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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahr". 26

Nr.7

rücksichtslos wissen lassen. Keinesfalls darf das geschehen! keinesfalls - -"
Hilflos tasteten ihre Blicke von der beleuchteten Tischdecke
zur Wand.
Gemächlich, ironisch lächelte die Urgroßtante mit der
Sonnenblume zu dem jungen Paar herab.
.
Dieses Lächeln machte einen wirklich nervös!
"Ich werde das Bild in den Korridor hängen lilssen", dachte
Lyzzie, "es paßt überhaupt nicht zu der modernen Einrichtung".
"Siehst du, mein Kind - ich bin keiner dieser oberflächlichen
jungen Leute, die derartige Dinge so leicht nehmen, wie es
Lautlos erhob sie sich, ging auf den Flügel z'u und stellte
heute meist üblich ist - in mir bleibt alles dies ein exklusives
sich Egon gegenüber.
Sie schaute unverwandt nach dcm jungen Mann, der dort
großes ' Erlebnis, das ich für stl"ts in meinem Erinnern trage .. "
Pause.
nachdenklich auf dem kleinen, geblümten Sofa lehnte.
Lyzzie saß hineingeschmiegt
"Es ist hei dir immer so ~e­
in die bunte Seide der Kissen;
mütlich", hatte er gesagt, a.ls
die weichen Falten ihres Kleier von der Kälte draußen tn
des flossen zärtlich an ihm hin,
Friedriclutr. 80
~O ~O Friedrichstr. 80
den dämmerigen Raum trat.
an
der
Belrre,..traße
n
I
A
I
an
der
Belr1enstraße
sie war ihm so nahe, und den"Gemütlich - ja gemütlich-"
Vornehmster
noch schien er ihr unerreichbar
A ben d. 8". U" r :
Ein sehr gemütlicher
fern.
. Das große
5-UHR-TEE
Nachmittag.
Sie fröstelte. Es war eine
Tanz - Kabaret
Kabaret-Programm
Schande, daß die Zentralhei"Egon", sagte Lyzzie plöt~­
zung wieder so schlecht funklieh unvermittelt, "ich muß dir
tionierte!
etwas Wichtiges sagen: - ich
Und sie begriff, daß er vergaß. daß sie lebend neben ihm
liebe dich nicht mehr!" - Ihre Worte tönten hell durch die
atmete, mit a llem reichen Empfinden - d aß sie selbst diese
Stille des Zimmers. Sie wunderte sich selbst, wie schlicht und
Frau war, von der er ihr aus seinen erinnernden Gedanken,
wahr diese Lüge klang.
.
wie. von einer anderen, fremden, längst verlorenen sprach.
Man hörte nur das rhythmische Ticken der Uhr, als pulSiere
.. Sie ~rkanp.te, daß er sich heimlich von ihr löste, mit seinen
durch das Schweigen ein angstvoll tönender Herzschl~g ..
ruck:wartstastenden Gefühlen, fort aus ihre r Gegenwart, fort
Egon starrte fassungslos hinübe r zu der Frau. Em el~en­
aus Ihrer Zukunft, in die Vergangenheit flüchtend, - in der
tümlichcs Erstaunen bewegte seine Blicke, die ohne Begreifen
er Jene andere suchte, die sie selbst ihm nicht mehr war und
nach ihr irrten.
nie mehr sein konnte. Und während er Bild um Bild aus
" . . . Wie . . . ?" sagte er endlich, "bist du wahnsinnig
fernen, lichten Sommertagen holte, fühlte sie, daß er mit jener
geworden? Was sind denn das nun plötzlich wieder für GeGlücklichen im hellblauen Fulardkleidch en sie betrog. schichten! - Das ist - das ist ja nicht möglich - Unsinn!! "Sonderbar - ich bin eifersüchtig auf mich selbst", dachte
Lyzzie und starrte in das Lampenlicht. "Das ist - wieder eine deiner Unglaublichkeiten", hörte sie
seine errcgte Stimme, "daß du so etwas aus heiterem Himmel
Einen A ugenblick trieb es sie, als müsse sie ihm alles er- einfach so hinschleuderst - - - direkt typisch!"
klären, irgend wie für ihre
Er hatte sich brüsk erGegenwart kämpfen!
hoben und stieß dabei
Aber regungslos vergegen den Teetisch; die
harrte sie in gleicher
Flamme
der
Lampe
Stellung.
flackerte zuckend auf Ihr schien es, als dürfe
die Teetassen klirrten
sie sich nicht rühren, ihn
wie in Schreck.
nicht ansehen, damit er
"Weißt du", sagte der
nicht im plötzlichen Erjunge Mann, indem er
kennen den Tod seiner
dicht vor die zierliche
eigenen Liebe begriffe.
Frau hintrat, "das hätte
. Egon warf das Ende
ich denn doch nicht von
der Zigarette in den
dir erwartet, daß du so
Aschenbecher. Es seufzte
frostig - so rücksichtsverlöschend im Grunde
los - so plötzlich - - "
der Schale auf.
"Es ist nieht plötzlich",
.. . Weißt du noch ... ?
erwiderte sie matt, "ich
- tönte das Echo in
'fühle sch~)O lang~: daß
ihren Gedanken. alles aus Ist - Blumen, die man auf
- Dann hättest du
einem
Grabe pflückt,
eh'~r- gleich - " Lyzzies
fühlte sie.
Lippen teilte ein hilfloses
Wie sangen doch die
Lächeln. Das Lächeln erSoldaten? . . .
starrte auf ihren Zügen.
- Weißt de noch - die
Wenn er doch ginge!"
schönen Mai-en-tada'~hte sie gequält.
ageh? Sie wandte sich langDas fiel ihr jetzt ein.
sam von ihm fort und
Wie ging doch gleich
schritt dem Fenster zu.
die Melodie weiter? Und
Der hohe Pfeilerspiegel
wie der Text?
warf ihr Bild zurück, und
- Maien-ta-ah-geh
plötzlich erkailnte sie in
- Weiter wußte sie nicht.
ihren Zügen das starre
Lächerlich, wie einen
Lächeln der Urgroßmutsolch törichte Melodie
ter mit der Sonnenblume.
verfol~en konnte! _ _
"U~d gerade in diesem
"Noch kehrt er wieMoment - heute! - ausder, ahnungslos"-dachte
Maulwurfmantcl
gerechnet heute! - wo
mit großem Shalkragen
Lyzzie - "noch klamich so von meiner Liebe
mcr.t er sich bei mir an
, sprach'" drangen vormein Bild des Erinnerns.
wurfsvoll seine Worte
heute noch begreift er
wie durch Nebel zu ihr.
nicht sein verlorenes Ge"Du bist mir unverfühl - in ein paar WoROBERT GROSZ
ständlich! - Solche Dinge
chen - übermorgen sind mir einfach unverBERLIN W:S7 • BVLOWSTRASSE
morgen viell~ich~~ wird
ständlich! - Du hättest
iftsräume der At.tn;oden~Firma Ina Tuschncr)
er dic Wahrheit nuchtern
eine andere Form ___"
erkennen und sie mich
Beide schwiegen.
Du weißt, ich ahne die Dinge so im voraus - ich bin so
sensibel für das Kommende . . . du, bitte, hast du kein Streichholz? Die verfluchten Benzinapparate taugen rein gar nichts!absoluter Schwindel! - wenn man den ganzen Tag steht und
die dummen Dinger auffüllt -"
Die junge Frau reichte ihm ein brennendes Streichholz.
"Danke sehr."

RO

Elegante PeIzlDoden

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