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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Janrg.26

Nr.1

cri fühlte ihre Weiehhcit, aber seine Augen verloren nichts
von ihrer Ruhe.
Während sie regungslos in seinen Armen Atemzüge lang
verharrte, sagte er einfach:
"Dieser Feldweg ist in der Tat abscheulich. U nd cs dürfte
auch dem zierlichsten Fuße ein Beinbruch schaden."
Sie sprang auf, sah ein leises Lachen um seine Mundwinkel
und rief: "Wissen Sie denn nichts anderes.')"
,,0 nein", entgegnete er gleichförmig,
"ich sehnte mich lediglich nach Conversation."
Da verlor sie ihre Fassung:
"Dann suche der Herr sich ein Tabakskollegium, aber keine schöne Frau,
cl' Marquis Eisklumpen, er Esel, er .. . !"
Drauf drehte sie ihm stracks den
Rücken zu und lief auf ihren Stöckelschuhen eiligst den unebenen Weg davon.
D,.a lachte er laut, so laut, daß es die
schöne Ninette noch hörte und grimmigste Rache schwur, denn alles verzeiht eine schöne Frau, nur das eine
nicht, daß man sie verschmäht.
Der Chhalier aber ging langsam zu
Fuß in die Hauptstadt zurück und war
ob des holden Erlebnisses höchst belustigt.
Nur wenige Tage vergingen und bald
thronte die schöne N inon wieder an
dem großen Tische im Cafe d'Angleterre, umgeben von dem bunten Schwarm
ihrer Verehrer.
Mit einem Male öffnete sich die Tür
und herein trat am Arme einer zierlichen
Blondine der Chevalier, so vor einigen
T age n ein solcher Eisklumpen gewesen
war. - Das Paar setzte sich unweit.
,,\Ver wa r dieser Herr", flüsterte N inette dem Marquis
D' Argenteuil zu, der neben ihr saß.
"Das", antwortete der, "war der Marquis de Bronce .. ."
"Es wäre füglicher", lachte die schöne Ninette, "er hieße
de Glace".
Das Paar dort drüben plauderte in der selige-- Ve rliebtheit
erster Ehewochen.
"Und die Dame", forschte Ninette weiter, "wer ist das?"

"Ich weiß es nicht", flüsterte der Marquisd'Argenteuil,
"man sagt, der Marquis soll sich vor kurzem verheiratet haben,
aber es kann ebensogut auch eine se"iner Freundinnen sein .. "
Darauf schwieg er, den n er hatte Ninettes Bli cke gesehen
und wollte das nicht verraten, was er in Wahrheit sehr gut
wußte, dem: auch er hatte ein holdes Eh'gemal zu Hause.
N inon aber stieß he~aus: "Also, er ist verheiratet." Dann
sann sie einen A ugenblick, ein Lachen
spielte um ihren Mund, sie riß ein Blättlein Papieres von ihrem
gold nen
Taschenblock und kritzelte fo lgende Zeilen darauf: "Die Dame nehme sich vor
diesen) Marquis de Bronce in Acht. Er
ist ver heiratet, ein Eisklu mpen und ein
Esel . .. "
Das gab sie dem Marquis D 'Argenteuil.
"Reichen Sie dies der Dame."
Der Marquis zuckte lächelnd die
Achseln; erhob sieh und entledigte sich
seines Auftrages.
Ninon aber sah gespannt auf den
Tisch hinüber. Sie bemerkte, wie der
Marquis. de~ Chevali er begrüßte, sah
auch, wie seme Dame das Zettlein las
wie ferner der Chevalier forschend übe;
d ie Achsel der Dame sah und leicht
lächelte, dann zum Schluß sah sie, wie
die Dame ein pa ar hastige Zeilen auf die
Rückseite des Zettleins warf und es
dann dem Marquis D'Argenteuil ga b.
Der nahm es mit einer artigen Verbeugung entgegen und verabschiedete
sich.
N inon riß ihm das Zettlein fast aus der
Hand.
Darauf aber stand: "Besten
Dank. Madame. Es stimmt alles, was da
geschrieben steht, denn ich bin seine
Frau. .. Ihr aber scheint sehr wenig Feuer d er Liebe zu besitzen, wenn Ihr noch nicht einmal einen Eisklumpen im
Frühjahr zum Schmelzen bringt, und einen braven Esel wird
es füglieh immer zu seiner Eselin und nicht zu . , . einem
Nac htfalter ziehen ... "
Die schöne Ninon machte kein s
    
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