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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

.Ja6rg. 26

Nr. 8

dem silbernen Dösmen und puderte sim, saß ruhig wie artige Kinder Sonntags, die frischgebügelte Kleider anhaben und sie nimt zerknüllen dürfen.
- Gleim werde im weinen, - fühlte sie, - aber im darf ni mt
weinen - im muß smön sein für ihn. Draußen smlug es laut und klar amt Uhr.
Käme er jetzt, würde sie ihm entgegenstürzen, in maßlosem Glück
der Erlös;Jng aus der trostlosen Dauer dieser endlosen Minuten.
Die weiße Gardine am Fenster glich einer langen baumelnden,
erhängten Gestalt. - Wenn man kurzsimtig ist, hat man leimter
Angst; - dachte Lyzzie und sm ob die Gardine zur Seite. Draußen
brannten smon Laternen.
Dort beim Hauseingang - die rote Mütze eines Dienstmannes smrilles Läuten durm die Stille der Wohnung.
Sie eilte den Korridor entlang - hinaus auf die Treppe - ; Gott
sei Dank! Endlich eine Namrimt!
Polternde Smritte mamten itn ersten S'tock halt.
"Aber so kommen Sie dom i" rief Lyzzie.
"Hauptmann Bayerer . . . da habe im wohl im falsmen Stock man sieht hier gar nismt -"
Unten wurde geöffnet.
Sie wankte, stieß gegen den Kleiderständer, eN'as fiel herab. Sie
schlim zurück, starrte apathism in das Dämmern der aufsteigenden
Namt.
Müde klangen ferne Hufsmläge.
Autohupen in der Weite - - - verebbende Stimmen auf der
Straße.
Wiederum Töne eines Klaviers - Puccini: Mad~me 'Butterfly. Sehnsumtsvoll, höhnend drang die Musik in ihr Bewußtsein, bis
si( mit einmal sim selbst erkannte ; Madame Butterfly - geschmack.

j ugend -

Original

lose Madame Butterfly - elendste Namäffung hinter dem grün gestrimenen Fensterladen ! Sterne erglänzten am Himmel, die Anlagen smlummerten still ein versmlungenes Paar smritt langsam dahin, ihre Sm atten tau&ten unter.
Sie smloß das Fenster.
Rücksimtslos ! Von zehn Uhr ab dürfte man Oberhaupt nicht
Klavier spielen.
Memanism griffen ihre Finger nam einem belegten Brötmen - Gänseleberwurst hält sim nicht in der Hitze - damte sie, im habe es der Anna gleim gesagt. - Die Brötmen lagen grau und
gekrümmt, gleimsam krank von Erwartung - die Brötmen hatte
sie selbst gestrimen - die Brötmen. - Ihr Kopf sm lug auf die Tismplatte, so daß vom Flieder bebend
einige Blüten niedersanken .
Als Lyzzie das verweinte Antlitz hob, erfüllten dumpf alle Uhren
der Stadt ihre PfIimt und kündeten Mitternacht.
Sie ging in das Smlafzimmer, legte sim nieder, smaute in den
glühenden Draht der elektrismen Lampe.
In ihrem Gehirn trommelte die Rhapsodie von Liszt .. . wenn
die Anna dom endlim käme - wenn die Anna dom - - aber
die tanzte ja heute , . . tanzte nam der Melodie der Rhapsodie vo n
Liszt, tanzte nam Puccinis Madame Butterfly, tanzte mit dem
Treffer auf dem Schützenfest.
Lyzzie lösmte das Licht.
Helle Flecken sprangen durch die Dunkelheit. . . . Knöcherne Finger .. . spitze, krallenhafte Nägel kamen
näher . "
immer näher, wuchsen in ihr hinein . .. faßten
an ihr Herz.

Hahn -Berlin

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