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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

janTg.20

NT. /

Dk Herzogin

Über die rrauen

V011

Berry

/716

Die Frauen haben Einfälle hartnliekige Grillen und bisweilen
Neigungen. Selbst bis zur 'Leidenschaft können sie sich stei ·
gern.
Für Anhänglichkeit aber
sin.d sie am wenigsten empfänglich. Allen ihren Eigenschaften
nach sind sie wie geschaffen für
unsere Schwächen und Torheiten,
aber mit unserer Vernunft kommen sie nicht aus. Zwischen
Mann und Weib wirken sehr wohl
die Anziehungskräfte des Lcibes,
aber in sehr geringem Maße nur
die des Geistes, der Seele und des
Charakters. Den Beweis dafür erbringt die Tatsache, daß sich die
Frauen, auch die desselben Alters,
aus einem Manne in den vierziger
Jahren so wenig machen. Sf;hen_
ken sie ihm doch ihre Gunst, so
wird man irgendeine unsaubere
Absicht dahinter entdecken, Berechnungen, wie sie die Eitelkeit
oder materielles Interesse anbestatigen aber
stellen; dann
solche Ausnahmen die Regel, und
sogar mehr als die Regel.
In
diesem Falle hat nämlich der
Grundsatz: " Wer Zuviel beweist,
beweist nichts", keine Geltung.

*
Früher suchte man in Liebes·
händeln den Reiz des Geheimnis·
vollen, heute den Reiz des Unerlaubten.

•

Für die Liebe genügt, wenn man
einander auf Grund beiderseitiger,
liebenswürd iger Eigenschaften und
Vorzüge gefä llt. Will man aber
in der Ehe glücklich sein, so muß einer auch noch die Mängel
des anderen lieben oder man muß in dieser Hinsicht zumind estens zueinander passen.
Nicolas Chamfort

16

Der Herzog Philipp von Orleans, der dem fünfzehnten .Ludwig di e Regentschaft führte, hatte bekanntlich ein sehr weites
Her;;: und ein aus gedehntes Liebesleben. Seine Maitressenwirtschaft
war wohl die berüchtigste in Frankreich und seine Tochter, die Herzogin von Berry, war die Gönncrin und Förderin der galanten
Frauen ihres Vate rs.
Ihrerseits
hatte sie wieder ihre Kavaliere
und die Roues, und diese waren
oftmals auch die Freund e der
väterlichen Geliebten. Im Schlosse
zu Versailles fanden dann die
Orgien und Schönheitsabende dere r von Orleans statt, von denen
die Feinschmecker in Paris ihren
UnterhaltungsstoH und ein Stückehen Kultur bezogen.
Herzog Philipp hatte von Zeit
zu Zeit moralische Anwandlungen
und so machte er eines Tages der
Herzogin bitterste Vorwürfe, weil
sie in seine Fußstapfen t rete und
so das Geschwätz der Pariser
bilde. Die Tochter, die lind angesäuselt war, flüsterte ihm energisch zu: "Herr Herzog, wenn Sie
mir in Liebesaffairen noch einmal
moralisierend nahezu treten wagen, gehe ich in das Kloster der
weiße n Schwestern und veranlasse,
daß Sie einstens die Seligkeit yero
sagt bekommen, deren Sie als guter Christ immerhin bedürfen. Eine
Nonne, das wissen Sie, vermag betend alles!"
Der sehr abergläu bische, auch
okku ltistisch veranlagte Regent,
zuckte zusammen : Von dieser Art
Jenseits wollte er ebensowenig
etwas wissen, wie der drangsalierte
Pariser Bürger von der Steuer und
er machte sich rückzugsbereit: "Liebes Kind, reden wir nicht
vom jenseitigen Leben, reden wir vom diesseitigen! Ich sehe,
Sie lieben den Burgund er Edelwein und Sie scheinen mir im
Amoureusen begabter zu sein als Ihr Vater. Handeln Sie so,
daß ich in Ihre Fußstapfen treten kann, meine Tochter, und
tun Sie, was Ihnen beliebt!"
end so geschah es.
Egon H. Straßburger
        
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