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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.7

Ja/Jrg . 26 '

Das Haar der Künstlerin

Aphorismen

Von Egon H. Straßburgcr

\\1 as nützt der Kuß dem schönsten Munde, wenn nicht
dabei das Blut erglüht'?

Die Haltestelle ist von knospigem Grün umrahmt. Die
Sonne verschwe nd et ihr leuchtendes Gold und 'wirft es auf
den Asphalt, der vom Frühregen noch ziemlich feucht ist.
Ein Zcitungsverkäufer ruft in monotoner Art den Passanten
die fettgedruckten Ereignisse des Tages entgegen und ein
Jüngling pfeift, die Büchertasche unterm Arm, den neuesten
Operettenschlager vergnügt in den Berliner Morgen hinein.
Da taucht eine elegante Dame auf und bleibt an der
Haltestelle stehen. Das ist die Taille der Aphrodite, jener
dem Meeresschaum entstiegenen Göttin, die die Welt der
Alten schon beunruhigt hatte. Die moderne Göttin an der
Haltestelle elektrisiert die ganze männliche Umgebung. Blutrotes dichtes Haar umrahmt eine schneeweiße Stirn. Die
stolze, frühlingsschöne Frau gibt sofort Rätsel auf. Ob sie
aus Ungarn stammt, ::>b aus Po len oder aus Irland? Manche
meinen, dieser Gesichtsausschnitt weise auf Neukölln hin.
Aber ein Mäcen, ein Romantiker erklärt enthusiasmiert: das
Haar sei tizianrot ... nur weiß er im Augenblick nicht, wo
das berühmte Gemälde ihres Ebenbildes in Italien hängt.
Aber er doziert, daß Tizian, der dieses Rot besonders schätzte,
ein Fe.inschmecker erster Güte gewesen sei.
Der Jüngling mit dem Operettenschlager aber weiß mehr
als Mäcen und Tizian: er weiß, daß dieses rote Haar im
Kabarett täglich Triumphe feiert, daß diese Frau Lieder aus
der Revolution Frankreichs vorträgt, Dinge von Danton,
Robespierre, Geschichten aus der BastiIle
Der Jüngling flüst ert es den Leuten zu . . . der Mäcen ist
enttäuscht; er dachte, dies Haar gehöre einer grandiosen
Schauspielerin, nun aber trage diese Frau nur Revolutionslieder vor. .. Aufguß eines Rouget de l'Isle. Schandbar!
Irgend ein dreister Kavalier nähert sich ihr. Seinem Freunde
hat er vorher zugeraunt, daß rotes Haar die herausforderndste
Farbe neben Kunst-Blond sei ... er verm ute lockere LebensMaximen. Der dreiste Herr zieht den Hut und sagt: "Verzeihung, Gnädige, waren Sie Sonntag nicht auf der Rennbahn?
Hahen Gnädigste nicht auc h auf den starken Herkules gesetzt?"
Die elegante Frau mit dem blutroten Haar betrachtet den
Gent mit weltverachtender Miene, beißt sich auf das sanft
aufgelegte Lippenrot und führt, einer plötzlichen Eingebung
folgend, den rechten Zeigefinger an die Stirn:
"Herr, Sie haben entschieden einen Triller. Gehen Sie
zum Nervenarzt . . . " Sie nennt diesen Arzt, er aber trippelt
wie ein begossener Pudel davon und hört nur noch ein
Kirkc-Lachen.
Mäcen, Lehrling, Bankier, Fensterputzer . .. was an der
Haltestelle steht, freut sich der Abfuhr. Seliges Glück der
Schadenfreude! Reinster Erdengenuß! Haltestellen-Pech!
Der Jüngling steht da mit transcendentalem Lächeln, überlegt und kommt zum Ergebnis, daß die Frauen der Revolution
Frankreichs und die Damen, die blutrote Revolutionslieder
bei dieser aufreizenden Haarfarbe vortragen, die wertvollsten,
apartesten und pikantesten seien.
Daß dieser Primaner in seiner Begeisterung acht Nächte
lang von Haltestellen, von Tizianrot und rotem Blutgerüste
träumt, ist wohl als durchaus sicher anzunehmen. .. Möge
er keinen Schaden an seiner Seele nehmen . . . !

Eine Auslegung
,,jung ge/reit
hat noch niemand gereut/" Es gibt also wirklich erwachsene Leut',
die öffentlich wagen,
so etwas zu sagen nun ja - die We lt wird wohl niemals gescileit!
Oder doch? - Ich bin schlecht:
der Man n hat ja recht!
Wenn du jung bist, dann freie
mit Kunst und Esprit,
genieße die Wonnen
der Liebe besonnen freie tagläglich, doch - he ir a t e nie /

14

E,ich Ejll.,

Spitzenwäsche ist Vorspeise.

*

*
Mancher Mann streichelt den Arm einer schönen Frau _
nicht um den Arm, sondern um das Prickeln in scinen Fingerspitzen zu spüren.

•

"Mädel sei gescheit!" sagt der Mann und freut sich, wenn
er ein Dummchen gefunden hat.
Solange der Mann bewundert, bleibt er Kavalier.

•

. Es s~1l doch noch vorkommen, daß die Begriffe Ehe und
Liebe nicht miteinander verwechselt, sondern verbunden werden.

•
Nicht die' Lel'denschaft, dl'e Ka"lte d es M annes treibt die
Frau oft ins Verderben.

•

Wenn deine Freundin dich mit Nachdruck als ihren Freund
bezeichnet, dann will sie etwas.
Alle Weisheit macht müde.

•
Cerd Hann

Tageshumor
Der Reichswehrmajor von Witzleben vom Reiterregiment 3
besichtigt junge Remonten, die der Pferdehändler Leo Schocken
aus Bentsehen durch seine Knechte vortraben läßt.
"Ist das da Halbblut? Dort die dralle Braune?" fragt der
Major interessiert.
"Jawoll, versteht sich, Herr von Witz - " stottert der lieferant ehrerbieti g.
"Mag sein, daß ieh ein Mann von Witz bin, heiße aber von
Witzleben", entgegnet der Konrtuandeur.
"Ja woll, Herr Major von Witz - ", gibt Schocken dennoch
stutzig zurück.
"Witz leb e n", raisonniert der Offizier darauf schon ärgerlicher.
Da gibt der verängstigte Pferdehälldler rührend-bescheiden
zurück: "Aber Herr Majorl Wo werd ich mir erlauben zu
einem hohen Kunden solch plumpe Vertraulichkeiten I"

Von der Börse
"Wissen Sie, welches Papier immer fällt, trotzdem es täglich
im Preise steigt?" fragt Witzig.
"Nee, noch nicht. Und was soll mir so ein Tip? Ei ne
Aktie mit Fallsucht ist doch unbrauchbar'" antwortet Hitzig
mißmutig.
"Sagen Sie das nicht, lieber Freund", entgegnet Witzig.
"Ich meine etwas sehr wichtiges, - nämlich Toilettenpapier.
D, Dämpfer

Shaws Rivalen
Ein Witzwort des stets schlagfertigen G. B. S h a w macht
jetzt die Runde in London. Bei einem Festessen, bei dem er
den Vorsitz führte, kam das Gespräch auch auf eine Umfrage,
die kürzlich über die drei größten lebenden Eng länder veranstaltet worden ist. Die meisten Stimmen hatten Shaw, Lloyd
George und der große Filmstar Charlie Chaplin erhalten. Einer
der Teilnehmer fragte nun Shaw, .was er zu dieser Gesellschaft
sage, worauf Shaw erwiderte: "Gegen Charlie habe ich nichts".
        
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