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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

JO~''I.2(j

Nr. 7

Eva

,

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Spiegef

Zeo" Belramtu"Den ziDer die See{e der 'Frau
Von Hanns Lerco

'Fünftes

Bild:

Ich gebe dir diesen Namen, da ich den deinen nicht weift
Ich weiß alles von dir, fühlte alles an dir, nur den Namen
sagtest du mir nie. Ich fragte dich auch nie danach.
Was hat schließlich der Name mit dir zu tun!
Er künnte dich höchstens in meinen Erinnerungen unschmackhafter machen.
Zum ersten Male sah ich deinen schwarzen Pagenkopf, als
ich in einem Kaffeehaus hinter einem steinharten Flügel saß,
Walzer, Märsche und Gassenhauer pochte und in harten
Rhythmen den Takt in die offenen Mäuler der kleinen Mädchen und ihrer }( avaliere paukte.
Dazu hatte mich mein Magen gezwungen.
Ich trug das mit ebensolchem Gleichmut wie meinen abgeschabten Smoking, meine dünnen Beinkleider und meinen
Papierkragen.
.
..
Da sah ich dich eines Abends ZWIschen den anderen Kopfen
vor einer Marmorplatte und einer Tasse Kaffee sitzen Sah dich und beachtete dich weiter nicht.
u
Als wir aber den "Herausschmeißer gespielt hatten, ging
ich wie an jedem Abend nach Hause Müde - hoffnungslos - allt:in.
An der Drehtür wartete jemand, sagte:
"Herr Konrad
Eine schmale Gestalt trat aus dem abgezirkelten Lichtkegel
einer Straßen lampe Du - ! Trugst ein kurzes schwarzes Kleid - ein bewußt
kur./:es Kleid.
..
Dann gingst du neben mir - schwelgend Immer neben mir Fragtest nicht wohin Bliebst vor der Haustür stehen, ' als mein Schlüsselbund
klirrte Kamst mit - stiegst die Treppen mit hinan - schweigend
- nur ein eigen starker Duft nach Rosen, der irgendwoher
aus dem schwarzen Treppenhaus kam, ließ mich wissen, daß
ich nicht allein war.
Saßest dann in einem hochbordigen Lehnstuhl in meinem
Zimmer.
Wer bist du?
Ein Weib, das mich sah.
Wie heißt du?
Nenn mich, wie du willst.
Ich schwieg.
Du sagtest das erste Wort - sahst mein Mietklavier
Gib mir eine Zigarette - und spiel _U

U

\ Vas - ?

"

Einen Tanz, wie sie ihn unter einer heißen Sonne tanzen U nd ich spielte mich in ein sehnsuchtsvolles rausehiges
Heischen.
Ganz leise - einen· Csardas - voll leiser zusammenge~
schmolzener Leidenschaft
Spielte die Töne in mich und versank in mir mit meinen
A ugen h .
'W Id
Sah eine blaue Sommernac t Im
a e - ein kleines loderndes Feuer - grüne Zigeunerkarren - hörte die einsamen
endlosen Melodien einer einsamen Fiedel.
Hinter mir raschelten und knisterten seidene Stoffe Die Töne garbten glutvoller unter meinen Händen -lauter Hörte einen Schrei von dir Blickte mich um Sah im blassen Dämmer der Lampe das elfenbeinfarbene
Weiß deiner Glieder unverhüllt - ebenmäßig - duftend (anzend Riß mich von den Tasten
Hatte rote WeHen im Hirn und kniete vor dir - vor dem
llildwerk einer frohen heidnischen Göttin Rankte meine Arme um deine Knie streichelte mit
zitternden Händen deine Schönheit Dann losch die Lampe Ich fühlte deine Lippen.
Und die Nacht ward ein wildes Feuerwerk von Küssen Zersprang in bunt gaukelnde Ornamente und sank in einen
purpurnen Abgrund von Nicht-mehr-wissen -

18

LULU

Am Morgen, als ich erwachte, warst du fort Wohin, wußte ich nicht Warst du ein Traum gewesen _ ?
Am nächsten Abend aber fümte ich, daß du doch Leben
warst .
Unsere S~elen .zersprühten wiederum in glühenden KüssenTanztest m demer unverhüllten Nacktheit wieder für michFür mich ganz allein _
Dann sah ~ch dich lange Zeit nicht.
Doch an emem trüben Nachmittage
.~ch gab. einem ganz lieben, aher auch ganz fa rh losen kleinen
Burgcrmade\ Klavierstunden - einem kleinen Fräulein mit
~rellblondem Flac~shaar und blauen Puppenaugen _ weil sie
gut bezahlte - 10 Geld, Naschereien und verhimmelnden
Blicken Da ging die Tür auf Du standest in ihrem Rahmen.
Lodernde Augen flammten aus einer schwarzen Erzgestalt _
Hart - hingegossen Und wandtest dich ohne ein Wort zum Gehen _
Ich hatte einen heißen Schreck in mir Den dämpfte eine langsam rieselnde farblose Zeit, lullte ihn
ein Und eines Abends wartetest du wieder auf mich Tratst aus demselben umrissenen Lichtkegel der Straßen.
laterne - Warst aber zerflossener in deinen Schritten Dein Duft, der starke Duft der Rose schwebte wieder
schweigend neben meinen Schritten.
•
Und wieder war ich mit dir, mit der Nacht und mit den
Tönen allein Drehte mich auf dem Sessel, wollte mit weiten Augen
deine Schönheit trinken Du aber saßest am Tisch und hattest müde den Kopf auf
die Arme gestützt Tanztest nicht Ieh erhob mich unsicher, ging zu dir Umfaßte dich, fühlte an deinem Mieder etwas Hartes, Langes··W as ist das - ?
Du erhobst den Kopf und hattest erzene Züge Du, was ist das - ?
Deine Augen wurden ängstlich, dann wild Dann warfst du etwas auf den Tisch Das klang hart in das Schweigen - in die Nacht Das war ein scharfgeschliffener Dolch, der mit höhnisch
bläulichem Glanz im Licht der Lampe funkelte
. Mir wurde eisig kalt . Für wen"Für die andere, wenn ich sie bei dir gefunden hätte"
Deine Stimme glühte die Worte
Ich stand da - in schlaffer, unbewußter Trägheit In der Brandung meiner Gedanken denen ich keine Worte
geben konnte ,
Du aber warfst den !<' opf auf die Arme und schluchztest
wild auf Die Nacht um uns war eine dröhnende Stille Machte so müde, machte so schlaff.
Du lagst an meiner Seite - ich war wunschlos; wußte nicht
weshalb Und besaß dich nicht Und am Morgen warst du wieder verschwunden
Den Dolch besitze ich noch Da liegt er ~uf dem Schreibtisch
Dich aber sah ich nie wieder Weiß heute noch nicht, wie du- hießest
Weiß heute noch nicht, wer du warst N ur eines weiß ich Eine fremde Hand warf einmal einem Träumer eine Rose
in den Schoß, die unter einer fernen, unter einer heißeren
Sonne erblüht war Die blühen wollte, weil sie voller Leben glühte, ohne Eigennutz - als wirklicher Traum voller Hingabe - Rausch Vergessen Und deshalb bin ich dir so dankbar.
(S.d,sres Bild folsr)
        
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