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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Janr(/. 26

.Vr.8

Der Ho/garten

Frauentreue
VOI!

Am Morgen
kommen d ie Frauen ohne Sorgen ,
fü r die ein Mann, ein starker, hart mit dem Leben rauft,
oder denen ein Freund den letzten seidenen Luxu s kauft.
fü r die das ga nze Leben nichts als ein ewiges Schlendern .
Un d Schulkinder kommen mit bunten Bändern
im widerspen stigen Windflatterhaar,
sehen die Blumen bliihen, hören die Vöge l singen
und ahnen den Grund von oll diesen Frühlingsdillgen.
ahn en
Ein e alle Lehrerin hütet die junge Schar
und lehrt sie Blutbuche, Ahorn, Platanen,
Rotkehlchen, Distelfink, Amsel und Star
und denkt, wie das einst ihr Frühling war . ..
Auf einer Bank im Schatten
sitzt al/C!rlei "arbeitsscheues Gelichter"
(sagen die Ew ig-satten.)
Schiffer und Zimmerleute und - Dichter,
betrachten den Sch w an . de r auf dem stillen Wasser stolz
seine Bahnen z ieht
und freu 'n sich , daß allch für sie eine S tunde mal ohne
Hasten und Raffen flieht . ..
Später, am Nachmittag
horchen dem Finkenschlag
Mütter, gebenedeite Frauen,
die in die grünen, sonnigen Auen
ihre Kind gewordenen Hoffnungen tragen.
(Ein en Herrn Nichtstuer stören die vielen Plagen.)
K inder müssen viel Licht und Sonne trinken.
Ihnen müßte der Herrgott immer aus lichtblauem
Himmel winken. Auf der Brücke hält ein' Blinde" den bittenden Hut.
Durch seine schäbigen S chuhe schauen die Z ehen.
Er kann VOn all der Pracht um ihn her nichts sehen,
aber auch ihm tut die segnende Sonne so gut ..
Später, 0 je, in der Nacht,
wenn nur der Mond auf der Wacht,
. k~,!,men die vielen jungen Pärchen,
traumen Ihr kurzes Sommermärchen .
Dfe Na chtigall singt in den Zweigen,
die Gnllen im Grase ge igen .
In leichten Kleidern tänzeln
die Mädelchen, scharwenzeln,
und ihre Mieder schaukeln
Sie la ssen sich umgaukeln '
v on Faltern, bunten , losen,
die halberblühten Rosen.
-:4ch, h ier im Grün ist die Liebe so billig,
Ist das Herz so frei und die Lippen so willig!
Ein alter Wiedehopf
schüttelt empölt den Kopf
und denkt bei sich,' "In meiner Zeit
war doch die Jugend noch nicht so weit/"
Cello Leander Ohlischlaeger

Frühling
Der Himmel glänzt in blauer Ferne,
wir wandern einsam, ich und du.
Wie goldene Träame steh'n die Sterne
und schau'n uns zu .
In stummer Andacht geh'n wir beide
weit in den Frühling, Hand in Hand,
so sehnsuchtsvoll, so fern dem Leide,
ins Wunderland.
0, ',rich kein Wort. Des Lebens Wunden
sühnt dieser heil'ge Augenblick,
Nun sind wir endlich heimgefunden.
Das ist das Glück !
Ka rin Wilde

