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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

,v,./)

Jahrg.26

Frisch, frei, froh, fromm
Die Straßen sind blitzblank gescheuert
durch nächtlichen Gewitterregen,
den auch der Mensch als einen Segen
verspürt; er fiihlt sich wie erneuert!
Voll Kraft geht er daher und stramm
Zum Strich auf den Kurfürstendamm.

Doch sieh! Umsonst sind alle Spesen:
die kleine Maus, erst freche Göhre,
erwies um 9 Uhr sich als höh're
Haustochter, die mal keck gewesen;
jetzt aber plötzlich sehr solid
auf Anstand, Uhr und Sitte sieht.

Dort läßt er siegbewußt die Augen
- gehoben durch das Einglas - blitzen;
und bale! sieht man mit ihr ihn sitzen
per Strohhalm Eiskaffee zu saugen.
Nod, kennt man sich erst per distance.
Der Gent besticht durch Geistesglanz .

Nach Hause will sie; doch begleiten
soll er sie nur bis in die Nähe .
• Die Mutter sie vielleicht sonst sähe
was tiefsten Schmerz ihr würä bereiten."
Welch Wunsch ihm wenig Freude mad,t.
Das hatt' er anders sich gedacht I

Und ihm gelingt's I So $legen sieben
sieht beide man zum Kino wallen,
dess' dunkle Logen dringend allen
empfohlen seien, die sich lieben.
Was man gegeben? Nichts der sieht,
dess' Herz in junger Lieb' erglüht.

Zum Aoschied reicht man sich die Hände'
die Kinostimmung ist vorüber.
'
"Ob wir uns wiedersehn, mein Lieber?
Warum nicht? Wär's dir red,t am Ende
der nächsten Woche oder so?"
Dann ab dafür, frisch, frei und froh.

Fromm bleibt der Kavalier hingegen
zurück und in erzwungner Bravheit.
Er fühlt sich als betrognes Schaf heut.
Die Lippen leise sich bewegen:
"Stark ist des Mann~s Werbekraft,
Doch, was er wünscht, nicht stets sie schafft.

HOralio

7r a n c
Ha n s Wa {da 11

"Wenn Sie es durchaus wüns
    
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