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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

J a6rll.26

N,.7

Erich-Maria Remarque
Manchmal sind die Maiabende wie eine weiche, unendlich wdme,
goldbraune Tangomelodie; voll einer sanften Gelassenheit, für die
~Ibst die pfirsichzartesten Frauenschultern und die schönsten Knie
zu brutal sind, die nur den Gedanken, den losen spielerischen
Gedanken an Frauen duldet, nicht die Frauen selbst.
Dann kauere ich mich auf meine Chaiselongue zwischen die vielen
bunten Kissen und träume vonodenen, die mir diese Kissen schenkten.
Neben mir liegt ein welcher Puff aus grauem Wildleder. Er lag
einst mit vielen anderen In einem smmalen Klepperboot. Es war
im Juni und der Sternen dom blaute tiefer in der einbrechenden Namt,
wir hatten uns lange stromabwärts treiben lassen. die kleine Erika
und ich. Und als nun die Ebenen zu dunklfn Massen versmwammen,
schwarz der Wald bis ans Ufer trat und der
Duft der Rosen manchmal herüberwehte, in.
des irgendwo vom Rande her aus einem
Hause eine Geige klang: da richtete sie sich
auf, sah mich aus ihren grauen Märmenaugen
lang an und sagte stockend: • Du - es ist so
smön - der Abend - der Fluß - ich muß
dich küssen -.e Ganz leicht wie ein Rosen.
blatt kam ihr Mund, dann lag sie wieder smeu
und schweigend im Boot. Wir schwiegen,
bis daß wir anlegten und das Boot zusammen.
falteten. Da schob sie mir mit einer fast
heftigen Bewegung das Kissen zu, wollte
etwas sagen, wandte sich aber ab. - Wer
empfindet es, was darin smwingt, daß ein
Madchen einen Mensmen küssen muß; weil es den Abend so tief fühlt. Den Batikwürfel daneben bekam ich von
einem entzüdtenden Smmalreh das allabendlim
an der Lcipzigerstraße austra;, ein wenig ver.
hoffte und dann über die Friedrimstraße
wechselte. Ich pirschte es an und mamte es
weidwund mit dem Versprechen eines japani.
smen Kimonos von glanzloser Seide aus mei.
ner Japansammlung. Schöner Ist mir die Büste
Konfutses selten erschienen, wie damals, als
I~ner smlanke Ephebrnkörper dieser Jüng.
Imgln slm an ihn preßte und sie lachte: ,. Ich
mödll' eum alle beleben soviel Lieb' hab'
im zu versmenken.e D';s Versmenken war
nun allerdings mehr bildl/m gemeint, aber immerhin. _
In dieses Kissen hat eine kleine Japanerin hinein8eweint, als sie es
. mir am Honmuko von Yokohama fUr die lange, lange Reise über.
reidlte. Kyngyo san hatte so oft im Teehaushinterzimmer des Hiogis
zu den Klängen eines Samisen und einer Tsuzumi die Dschonkind
getanzt, den Obi gelöst, graziös den Kimono folgen lassen, um zuletzt
nur mit einer Blume bekleidet umherzuwirbeln. Arme Butterfly!
Aber wer weiß, wieviel Kissen sie schon inzwischen wieder verschenkt
hat, trostlos weinend.
Und dieses runde Seidenetwas hat immer nodl den leisen Khasana.
duft · der Prau, die idl nidlt kenne, von der ich nimts weiß, als daß

sie Tänzerin dämonisch schön und eine Nacht - ja, das weiß ich Ja
eben nicht. im sah sie und mußte ihr folgen. Was wir gespromen
haben weiß ich nimt mehr. Nur daß mim das laszive Blaß ihres
Nack:ns so erregte, daß ich ihn beim Abschied küßte. Da gl.ng sie
ohne ein Wort ins Haus. Ich folgte ihr. In einem dunkelen Zimmer
fühlte ich ihre Hände. Irgendwo waren Kissen; Sie lockte, f!oh.
Umwand mim plötzlim mit einem Kuß. Lockte wieder. Von ~lDer
Chaiselongue zu einem niedrigen Sofa, von einer Ottomane zu elDem
schweren Eisbärfell, das ganze Zimmer smien nur mit Kissen, Tep.
pichen und Fellen vollge~orfen zu sein. Wir verloren bei dieser
wahnsinnigen Jagd Stück für Stück unsere Kleider I rissen sie ab warfen sie weg. Bis Im plötzlich ihre Hände fühlte, die mich streicheI.
ten, streichelten, wahnsinnig aufpeitschend
streimeltfn, nur streichelten, daß Ich von dem
Nachfolgenden nimts mehr weiß, nimt, ob
ich sie besessen habe oder was sonst nom
gesdlah. Ich erwachte morgens in einem
anderen "Zimmer. Dachte mit geschlossenen _
Augen: Häßlim, jetzt eine Frau neben sim
mit ungepulZten Zähnen, nüchterner Morgen.
Aber sie war nicht da. Im kleidete mich
an. Im Nebenzimmer war gedeckt. Niemand
kam. Im ging. Zum nächsten Blumenladen.
Gab die Wohnung an. Sudlte ganz lang.
stielige Blumen, den Namen weiß ich nicht
mehr, aus, viele, und befahl, sie lose zu
nehmen, nlmt zusammengebunden, und sie
in das bezelmnete Zimmer zu werfen, wohl.
verstanden, lose hineinzuwerfen. Die Leut.
chen sahen mich ein wenig blöd an, ver.
spramen aber dann, es zu tun. Im hatte
in einer dummen Regung beim Fortgehen
meine Karte auf den Tisdl gelegt. Aber sie
war nicht so geschmacklos, mir zu danken
für die Blumen, wie im etwas fürmtete.
Erst ein Jahr später kam irgendwoher das
Kissen mit ihrem Duft -.
So mandIe Kissen liegen nom da,
solche mit Weinflecken und andere mit
Wachstropfen, sie erzählen von Kerzen·
glanz, der um eine weiße Weiberhaut und
roten Burgunder glomm. Andere zaubern
schmale Hände hervor, die einst Stich um Stich Sehnsumt mit hinein.
stickten. Nach Liebe, Scbönheit, Freude, wie ihre Trägerinnen meinten,
nach Kinderwagen, Versorgung, Ehe, wie ich annahm. Wieder andere,
gebatikte, bunte, weiße, sdlwarze, große, kleine, - im wühle deI'!
Kopf hinein und träume - - von allen.
Und Im Maiabend, der wie eine unendlich weiche, goldbraune
Tangomelodie immer mehr eindunkelt, erscheinen mir diese Träume
gegen das Erlebte so phantastism wirklich und smön, daß fast eine
sanfte Gewißheit mir alle Wehmut über das Vergangene fortlämelt:
Man lebt doch elgentlidl nur, um nachher von dem Erlebten zu
träumen.

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