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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr. /i

Ja6rg.26

eine ~tunde weit. oder w ir li e ßen uns im Boot treiben, Ilnd wenn
il'h sie dann d,anH en in die Arme nahm und küßte, lach~e sie .
Aber mein ganzes Uelli,ell, meine garne Auffassung von den Menschen wnrde erschüttert. weil ich hier einen Menschen fand. der
weuer lVlallll noch 'Veib war. der, von der Natur geschaffen, der
:"Iat ur lebte, dessen Gewissen weder Scham noch Gesetz kannte
ur.d der nichts tat, was er nicht für schön und angenehm empfand .
Sie werde n ver stehen. Katta , daß ich anfangs einpm sol c:hen
Märchengeschöpf r ech t befangen gegen überstand , denn immer
noch war ich geneigt, das mir seltsam scheinende auf die .lugend
des Mädchens zurückzuführen. Sie war vielleicht 14 Jahre.
ich habe es nie g ena n erfahren.
Daß ich selbst ihr gefiel, spürte Ich bald. Sie wartete täglich
allf mich und war
fast nnwillig, wer,n
ich einmal nicht kam.
Da kam ich auf den
Gedanken, sie zu mir
als Gehilfin ins Haus
zu nehmen. sp rach
mi: der Mutter es war eine große
Eh re für sie - lind
::\1 ic'" klatschte fr eudig in die Hä'nde,
" l ~ i('h davon sprach.
E s schien ihr so natlir lich ...
;\Tun hatte ich d as
M ndchen täglich bei
Ir> i" ein e willenlose
G f' fi ihrt in, die für
put und recht bef HUd ,

was

ich

an-

.,

ord n ete, lind mir
durch ihr eigenartlgf'S Wesen Anla ß
ZI'
den interessantesten
psy chologischenBeobachtunge n
ga b.
Ich
schitme
n: ; eh heute darum.
aber damals erkalmte ich doch , daß
w ir Träger der Kulmr wilder ulld roher
spin ki>nncn als die
!Vl 'fIschen, die noch
ll;cht aus dem Paradies vertr ieben sind,
_ damals. als ich
das ~e ine J\1enschentlllll in Mica nicht
mehr nchtete und
ihr Dinge befahl,
tl llrch die ich ihr
' Veibbewußtsein zu
wecken
versuchte.
Sie
mußte
sich
"01' mir entkleiden,
leichte europä ische
Gewänder
tragen,
mir beim Bad h elft'n, mußte neben
m e in em Lager wa chen, wenn ich es
mjt irgend
einer
Fremden te ilte . Und
als ich sie selbst in
Besitz
genommen
hatte, immer wieder ,
viel e lVfonale lang,
blicb sie doch immer die kle ine Mica, die nur lat. was
sie für schön empfand, und deren Gedanken von Schlechtem
'lder Bösem nichts wußten.
Ich lehrte sIe das, was ich
Glück nannte,
also mußte es gut se1l1.
Und über 1111seren Nächten lag ein reines Lachen. das nichts von Sünde wld
Schuld wußte. Und das Meer wiegte IIns in tiefen, traumlosen
Sc hlaf.
So war Mica ganz mein Geschöpf geworden, Mädchen wld
Weib und doch keins von beiden . sondern em Mensch, dem Ich
die Welt war und die Nahlr die Mutter. "
"Das klingt wahrhaftig wie em Märchen", sagte Katta mit
ge'enkten Augenlidern.
" Aber alle
Märchen
haben
em
Ende ..
" Auch meins", sagte Peer. "und es war traurig, wie m fast

20

",!leu Märchen. d Ie schöll sind. \ \'ilS ich in jener 7.pil erleht
halle, wollte ich mIr als blelhende Erllm e nlllg be\\'ahre'lI . Ic h
mllßte wieder zuriick. in eine a udere. "i elfältigcre \V elt. die
komplizierter is t un ~ ill rier 1I11r ta llsend nelle D inge begegnen
wurden . . Mlca w llrde dort ble d leu . . . li nd da qllälte mich
stündl ich di e Frage: Wird sie so b lei ben. wie sie in mpiucm
Hause war 'j Außerste Abgeschlossellheit "011 der W elt schilf das
Wunder. das ich an ihr erlebt h atte. aber kommende Ja hre
würden ihr W .ssen vermehren, llnd daun würde sie vicll eic·ht
zerbrechen an der Erkenntnis des \ ' ergangenen
.. Das ist
ja so h ii ßlich. daß die Mitmens ch en re ine Erlebnisse nie
rein il1 uns erhalten k önnen.
Da tat ich etwas, wa s dem
Mädchen und mIr di e beste L ösung gab. e twas . Wi,< auch
nur in einer \\'elt
,verständli ch war, in
der wir ni}( ·h un se ren eig<'l1en E mpfindungen le bleI!.
"M itnehmen kann
ich
dich
nicht",
sagte ich zu Mir. a,
naber 211 anderen
Menschen darfst du
allch nicht §re hen.
Du
bist
meine
lVIica, meine k le ine, wilde Geliebte,
die ich lieb h a be
und die ich lieber
tot sehen möchte
als.

"

.,Peer !., Eill leichter,
erschrockener
Schrei schr illte durch
den f\.aulTl.
Peer nickte ernst
mit dem Kopf. " Sie
tat es. Ich habe sie
noch im Tode küssen können.
Und
darum" - er stockte.
Sein Blick glitt über
die weiße Haut, die
lockend über den
seidenen
Schleifen
der Strumpfbiinder
hervorschimmerte,
die Linien empor
bis zu dem gepuderten
Gesicht,
aus
dem zwei beschattete Augen ihn anblickten. "Darum",
fuhr er fort, " dtirfen Sie nun nicht
überraschtsein ,wenn
ich gehe, bevor ich
das Glück genossen
habe , das Sie mir
stumm
verhi eßen.
Darum. weil Sie es
bewußt taten. Als
Sie
mich
baten
zu kommen. wußten Sie schon die
Entwicklung
jeder
M inute
von
der
ersten
förmlichen
Begrüßung
his
zum Sellist"ergessen in R.ausch und Entzücken . 1h1' VerlangeIl
strebte mir entgegen. weil Sie sich bewußt warel'l, mir Kostbares zu schenken , weil Ihnen selbst die Sünde süß schmeckt,
di e Sie in hundertfachen Einzelheiten erfahren haben. Das sei dene Lager, das uns erwartet, ist wie eine Orgel mit tauselld
R.egistern der Sinnlichkeit. die Sie meisterlich zu spielen verstehen.
Aber die kleine lVlica, die sich jede Nacht mir
schenkte, ,fab rmr viel, viel mehr, weil sie nicht wußte, was
sie tat ..
Er war aufgestanden und ging zur Tür ' em nervöses,
spöttisches
Lachen
sickerte
hinter
ihn:
durch
die
plötzlich
entstandene
Stille.
Als
er
sich
an
der
Tür
noch
einmal
umwandte,
sah
er,
WIe
die
Frau
ihr
Gesicht
III
die
seidenen
Kissen
gepresst
hatte
        
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