T i/ti

Me in guter F reund, der Oberla ndesgeri<:htsrat, ist nodl immer un~
verheIratet. Eige ntlich schade um ihn. E r wäre gewiß ein guter
Ehemann geworden, und viele Frauen mag es geben, die mit einem
so zuverlässigen, ehrlichen, vieIleicht ein ganz klein bißchen pedan tischen
M anne glüddich geworden wären . Als ich ihn ' nach dem Grunde
seines ewigen Jullggesellentums fragt e, war es auf dem Wege zwischen
I-Iahnenklee un d dem Mägderathausplatz. Ein früh er W intera bend
hatte sich auf die sti mmungsvo lle Harzlandschaft gebreitet und die
Sonne, ein bißchen farblos noch, nahm Abschied von den schneebe:
riese lten Tannen. Ein leiser \V ind, der schon ein wenig vom Fri'lhling
sa ng, hatte sich a ufgema cht. Irge nd wo in der Ferne krächzte ein Rabe,
und die Natur mit ih rem M!i ne n Takt forderte die Menschen auf,
Freunde zu werden und ihre Seele in stillen Worten frei zu machen.
Auch mein Freund, der Oberl andesgerichtsrat, sprach nun mehr, als
er es im Salon und der dicht bevölkerten Hotefhalfe sonst wohl
getan hä tte.
"Sie fragen mich, gnädige F rau « - so sagte er - »nach der
Ursache meines Hagestolzes. Ich bin Ju rist - das sagt aIfes. Seit
Ja hrzeh nten beschäftige ich mich mit E hescheidunR'en, und tausende
von dicken Aktenbündeln ana lvsieren mir das Verhältnis zwischen
den Ges chlech tern. Ganz gerech t kann wohl auch der unbestechlichste
Richter nicht sein / denn auch er hat ja eine Seele. Ich habe mich
stets bemüht, so unparteiisch und objektiv zu urteilen, w ie immer
es mir nur möglich war, und doch hat mein Verstand gar häufig
die Frau freisprechen müssen, während mein Herz bei dem Manne
war. Es waren F älle der männlichen Untreue.
Es ist ein eigen Ding um di e eheliche Treue, und es ist merkwürdig, wie ganz verschiedene Vors te fIungen sich Mann und Frau
davo n machen. Des Mannes Untreue nämlich ist in den meisten
F ä llen nimts weiter, als ein körperlich es und ga nz äußerliches über
die Strän ge schlagen, das ich gewiß nicht entschuldigen wiIl, das sich
aber verstehen läßt, wenn ma n das ganze Drum und Dran richtig zu
be werten versteht. Aber di ese ktirperliche Untreue geht nur selten
Han d in Hand mit einer seelischen oner mora lischen Untreue, und
Sie we rden es nur wenig finden, daß ein Mann sein eigenes Nest
beschmutzt. Ein Mann hält seinen Namen rein, und seine Frau,
ma g er sie auch nicht mehr mit de r himmelans tiirmenden Begeisterung
der ers ten Ehejahre lieben, steht ihm viel zu hoch, um sie von seiner
illegit imen Freundin in den Staub zerren zu lassen . Er schweigt sie
ihr gegenüber entweder ganz tot, oder er sprimt regelrecht sachlich
und ohne jede Gehäss igkeit von ihr, oder er verteidigt sie sogar.
E r steht zu ihr mit seiner Gesinnung, seinem Gentlemantum, auch ,
wenn sein Körper sie betrügt. Und ei ne Geliebte, die es wagen
würde, sich in seine Eheangelegenhei ten zu misch~n, die vielleicht
spöttelt oder lacht übel' seine Frau, die wird vo n dem Manne nicht
selten ganz einfach verabschiedet.
Dem gegenüber steht in ganz scharfem K ontrast die Treue der
F rau, die sogenannte Treue, die vielleicht sogar oft nimts weiter ist,
als Mangel an Gelegenheit, oder Angst oder furcht, den Mann ihrer
Sehnsumt ganz jämmerlim zu en ttä uschen . Es mag gewiß vie l
weniger untreue Frauen geben. als unt re ue Mä nna, wenn wir ledig~
lim den körperlidten Betrug in Betracht ziehen. Aber ich weiß nicht,
ob eine untreue Phantasie, ob untreue Gedanken und Worte nicht
bei weitem schlimmer sind. Und auch gefährlidler; denn gerade die
seelische Untreue der Frau untergräbt die l-{eiligl
    
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