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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.7

Jo"rg.26

]\; achdem Dr. Paulsen die ersten Tage der folgenden Woche
sehr vergeblich auf das Erscheinen der roten Rose gewartet
hatte, griff er schließlich zu einer List. Er rief beim Hofkapellmeister mittels Fernsprecher an.
"Hier Dietrich Dalmers", meldete sich ein Mannesbaß.
Ernst Paulsen schwankte unentschlossen einen Augenblick;
dann aber erwiderte er schlagfertig: "Hier ist die Konzertdirektion Sachs. - Wir möchten uns die Anfrage erlauben, ob
Sie übermorgen für Breslau zu einem Gastspiel frei wären?"
"Aber Sie Idiot Siel Sie wissen doch selber besser, daß ich
morgen früh nach Leipzig muß. In Ihrem Geschäft scheint
ja ein schöner . . . "
Paulsen hatte sofort angehängt. Er wußte genug. Und
obwohl er in diesen Tagen keineswegs Mangel an Abenteuern
h<1 tte, sondern seinen stets belegten Liebeskalender gerade
jetzt mit intimen Terminen fast überzeichnet fand, verbrachte
er sogar ganz allein eine etwas unruhige Nacht, was beredt
dafür zeugte, daß sein Herz
hier nicht völlig unbeteiligt
war. Am nächsten Morgen erhob er sich elastisch und fuhr
vom Kammergericht schon gegen 11 Uhr im Auto nach der
Ludwigkirchstraße , "
Und
siehe dal Drei brennend rote
Rosen grüßten ihn einladend
vom breiten Mittelfensterbrett
des Dalmersschen Salons. - Der nächste Abend
fand beide beieinander. Ein netter
Imbiß mit Schnäpsen und ein paar
Schälchen Sekt waren gastlich vorbereitet. Wohlig dehnte
sich Ernst auf der
Ottomane - und
fühlte sich so froh
wie
nie
zuvor,
Noch tauschte er
ab und zu ein kleines Küßchen mit
Detta, als er sich
plötzlich
seltsam
ermüdet fand. Er
hatte doch wirklich
nicht viel getrun.,.
ken oder sollte sie
etwa ein Schlafpulver - - ? Nicht
auszudenken!
Kurz darauf war
Ernst von Morpheus Armen überwältigt
worden.
Doch
eigenartig,
sein unruhiger
Geist kämpfte tigegen
ta nenhäft
die bleierne
Schwere und den Schleier des Schlafes, so daß er doch bald
wieder erwachte. - Und was er nun zu schauen bekam, war
in der Tat mehr als interessant.
Detta hatte sich ruckartig erhoben, schlüpfte in ihre kleinen
Pantöffelchen und machte sich an seinem Mantel zu schaffen.
Auf dem Tisch stand als stummer Zeuge ihr Liebesmittlcr,
der rotrosige Blumentopf. Und Ernst Paulsen fiel indessen
von einer Ohnmacht in die andere. Dabei hatte er große
Mühe sich so lange zu beherrschen, bis Frau Detta ihre
werktiitige Arbeit endlie~ vo~lbracht hatt~ ...
Er mußte z\lsehen, wie dl~se Frau, die noch vor einer
knappen Stunde ibm vo~ Lleb~ und Weltschmerz vo~gc­
wiri1mert, jetzt resolut seme Bn.eftasche der darm befindlichen Geldstücke beraubte, und sie knax - knax - knax aus ihrer beschaulichen Nachtruhe aufschreckte, um sie mit
bewundernswerter Fingerfertigkeit auf ein Zeitungsblatt fallen
zu lassen... Wütend krampfte der zum Schweigen gczwungene Zuseha~er d.ie geballte Fau.st. ~ber es galt, Ruhe
zu halten, bis seme Jungste Freundm mit der Ausleerung
völlig fertil! war. Sogar der gute Blumentopf \~urde nun zu
seltsamer Mithilfe herangezogen. Der Dor~en nIC?t achtend,
packte Frau Detta ihr Liebessinnbild zwar nicht beim S.chopfe,
sondern dafür desto derber am festen stechenden Stiel und
hob die Pflanze vorsichtig aus dem Topfe heraus, daß a 1.leh alle,
an der Wurzel haftende Erde in dem feinen Rundformat des

