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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr. 8

HfNSEL
atta zog die . edelgeformten Beme an . schmiegte sich in die
kissengewölbte Ecke des Diwans, tmter dem Orangelicht der
Stehlampe, und sagte langsam, mit einer ganz kleinen Herausforderung in dem etwas singenden Ton:
Sie schwärmen ja gerade-m von diesem Mädchen, Peer. Aber
m;ine Neugierde ist größer a ls meine Eifersucht. Erlählen Sie
mehr V(>n diesem seltsanlen \IV esen, ja?"
Peer hlick+e , 'ersonnen auf die schöne Gestalt, die im vollen
Bewußtsein ihrer Reize nachlässig in den weichen Decken gebettet
lag tmd deren Zaub:!r er heute. zum e~sten Male zWlschen diesen
verschwiegenen Wibden auf SICh stromen lassen durfte. Roter
""ein stand in den
Gläsern und Wolken
von feinem Ziga retten hauch bildeten
sich nnter dem seidenen Schirm der Lampe. Kattas sdunale
Hände spielten mit
den seidenen.mit selt·
samer Stickerei ge schmückten Hiillen,
vOn denen man nicht
sagen konnte, ob sie
ein Gewand waren
oder nur der einzige
Schleier über dem
zarten Körper.
Über dem Diwan
aber hing ein Bild, ein
einfaches SeestücK.
Und da waren Peers
Gedanken plötzlich
ahgeglitten, fanden
VI/orte. und diese
Worte' sprachen von
einer anderen,
Er hätte mit der
leichten Handbewegung, die die Frauen
zm'M eisterschaft knl·
tivierl haben, sagen
können: "Eine alte
Geschichte.
Ganz
hübsch, aber vergessen -"
Aber das Bild wur de plötzlich lebendig.
Graue Nebel ballten
sich über den' :\'[eer,
drangen aus dem go ldellen Rahmen heraus in das ha.l bdunkle
Zimmer, - die Gegenstiinde, die sich
in Erwartung vor
Ihm rankende Gestalt
wurden undeutlicher,
andere Bilder stie~a~
. .
.
.
Durch das Dämmern perlte noch Irgend \V 0 welt her eme helle St.J mme:
,.Tri nken Sie nur, Peer~"
.
Da nahm er e inen lan gen Zug aus dem geschliffenen Glas und
spallT! den Faden weiter, den er Itnb ew ullt begonnen hatte. .
.,Immer, wenn ich das Meer sehe, muß Ich an dIe Gesch~chte
denken. Die Matias -Bucht, den Rio Negro und die patagolllsche
Steppe werden Sie wohl kaum dem Namen nach kennen. I ch
habe "ieIe Jahre dort gelebt, den Ozean täglich vor Augen. Der
keine Hemmung scheuenr'.e Drang. der mich damals zur Erforschung vieler Probleme trieb, die in mir gärten, hatte mich diesen

K

18

weltentleg.enen Winkel aufsuchen lassen. Einsam war es dort nicht.
Es I'!ab T-Iere und Menschen, nur von der Welt, die wir kennen,
die Ich bIS dahlll kannte , wußte man dort nichts. Man lebte ein
anderes Leben, aber ich blieb nicht lange ein Fremder in dem
fremden Land.
.Einmal war ich weit nach Süden die Düne entlang geritten und
stIeß. etwa zwan~ig Kilometer unterbalb auf ein einsames Gehöft,
das Ich bIsh~r nI.e gesehen oder nicht beachtet hatte. Nicht weit
davon l~ em Fischerboot unten am Strande. und 'darin saß ein
~derhübsches Junges. Mädchen und plätsch~rte mit den Beinen
Im Wasser. Als es mich sah, sprang es überrascht auf, und wir
stande?, uns eine ganze Welle gegenüber.
ohne daß einer ein
\'Vort zu sageIl wuß te.
- so überraschend
war uns beiden die
Begegmmg. Als das
M ädchen aber eine
Bewegung machte,
fortzulaufen, hielt ich
es fest, zwang es in
den Sand, was sie sich
lachend gefallen ließ,
Imd dann muDte sie
mir erzählen . ..
So lernte ich Mica
kennen. Sie lebte mit
ihrer Mutter allein in
dem Anw esen hinter
der Düne, eine kle ine,
von allem Wissen und
aller Kultur ltobe rihrt e Wilde. Sie
schien weder Furcht
noch irgend welche
Hemmung ihres Willens zu kennen und
plauderte wie ein
großes unbefangenes
Ki nd.
" Was treibst du
denn den ganzen
Tag ' 44 fragte ich.
,,0, ich helfe der
:vIutter, und ich kann
jagen und fischen .. ."
Thr junger Mund
lockte mich zu sehr.
" Kannst du auch
küssen ?" fragte ich.
Sie sah mich mit
verwunderten Augen
an. "Was ist das ?"
Ich drückte ihren
Kopf in den Sand und
gab ihren Lippen die'
Antwort.
Ruhig blieb sie lie·
.
.
gen und fragte endlich IDlt geschlossenen Augen: ,.'Varum macht man das, Seiior'?"
.,Weil es schön ist. .. 1st es nicht schön?"
.,Ja," sagte sie. Dann plauderte sie weiter, bis sie plöt'l.lich aufsprang. " Ich muß zur Mutter... Kommst du morgen w ieder ?"
Da küßte ich sie noch einmal.
Mein anner Brauner wird manchmal unwillig über die larlgen
Ritte gewesen sein, die er machen mußte. Aber mich hatte eine
brennende Neugierde gepackt, . dies merkwürdige und schijne Geschöpf näher kennen zu lernen, Außerlich geschah nichts Bedeutendes, Manchmal nahm ich Mica auf den Sattel uud ritt mit ihr
        
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