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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Ja/jr{/.

2~

Nr.8

die
vorwärts kroch. Er bewegt sich gar nicht, damte Lyzzie "
. schaute immerwährend nach dem kleinen
Zeit steht still
goldenen Zeiger . . .
Nun schreckte sie wie aus einer Hypnose auf: Sieben sch~iIle Töne.
- In der We ite hörte man eine Glocke gemächlim viermal
schlagen, dann sieben dumpfe Laute - - eine andere Glocke fiel
ein - andere erklangen von fern und nah:
Sieben Uhr.
Jetzt jeden Augenblick!!
Ihre Hand griff nervös zur Abendzeitung
sie die gleichen Zeilen - ohne den
Inhalt zU begreifen.
'Sie schob das Blatt beiseite; schritt
zum Spiegel - schritt zum Tisch.
Wieder zum Spiegel - ordnete
eine Locke - - , ob ihm wohl meine
neue Frisur gefällt? -

immer wieder las

- Es ist ja nimt zum Aushalten,
es ist ja zum Ersticken schwül, fühlte sie - wahrsmeinIich kommt
gleim ein Gewitter. Sie trat zum Fenster, zog die Roll~
laden homo
Der Himmel dehnte sim wolken los. Friedlim ruhten die Parkanlagen
im späten Sonnensme/n. Zwei gleim #
gekleidete MäddJen
mit
blauen
Kleidern und FederhQten gingen vorüber. - Schwestern - überlegte die
Wartende, vielleicht Zwillinge. Eine
wandte sim und rief: "Pussy, Pussy!"
Aus dem Gebüsm sprang ein junger
Pinsmer hervor.
Lyzzies Atem stockte '- dort ...
entfernt, der Herr in Smwarz - sie
eilte sofort hinter den anderen gesmlossenen Laden ... wenn er sie
erkannt hätte!
Törimt, überhaupt
hinauszusehen I
... Der Schwarze näherte sich, smon
war er gegenüber dem Fenster, ein
untersetzter, rotnasiger Spießbürger,
der gemächl:ch, die Zigarre im Mundwi nkel. vorbeistolzierte.
Lächerlich, den da und ihn zu verwechseln !
Draußen schlug es einmal.
Das akademische Viertel .. jeden Augenblick I

jetzt

Einfach lächerlich ihre Aufregung!
Nachdem sie so viele Monate ge=
wartet, sollte 'sie diese paar Minuten
nimt ertragen? Sie mußte etwas vornehmen .. . blickte sim sumend um ging zum Flügel, spielte eInige
Akkorde - - - dann aber überhörte sie am Ende sein Läuten ging zum Schreibtisch, nahm aus der Briefmappe ,nodllnals sein
Telegramm - las wieder: ;,Bitte, mim gegen sieben Uhr zu erwar ten. Herzlichst R .. '
Nun ja, "gegen': sieben Uhr. Da konnte er smließlich gerade
so gut um halb amt oder etwas später .. '
Irgendwo übte jema'nd bei offenem Fenster Klavier.
\X1 as war es doch gleich? "ie summte die Melodie, solch be~
kannte Sache - aher freilich - z u dumm, daß ihr das nicht einfiel! - - nur schlecht im Rhythmus , , . Das brauchte sie doch wirkli& nicht zu kümmern, was jene
klimperten ... sie horm.te auf: - ein Wagen - eintönig tappten
die Hufe; immer gegen den Takt des Klavierspiels " .

8

Unsinn! er fuhr dom grundsätzlich nimt Drosmke.
Die Gipfel der Bäume regten sim leise gegen den blauen
Abendhimmel.
,,- Komm - komm endlich! -" flüsterte sie in die Stille und
dehnte die Arme. Der Klavierspieler machte einen Fehler - nun
blieb er stecken. - Aber natürlim ! Rhapsodie von Liszt. Wenn
man an dieser Stel le nimt mit dem vierten Finger übersetzte, verhaperte man sich unbedingt ...
Wäre es denn möglich ... ? Nein, unmöglich, ausgesmlossen _
er hätte sie simer benamrichtigt. Ganz simer. Bei seinen Verwandten antelephonieren? - nein - die schöpften gleich Verdacht.
Sollte sie sim vielleidH im !)atum
geirrt - - - nein, nein, das Datum
stimmte. Es , war ja ohnedies erst
halb amt Uhr.
Irrsinn, sim so aufzuregen; er kam
bestimmt!
Sofort mußte er hier
sein.
Gegenüber in den Anlagen, auf
grün gestrimener Bank, rekelte sim
ein kleines Mäd<:ben mit s<:bmuddeliger
SdJürze und dudelte was vor sidJ hin.
Während sie es beobachtete, das jetzt
umherhüpfte, erstand vor ihr die eigene'
Kinderzeit.
.
Früher wurde so gespielt: Man
durfte keine Ritze des Trottoirs betreten, über die Ritzen mußte man
springen, manmmal den ganzen SdJulr
weS' entlang - und es gab auch noch
ein anderes Spiel, da mußte man, auf
einem Bein hüpfend, Steine in nume~
rierte Abteilungen vorwärts stoßen Hippemann hieß das.

(
"

' /

Schmale Wolkenstreifen sdlimmerten
rötlim durch belaubte Zweige. - Die
Sonne geht unter, - dachte die junge
Frau.
. ' . Wo f1ümteten alle die Jabre bin,
seit sie so mit baumelnden Beinen auf
grüner Bank saß? Kaleidoskopartig
stürzten sie ineinander. Schien nimt ihr ganzes Dasein , wie
dieser Abend - ein Warten -1 Sie
erwartete immer das Leben - - vergaß darüber das Leben ...
Was erwartete sie jetzt wieder von
Zukunft und Sensation)
Hier erlebte sie ja die Sensation
gegenwärtig· - in der Niete der Erfüllung.
Sie nahm. sim Lose der Liebe, so
gut wie jedes Dienstmädchen: Das
Dienstmäd<:ben machte den Treffer, der
gehörte die Nacht und ihr Soldat.

Der Treffer war woh l da für einfach
praktisch Liebende, die den Moment g~genwärtig errafften, die es
verstanden, real zu lieben, ohne Phantasie.
Die Phantasie der Liebe schien nur ein unnützer Kraftaufwand man tastete erwartend einem Unklaren entgegen - so etwa:
wie, wenn man im Dunkeln die Treppe h!naufsteigt und glaubt
fälschlim, es kommt keine weitere - - oder man hebt einen
Waschkrug hoch - glaubt, er ist voll, aber er ist leer. Verblüffung der getäuschten Phantasie vor der nüdltern souveränen
Wirklimkeit.
Ein typisches Gefühl ,- kein - etwas ganz Banales ... lediglich
die Feststellung eines irrigen Kraftaufwandes.
- E s ist wohl noch anders. - grübelte sie, - noch ganz anders,
aber mein Kopf tut weh, im bin nrwirrt
Sie faßte matt nach
        
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