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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.26

Nr.l

Marquis Eiskfumpen
Ein Histärfein aus der Roliokozeit
Von Hallns Lerch

Sic hieß Ninon Dauvrage, kannte alte und junge Chcvaliers
zur Genüge und srhor das männliche Geschlccht über einen
Kamm. Weil ihr Lachen auch den vertrocknetsten BaTOnen
in die Glieder kroch, weil der Rhythmus ihres Ganges die
Männer hezauberte, weil der girrende Klang . ihres Stimmlcins
sie alle zu Narren machte, die da einen Degen an der Seitc
trugen, schloß sie, daß auch der festeste Charakter ihrem
Liebreiz nicht widerstehen könne, und war eine helle Kerze
zur Sommernaehtszeit, um die
Tausende von Schmetterlingen
taumeln, auf daß sie einst die
,.
. ' Flamme der Leidenschaft verzehre.
Einen Abend aber in dcr
Woche verbrachte sie in Einsamkeit und erging sich an
warmcn Tagen dann gern, sei
es zu Fuß oder zu Wagen, im
Bois de Boulogne.
So hatte sie auch heute dem
Wagen zu warten befohlen und
lustwandelte
zwischen
den
grünen Wiesen und atmete den
weichen Duft der Fliedcrtrauben, auf dic die erste Lenzsonne helle Farben gezaubert
hatte.
Plötzlich sah sie gar nachdenklich auf einer Bank einen
Chcvalicr sitzen, der ihr von
ganzcm Herzen gefiel, weit
besser gefiel, als einer von der
vertrockncten
Clique
von
Edelleutcn. die an jedem andem Abend um eine ihrer
Gunstbezcugungen bettelten.
Er aber sah sie nicht. Nillon
Oauvrage hätte nicht die süße
Ninon heißen müssen, um
nicht zu wissen, wie es zu beginncn wäre, die Aufmerksamkeit eines Chevaliers zu erregen,
Sie schritt an der Bank vorbei, blieb auf cinmal jäh
stehen und stieß einen leisen
Schreckensschrei aus.
Der Chevalier blickte auf,
sah sie und sprang, wie das
Anstand und gute Erziehung
gebieten, ·gar eilfertig hinzu.
An ihrer Seite erkundigte er
sich artig. ob er dcr holden
Demois elle irgend eine Hilfe
gegen irgcndeine Gefahr leistcn
könne. - ,,0 nein". stotterte
sie", und preßte das pochcnde Herz, "mich däuchte nur, eine
ckle Natter zu sehen - Er sah sie an - -.
"Ich saß ja hinter der Demoiselle", lachte cr. "also bin ich
nicht gemeint."
Ein bezauberndes Rot huschte über das Gesicht der schöncn
Ninette, sie schüttelte den Kopf, daß tausend Löckchen flogen und lachte leise.
Der Chevalier aber blieb an ihrer Seite und bald plauderten
sie von dem hingehauchtcn ßIau des Himmels, von den blühenden Schwertlilien und dem ersten Schlagen der Finken.
Sie ließ ihr Lachen gleich eincm feinen Spinnrad schwirren
und nahm mit Genugtuung wahr, daß es wirklich feine Fädlein spann, in denen der elegante Chevalier langsam zu zappeln
schien.
.
Nachdem sie eine ganze Zeit gewandelt waren, brachte der
Chcvalier die schöne Ninctte sorghch zu ihrer Karosse und

küßte ihre Fingerspitzen. Da fragte sie, ob auch e~ nach der
Hauptstadt zurückzukehrcn gedächte, und als sie sein Nicken
sah, bot sie ihm de.n Platz an ihrer Seite an.
Der Chevalier schlug das nicht aus und war während der
ganzen Fahrt cin geistreicher Plauderer. Abcr er war es auch
dann, als die Dämmerung schon herabgesunken war und blieb
cs, auch wenn sich die schöne Ninette scheinbar ohne Absicht
etwas festcr an seine Schulter lehnte, als es das Hüpfen des
Wagens verlangte.
Dann
hielt der Wagen vor Ninettes
Haus.
Der Chevalier bat um ein
Wiedersehen, das ihm huldvollst gewährt wurde und eilte
mit leichten Schritten davon.
"Ein stürmischer Werber ist
er nicht", sagtc Ninette zu
sich, als sie im Bade saß, "cr
ist einer von den Fischen, die
sehr langsam anbeißen" - sic
machte eine Bewegung, als habe
I
sie eine Angelrute in der Hand
- "die dann abcr um so fester
an dcm Haken sitzen - -".
Schon am näehstcn Abend
tlahen sie sich wieder.
Wieder trug sie die Karosse
Ninettcs weit hinaus vor die
letzten Häuser.
Endlich, als sie jenseits des
Stromes waren. befahl Ninctte
dem Kutschcr zu halten.
Das Paar stieg aus und wandelte einen engen Weg fürbaß,
der weit in ein dichtvcrschlungenes Gehölz führte.
Die Sonne stand schon hinter
den Bergen. Ihr \Viedcrschein
färbte ein paar leichte schwim·
mendc \Völkehen rosig.
Der Chevalier aber ging
heut schweigend an ihrer Seite.
"Ein zaubersamer Abend",
fl ötete die schöne Ninette.
"Ich bin von seiner Herrlichkeit befangen", gab der Cheva.
lier zurück.
,,\Vas ist aber schöner",
,
lacht e Ninette, "der Abend in
.'
seincr Pracht oder ~,as Lachen
einer schönen Frau?
Der Chevalier blickte sie an.
Schöner ist der Abend, aber
das Lachen ist gefäh rlich er."
Sie blieb stehen und lehnte
sich scheinbar ohne Absicht
an seine Schulter. "Ein Edelmann, hörte ich, liebt dic Ccfahr", flüstcrte sie.
Er schwieg. dann sagte er: "Aber es s~~ht geschrieben, daß
man sich nicht mutwillig darein begebe.
Sie stampfte mit dcm Fuße auf: erschrak, d.aß sie uamit
irgendetwas ,~ rrict und schalt: "D lc~ e r "entsetZlIche Feldweg,
diese bösen Stc1l1e. sie schmerzen mich.
"Beliebt meine Dame auch nieht umzukehren?" forschte er.
,,0 nein". flötete sie, "dic Luft ist so mild."
Tiefer sank die Dämmerung, immer schritten sie noch nebeneinander.
I
.
Ninettc hatte Jlen Che:,ali~r mehrere M.ale. schon recht eigenartig angesehen 4 nd schheßheh ~trallchclte sie auf einmal, stieß
einen leiscn Schrjci aus und schien zu fallen.
Er sprang zu. !hielt sie in seinen Armen. Sie schlang die
Arme um seinen Hals, ihr Mund war dicht an dem seinen.

-,

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