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Topfes mit in Erscheinung trat. Dann setzte sie dic festgcpreßte Erdschicht mit der vollen Staude sachte auf den
Tisch, schüttete Ernst sein Gold-, Silber- und Nickelgeld
langsll;m aus der geknifften Zeitung in den leeren Blumentopf
und stellte darauf ganz harmlos den noch immer ausgebetteten
Rosenstrauch wieder in seinen Tonbehälter hinein. - Dann
erst schlich sie leise zurück und knipste plötzlich das Licht aus.
Referenda r Paulsen raste vor innerer Wut, markierte aber
dennoch den fest Schlafenden, bis er nach geraumer Zeit
entdeckte, daß sie selig entschlummert war. Er hatte sich
inzwischen sein Riieherwerk, zu dem er sofort bereit war, gcnau
ausgedacht. - Ein Lächeln auf den schönen Lippen träumte
Detta freudig dem Morgen entgegen. Als sie nach einer Stunde
scharfster BeobaehtuTlg immer noch selig weiter schlummerte.
erhob sl~h tatendurstig der beraubte Referendar im grauenden
Morgenheht. Mit einem Griff riß er das Taschentuch aus der
Vordertasche seines ]{ oekes, faßte dann beherzt den Dornen stra~eh seines Liebeshoten von gestern, um ihn mit der nötigen
!"ZucksIeht abermals auf die erdumkrustete Wurzel neben den
fontopf zy, stellen. Dann stülpte er den Topf auf sein ausgebreitetes I ueh, band den darein geschütteten Inhalt fest zu
und verstaute seine I-labe in die hintere Hosentasche. Nachdem
l'T dann die Rose in ihren Topf zurückgebettet hatte, begab er
sich zur Fortsetzung seiner so kindlich harmlosen und
doch seltsamen
Nachtruhe auf die
Ottomane. - - Am nächsten Morgen weckte ihn
schon um die fünfte Stunde die weiche Hand seiner
jüngsten Freundin,
mit der innigen
Bitte, zur Vermeidung von Klatsch
und Tratsch das
Haus vor Toresöffnung zu verlassen.
Denn äußerlich
wollte Frau Detta
unantastbar erscheinen . . .
Eilig ordnete der
Jünger der Themis
seinen Anzug, goß
noch ein eigens von
ihr gebrautes Täßchen Tee in die
Kehle und drückte
zum Abs~hied kichernd einen flüchtigen Kuß auf die
rote Rose.
"Verzeih, Schatz,
daß ich für das
Mädrben nicht einmal den ühliehen
.
Obulus erlegen
kann. Ich muß mich gestern Abend wohl vollständig verausgabt haben! Aber ich. will es nachholen", sagte er schließlich.
Und Detta wandte Sich sogar moralisch entrüstet ab. _ _ _
Zu Hause angelangt, hefreite er seine Gelder aus ihrer
ungewohnten Gefangenschaft, um das Geld wieder in die
Brieftasche zu hefördern. Wer aber vermag seinen süß-saure.l
Wonneschauer mitzufühlen, als er beim genauen Nachzählen
seiner Barschaft, die gestern seiner Erinnerung nach ungefähr
43000 Reichsmark betragen hatte, dieses nette Sümmchen in
seincm Taschentuche fast vcrc10ppelt vorfand?
Es war klar: Frau Detta hatte die Beute ihres vorletzten
Besuches als Heckpfennig im wahrsten Sinne des \Vortes auf
dem Boden des Blumentopfes liegen lassen. - - Ernst Paulsen zog alshald die hier einzig mögliche Fon sequcnz . .. Das befahl ihm schon sein geschultes Rechtsempfinden. Ein gelehriger BlumensprachleI'. begab er sich
ins nächste bessere BJumengesehäft und legte den überschüssigen Gewinn von 30000 Mark in roten Rosen an, die er
Detta in einem Riesenfüllhorn mit einer Besuchskarte übersandte, auf der deutlich zu lesen stand:
DR. ERNST PAULSEN
Sie/Jer der B[umenscn[acn,.
        
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