre Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich
empor und kußte ihn. Wie vertraut war ihm der Duft. der
~on ih:em Haar, ihren Kleidern ausging. wie weich waren
Ihre LIppen! Er wühlte seinen Mund in den ihren.
Ihr
warmer Leib ersehauerte unter seinen Küssen. _
Er kam nun oft, fast täglich.
Meist in früher Morgenstunde, .wenn. der .Herzog. ausge ritten war. Ihr Boudoir war
dann die Statte Ihrer Liebe, d as breite. spitzeniiberrieselte
Himmelbett Zeuge und Träger heißer Liebesstunden.
Wenn Sich aber die Schleier der Nacht herabsenktim und
ein duftend es Billet ihm kündete, daß ihre Sinne nach
ihm schrieeT}, daß Amors Gunst ihnen ein kosiges Schäferstündchen gestatte, erwartete sie ihn in einem kl ei nen Pavillon, der im Park zwischen schwarzen Büschen mi t seinen
gemalten Amoretten und bad~nde!l Nymphen, seinen üppige n Gobehns dammernd dahmtraumte und zu heimlicher
Liebesfeia einlud. - - Die Rosen entsenden schwere Düfte, der weiße Jasmin
süßen Ruch. Blau liegt die Sommernacht.
Zwei Gestalten huschen durch die Schatten des Parks des
Herzogs von Sevres zum Pavillon. der wie ein Miirchen, in
da:; dunkle Gebüsch tief emgebcttet .. weiß hervorschimmert.
Die Tür ist versc hl ossen. Der Sehlussel aber mit dem die
. Herzogin' zu öffnen sucht, stößt im Schlüsscllo~h auf Wider stand. Emsiger drückt und dreht sie ihn im Schloß. Plötzlich
öffnet sich die Tür. im Rahmen steht Ntnette. die Zofe. Ihre
Wangen sind gerötet. ihre Frisu.r hängt zaus um das runde
Gesicht. aus dem die Augen gleichwohl blank und keck herausblitzen. Madame sicht sie kaum an. Ninette ist treu .
Ninette ist klug und verschwiegen .
. ,,Ich danke dir, Ninett~"
Das Rascheln des Kleides der Davoneilenden verklingt auf
dem Wege. Nächtliche Stille legt sich wieder über den
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.